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Geist von Olympia weht durch Miesbacher Sportlerheim

Boarisches Public Viewing für Geisenberger

Von Sabiene Hemkes

Eine unschöne Olympiade eigentlich. Selbst viele Hardcore-Sportfans hadern heftig mit den Spielen 2022. Wären da nicht diese wunderbaren Sportler-Geschichten, die selbst Peking heuer schreibt. So wie gestern Mittag im ASV Sportlerheim in Miesbach. Die erste Goldfeier für die Nat.

Familie und Freunde feiern mit Natalie Geisenberger ihren Sieg / Quelle rechts: ZDF

Gestern am frühen Nachmittag holte die Miesbacherin Natalie Geisenberger im Rodeleinzel ihre fünfte olympische Goldmedaille. Ganz Sport-Deutschland freute sich mit der 34-jährigen Mutter aus Miesbach. Absolut verdient. Im olympischen Eiskanal von Yanqing schaffte sie in drei von vier Läufen die Laufbestzeit.

Eigentlich wären sie live dabei gewesen

Aber was passiert eigentlich in der Kreisstadt Miesbach, wenn eine von ihnen um die olympische Unsterblichkeit in den Eiskanal steigt? Klar – man fährt einfach mit, wenn man es sich irgendwie leisten kann. So wie in Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018.

Doch diese Olympiade ist eben anders. Ganz anders. Nicht nur, dass sie politisch äußerst umstritten ist, sondern sie findet inmitten einer weltweiten Pandemie statt. Internationale Zuschauer nicht erwünscht.

Also haben wir Papa Geisenberger gefragt. Telefonisch gibt er uns sein OK, beim „boarischen Public Viewing“ dabei zu sein:

Ich werde selbst nicht dabei sein, aber wenn sie mögen, können sie gern im Vereinsheim des ASV Miesbach kommen. Da schauen die anderen, auch der Markus, mein Schwiegersohn, die Läufe.

Nichts wie hin. In dem kleinen Saal mit Blick auf die verschneiten Sportplätze sitzen zirka 20 Personen beisammen. Coronakonform mit dem nötigen Abstand. Vor ihnen Getränke aller Art. Es duftet nach Schnitzel und anderen landkreistypischen Schmankerln. Das Alter der Anwesenden liegt geschätzt zwischen zwei und 80 Jahren.

Bürgermeister vollständig erschienen

In der ersten Reihe der Ehemann von Natalie mit dem Sohnemann. Am Tisch daneben hat es sich, direkt vor dem großen Fernseher, die Politikelite der Stadt bequem gemacht: Bürgermeister Dr. Gerhard Braunmiller (CSU) und seine Stellvertreterin Astrid Güldner (Grüne) sowie der dritte Bürgermeister Franz Mayer (CSU). Dahinter gruppieren sich Freunde und langjährige Wegbegleiter der Familie Geisenberger an den drei Tischreihen.

Beäugt von zwei Fernsehteams des Bayerischen Rundfunks nehmen wir deutlich die knisternde Spannung im Raum wahr. Doch dann ein Knall. Markus haut mit beiden Fäusten auf die Tischplatte. Erst jetzt registrieren wir, dass gerade Natalie in China in den dritten Lauf gestartet ist. Neben vereinzelten Oh’s und Ah’s ist es auffallend ruhig in der Runde.

„Jaaaaa“ – nach der Kurve 13, die Natalie sensationell meistert, gibt es im Vereinsheim kaum ein Halten mehr. Der Bann ist gebrochen. Die Leute jubeln und feiern die Laufbestzeit in Durchgang drei und die Führung „ihrer Nat“ in Peking.

„Beides ist schlimm“

Vor dem alles entscheidenden Finallauf treffen wir Markus vor dem ASV-Heim. Wir fragen ihn, was denn schlimmer sei – die Rennen live vor Ort zu begleiten oder hier am heimischen TV mitzufiebern.

Beides ist schlimm. Ehrlich. In Südkorea war das nicht viel anders als jetzt hier. Ich bin total aufgeregt.

Mit seiner Frau habe er nur wenig Kontakt im Moment, berichtet er weiter, während der Nachwuchs schon heftig am Hosenbein von Papa zieht, weil er wieder rein will. Der Kleine erkennt die Mama im Fernsehen, bestätigt Markus beim Gehen lächelnd und sehr angespannt. Wir lassen ihn in Ruhe.

Im Saal finden sich gegen 14:30 Uhr so langsam alle wieder ein. Während die Starterinnen in umgekehrter Reihenfolge den Eiskanal herunterrasen, kann man den Stimmungsanstieg förmlich mit Händen greifen.

Die Anspannung ist kaum auszuhalten

Selbst uns wird immer heißer. Markus massiert seine Hände. Der örtliche Tabakladenbesitzer umklammert sein Kaltgetränk, während ein andere sich dem Schnupftabak zuwenden oder kurz vor die Tür zum Rauchen entschwinden. Vereinzelt hört man ein „Bravo“ oder „Oh Gott“, wenn es eine Rodlerin aus der Kurve trägt.

Auch die drei Bürgermeister (links oben) sind angerückt – tolle Stimmung im Vereinsheim

Richtig laut wird es dann, als die „Anna“ zu Silber fährt. Vor der letzten Starterin gibt es kein Halten mehr in Miesbach. Natalie reißt sie aus dem fernen China mit in ihre Goldfahrt hinein. Wenn es noch einen Zweifel gab am Sieg, ist der nach der locker genommenen Schlüsselstelle ihrer Freundin und Frau verpufft. Ein ohrenbetäubender Jubel-Orkan bricht den Bann. Der sollte bis Yanqing zu hören gewesen sein. (das seht ihr bei uns auf Instagram).

Danach ist nur noch Glück und Stolz auf allen Gesichtern wahrzunehmen. Hier und da fließen Tränen im Sportlerheim – nicht nur bei den Frauen. Und dann geht auch gleich der BR auf Sendung. Eine Liveschalte aus Miesbach. Mit dem Interview des stolzen Ehemanns der frischgebackenen Goldmedaillengewinnerin.

Der Olympische Geist lebt trotzdem weiter

Auf dem Weg nach Hause wird mir eines klar: Es gibt ihn noch, den ganz speziellen Geist der Spiele. Auch wenn wirklich vonseiten des IOC, der Politik und der Wirtschaft alles unternommen wird, ihn auszulöschen und ad Absurdum zu führen.

Hier und heute und an vielen Orten in der Republik dieser Tage lebt dieses ganz besondere, einmalige Gefühl noch. Durch die Sportler, die sich einen Lebenstraum erfüllen und die Menschen, die sie bedingungslos unterstützen. Vielleicht ist Olympia noch zu retten.


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