Die andere Seite des Tals

Auch am Tegernsee brauchen Menschen Unterstützung

Von Nicole Posztos

Bei der Gmunder Tafel

Schicke Autos, große Häuser, tolle Wohnungen. Die Männer im Porsche, ihre Frauen im Pelz, und die „Schickeria“ ist auch nicht weit. So stellt man sich landauf, landab den Tegernsee vor.

Dabei übersehen viele die „andere Seite“ des Tals: sozial Benachteiligte, die aus unterschiedlichsten Gründen bisher nicht so viel Glück hatten.

Alte Menschen, die kaum mit ihrer Rente über die Runden kommen. Familien, die es ohne Hilfe nicht schaffen würden. Allein erziehende junge Mütter, denen das Geld „hinten und vorne nicht reicht“.

Diesen Menschen zu helfen, haben sich einige Organisationen im Tal auf die Fahne geschrieben. So wie die Gmunder Tafel, die immer samstags Nachmittag ihre Pforten öffnet. Ein Bericht von einem ganz normalen Samstag:

Drei Stunden laufen für eine Einkaufstasche voller Lebensmittel

Es ist 14:15 Uhr, und die Menschen kommen in Strömen. Sie lassen sich von Verwandten und Freunden fahren, manche laufen auch ‒ bis zu 1,5 Stunden für eine Richtung. Schlicht, weil das Geld für den Bus fehlt. Wie auf dem Amt zieht man zuerst eine Nummer. Im Warteraum sind Bänke, damit man sich während des Wartens auf die Essensausgabe setzen kann ‒ eine Hilfe gerade für ältere und körperlich eingeschränkte Kunden.

Bei Aufruf geht’s in die Küche: schubweise, damit alles fair und ohne großes Drängeln abläuft. Mit Vorlage eines Sozialausweises darf sich jeder für einen Euro das aussuchen, was er braucht.

Die Kunden der Gmunder Tafel

Vor fünf Jahren wurde die Tafel von Monika Fabian und Helga Auth ins Leben gerufen. Auch wenn sich Monika Fabian im April leider aus gesundheitlichen Gründen aus dem Projekt zurück ziehen musste, hat sie bis dahin sehr viel geleistet.

Die beiden Initiatoren haben es mit ihrem Engagement von Beginn an geschafft, alle fünf Talgemeinden für das Projekt zu begeistern. Jeder Euro Kundenumsatz wird ausschließlich für die Lebensmittel eingesetzt. Die Miete übernehmen die Talgemeinden und den das E-Werk spendet ebenfalls. Die Helfer arbeiten ehrenamtlich.

Ein Teil des Teams

Eine der ersten Kundinnen war Frau I. aus Gmund. Sie lebt seit 36 Jahren in Gmund und ist seit 1996 in Rente. Nur reicht die Rente leider hinten und vorne nicht. Frau I. ist eine von vielen, die wegen ein paar Euro durchs Raster fallen und keine Hilfe vom Amt bekommen.

Der erste Schritt ist nicht einfach. Ich dachte, ich bin doch nicht so arm, dass ich zur Tafel gehen muss. Aber ich wurde eines Besseren belehrt und überzeugt.

Den Initiatorinnen ist es besonders wichtig, die Bezeichnung „Kunde“ zu verwenden. Nicht „hilfesuchend“ ‒ und schon gar nicht „arm“. Jeden Samstag kommen schätzungsweise 85 Kunden zur „Tafel“ gegenüber dem Gmunder Bahnhof.

Die freiwilligen Helfer treffen sich bereits um 12:30 Uhr, um die mitgebrachten Lieferungen zu sortieren. Und auch die Qualität der Spenden ist mittlerweile deutlich besser geworden. Früher kam es noch vor, dass die Einrichtung, vor allem von größeren Geschäften, auch gerne als Abfalleimer benutzt wurde. Doch die Zeit sei rum, wie die Initiatoren betonen.

Heutzutage viel gute Ware zusammen. Vor allem von den hiesigen Lebensmittelgeschäften. Normalerweise geht niemand mit leeren Händen nach Hause. Die Eier sind sogar frisch vom Bauern. Richtig gut.

Manchmal ist das Leben nicht einfach

Unterstützt wird die Tafel auch von Helfern der Diakonie. Diese konzentrieren sich auf die Hilfe alter, kranker und gebrechlicher Menschen. Manchmal Obdachlose, und manchmal auch beides. Die Diakonie versucht zu helfen, wo es nur geht: bei der Unterbringung oder auch bei der Verpflegung. Bei Suchtkranken geht es häufig um eine neue Perspektive.

Die Helfer hören oft einfach nur zu, bringen Menschen zu Selbsthilfegruppen oder suchen gemeinsam nach neuen Aufgaben. Anstrengend sei das, wie uns ein Helfer erzählt. Und die Rückschläge seien schlimm. Menschlich und körperlich.

Trotzdem sind die Kunden der Tafel freundlich und lächeln, wenn sie wieder gehen. Gerüstet mit dem Nötigsten für die kommende Woche. Natürlich reicht die Menge normalerweise nicht komplett aus. Aber eine große Hilfe ist es allemal. Das wissen die Kunden und danken es im Stillen.

Eine Woche braucht es jetzt, bis sie wieder Lebensmittel und vor allem Aufmerksamkeit und Hilfe bekommen. Bei der Gmunder Tafel gibt es Hilfe ‒ und das ist wichtig. Auch und vor allem hier, wo einem tagtäglich vor Augen geführt wird, wie sorglos das Leben auch sein kann. Im Porsche. Mit Pelzmantel.


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