Mythen und Sagen rund um den Tegernsee - Teil 9

Der wundertätige Jackl von Wall

Von Nina Häußinger

Neben den historisch belegbaren Fakten, die die Geschichte des Tals beschreiben, existieren zahlreiche Mythen und Sagen rund um den See. In diesen Geschichten werden Personen, Orte und die Landschaften thematisiert.

Wir haben uns auf die Suche nach solchen Erzählungen begeben und faszinierende Schilderungen gefunden. In unserer heutigen Geschichte geht es um die Heilkräfte eines Bauernknechts.

Die Axt ist kein Spielzeug für Kinder / Foto: Kyken/pixelio.de

Zwischen Gmund und dem Taubenberg liegt der Ort Wall. Dort lebte ein alter Bauernknecht, der Jackl. Die Leute erzählten sich, dass er auf wunderbare Weise Wunden heilen konnte.

Gefährliches Spiel

Einmal haben zwei kleine Buben vom Heinzenbauer in Holz bei Kaltenbrunn ein dummes und gefährliches Spiel getrieben. Hinter dem Haus stand ein Hackstock. In den war die Axt eingehackt, weil die Mutter grad zur Brotzeit ins Haus gegangen war. Später wollte sie weitermachen mit ihrer Arbeit: von einem großen Haufen von Fichtenästen wollte sie die kleineren Zweige zu Daxenstreu zusammenhacken.

Der größere Bub, Michl, sagte zum kleinen Bruder: „Hansi, leg einmal deinen Finger da her auf den Hackstock. Wenn ich zuhacke, dann ziehst ihn vorher schnell weg!“ Ein paar Mal ging’s gut, aber auf einmal hörte man ein furchtbares Geschrei im Hof. Der Zeigefinger der rechten Hand war glatt abgeschlagen und lag noch auf dem Hackstock neben dem grausigen Spielzeug.

Man holte den unglücklichen Buben herein. Die Mutter, während sie drei Vaterunser betete, legte den abgeschlagenen Finger genau auf die Wunde und verband die kleine Hand mit einem Leinentuch. Und der Heinzenbauer sagte: „Wenn da noch wer helfen kann, dann nur der Jackl von Wall. Gebt’s mir ein Trumm von dem blutigen Tuch mit, ich reite gleich los nach Wall hinüber.“

Jackl kann helfen

Der Jackl hörte sich die Geschichte an, legte den blutigen Fleck auf seine Brust und band ihn mit einem wollenen Tuch fest. Nach einer halben Stunde sagte er: „Jetzt ist’s trocken. Merk dir die Zeit, halb vier Uhr ist’s!“ Wie der Vater wieder daheim angekommen war, waren alle außer sich vor Freude und der Hansi, der den Finger verloren hatte, sprang ihm schon entgegen.

Die Mutter erzählte: „So um halb vier Uhr hat der Bub g’sagt: „Mutter, jetzt tut’s nimmer weh!“ Wie wir nachg’schaut haben, war das Fingerl wieder dran, wie wenn nie was gefehlt hätte.“ Und da wusste der Vater, dass tatsächlich der wündertätige Jackl von Wall für die Rettung verantwortlich war.

Nicht alle der unheimlichen Erzählungen, die in der Region kursieren, gehen so gut aus wie diese. Nichts desto trotz eine weitere spannende Geschichte unserer Serie “Mythen und Sagen rund um den Tegernsee”. Teil zehn folgt demnächst.

Quelle der Erzählung: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 – 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985


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