64 Jahre nach dem Abi

von Nicole Kleim

1952 haben sie ihr Abitur gemacht. 2016 treffen sie sich gemeinsam zum Kaffee. Annette von Weech, 81 Jahre jung, organisiert das diesjährige Treffen am Tegernsee. Nach einer gemeinsamen Schulzeit während der Kriegszeit und dem Abitur vor 64 Jahren.

Abiturjahr 1952: Annette von Weech (vorne  in der Mitte mit rotem Shirt) und ihre zehn Klassenkameradinnen
Abiturjahr 1952: Annette von Weech (vorne in der Mitte mit rotem Shirt) und ihre zehn Klassenkameradinnen

Es ist inzwischen das zwölfte Treffen, das die rüstige Damenriege, alle über 80, gemeinsam organisiert. Gefehlt hat bisher noch keine. Sie sind aus ganz Deutschland angereist, haben viele Wege unabhängig voneinander beschritten und kamen nach 25 Jahren ohne Schule auf die Idee, ein Wiedersehen des alten Abi-Jahrgangs zu organisieren.

Jetzt freuen sie sich auf Kaffee und Kuchen, gute Gespräche und ein Abendessen im Seehotel Luitpold. Gastgeberin Annette von Weech erzählt, wie sie 1944 – während des Krieges – mit 14 Jahren in die erste Klasse des Max-Rill-Mädchen-Internats nach Reichersbeuern kam. Kriegsbedingt fiel die zweite Klasse 1945 aus. Viele Flüchtlingskinder, darunter ein Teil der heutigen Damenriege, kamen erst in der dritten Klasse dazu.

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Fliegeralarm – und alle mussten in den Keller

Es gab wenig zu essen, dafür umso mehr Fliegerangriffe. Immer wenn ein Luftangriff kam, versteckte man sich im Keller, und Direktor Dr. Max Rill habe dann jedesmal ein Stück Zucker verteilt, schwelgt sie in Erinnerungen. Die Tochter von Reichsinnenminister Heinrich Himmler dagegen hätte sich nicht im Keller verkriechen müssen. Sie sei in solchen Fällen mit dem Auto abgeholt worden, sagt sie.

Wir sind zäh, wir sind gefordert worden.

Damals hatten sie keine Schulbücher, der komplette Stoff wurde diktiert. Und es sei eiskalt in den Räumen gewesen, erzählt sie weiter. Früher konnte man nicht wählen, da machte man das Abitur in allen Unterrichtsfächern. Nur eine habe ihr Abitur damals nicht geschafft, plaudert Evi Heydenreich aus, eine der anwesenden Rentnermädels.

Trotzdem ist etwas aus ihr geworden – viele Jahre später schaffte sie ihren Doktor in Medizin. Annette von Weech selbst sowie ein paar wenige der anderen Damen konnten nicht an der Abiturprüfung teilnehmen. Sie mussten zuhause arbeiten, weil ihre Eltern sie brauchten.

Damals lecker, heute undenkbar

Das Internat, das damals – aus Weechs Erinnerung heraus – ungefähr 650 DM im Monat kostete, schrieb vor, jede Woche einen Brief nach Hause aufzusetzen. Dafür erhielten sie vorgefertigte Faltbriefe, die mit “Heil Hitler” gekennzeichnet waren. Jeder Brief wurde zensiert, berichtet Evi Heydenreich. 150 heranwachsende junge Mädels waren auf dem Internat satt zu kriegen.

Jeder steuerte etwas dazu bei. Auch Evi Heidenreichs Vater organisierte einen Gummiwagen und versorgte die Schule mit Möhren und Kartoffeln. Zum Frühstück gab es jeden Morgen eine Mehlsuppe, bestehend aus dunklem Mehl, Wasser und Salz sowie drei Scheiben Schwarzbrot. Bei Ungehorsam wurde man nicht mit Hausaufgaben bestraft, sondern mit der Aufgabe, Brennesseln zu pflücken oder Wäsche zu waschen.

Alles hatte einen praktischen Nährwert

Heute spielen die Klassenkameradinnen nicht mehr “Räuber und Gendarm”, wie einst zu Schulpausen-Zeiten. Heute spielen sie auf den Handys ihrer Kinder. Inzwischen organisieren sie das 12. Abifest, bei Nr. 11 wollten sie eigentlich aufhören. Ob sie weitermachen?

“Wir schaun, wie wir beinand sind”, sagt eine vor Leben sprühende Annette von Weech und fügt hinzu: “Jetzt trinken wir erst einmal Kaffee.” Aber nicht, ohne der heutigen Jugend noch ein Stück Lebensweisheit mit auf den Weg zu geben. “Wichtig sei ein Ziel vor Augen und die Bereitschaft, Umwege nicht zu scheuen.”

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