Fragen an die Fraktionsvorsitzenden im Tal

„Ich könnte mir auch Windräder an der Kreuzstraße vorstellen“

Von Peter Posztos

Wolfgang Rzehak ist Gemeinderat in Gmund und dort Fraktionsvorsitzender der Grünen. Darüberhinaus sitzt er im Kreisrat in Miesbach. Also ein erfahrener Politiker, den wir zum Start unseren neuen Reihe „Fragen an die Fraktionsvorsitzenden im Tal“ als Erstes befragt haben.

Es geht uns dabei um die Einschätzung der einzelnen Fraktionen in allen fünf Talgemeinden zu Themen, die nicht nur die Leser der Tegernseer Stimme immer wieder beschäftigen.

Die Kreisgrünen. Von links: Ulrike Küster, Wolfgang Rzehak und Karl Bär mit dem Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Hallo Herr Rzehak, fangen wir direkt mit einem schwierigen Thema an. Dem Verkehr. Wie sehen Sie die Verkehrsbelastung im Tegernseer Tal und wo gibt es Ihrer Meinung nach Verbesserungsmöglichkeiten?

Wolfgang Rzehak: Die Verkehrsbelastung im Tegernseer Tal ist seit vielen Jahren ein großes Problem. Kilometerlange Staus nicht nur an Wochenenden und Feiertagen ziehen sich immer öfter durch das Tal. Es wird gerne über die „Münchner“ geschimpft, die mit ihren Autos unsere Straßen blockieren.

Dabei wird aber übersehen, dass ein großer Teil des Verkehrs hausgemacht ist. Wenn wir Einheimischen selbst kurze Strecken mit dem Auto absolvieren, um beispielsweise einzukaufen, die Kinder in die Schule, den Kindergarten oder zum Verein zu bringen, dann verstopft das unsere Straßen.

Der Quell- und Zielverkehr hat den Hauptanteil am Verkehrsaufkommen, deswegen glaube ich auch nicht an die Entlastungswirkung einer Umgehungsstraße, die einigen Kommunalpolitikern als „Lösung aller Probleme“ vorschwebt, unabhängig vom irrsinnigen Flächenverbrauch und den dafür fehlenden finanziellen Mitteln.

Vebesserungsmöglichkeiten sehe ich in der Infrastruktur. Als Beispiel könnte das wohnortnaher Einzelhandel (wie z.B. der Dorfladen in Gmund) sein statt der Ansiedlung vom immer mehr „Lidls“ und „Aldis“, die nur dazu führen, dass die Bürger um den ganzen See fahren um beim Einkauf eines Joghurts vermeintlich ein paar Cent zu sparen.

Auch ein Halbstundentakt bei der BOB sowie bei der Ringlinie und eine bessere Busanbindung an den Rest des Landkreises würden eine große Entlastung bringen. Die kostenlose Benutzung der Busse auch für Einheimische wäre zu prüfen.

Und welche konkreten Ziele verfolgt Ihre Fraktion in Punkto Verkehr?

Rzehak: Unser konkretes Ziel ist der Ausbau der Rad- und Fußwege im Tal, um die Alternative zur Benutzung des Autos attraktiver zu machen. Aber auch die Berücksichtigung der Verkehrsproblematik bei der Bauleitplanung. Wir sagen: Keine Supermärkte auf der grünen Wiese!

Tourismus: Großer Investitionsbedarf bei Vermietern

Kommen wir zum zweiten Thema, dem Tourismus. Wie sollte Ihrer Meinung nach die touristische Infrastruktur des Tegernseer Tals der Zukunft aussehen?

Rzehak: Eine gesunde Mischung aus qualitativ hochstehenden Sternehotels, Familienpensionen, kleinen Hotels sowie Urlaub auf dem Bauernhof macht den Charme des Tegernseer Tals aus. Für die Zukunft wünsche ich mir persönlich, dass auch die vielen kleineren Vermieter weitermachen, die jetzt ans Aufhören denken.

Bei vielen Betrieben gibt es großen Investitionsbedarf, um den heute vom Gast gewünschten Komfort zu erreichen. Auch wurde hier oft versäumt die Übergabe an die nachfolgende Generation zu regeln.

Gibt es da in Gmund Ihrer Meinung nach Nachholbedarf bei der touristischen Infrastruktur?

Rzehak: In Gmund fehlt sicherlich ein Hotel, sowie die Möglichkeiten gerade für junge Gäste sich zu amüsieren. Eine Musikkneipe sowie auch eine Diskothek wären deswegen wichtig um unseren Ort wieder attraktiver zu machen. Auch mehr Gasthäuser im Ortskern bzw. Seenähe könnten wir gebrauchen.

Worin sehen sie Vorteile im Zusammenschluss der TTT mit der ATS? Gibt es hier Ihrer Meinung nach auch Risiken?

Rzehak: TTT und ATS sollten sich baldmöglichst zu einem Ganzen zusammenschließen. Das hätte Synergieeffekte und eine einzige gemeinsame Tourismusorganisation wäre schlagkräftiger und kampagnenfähiger.

Wir müssen weg vom Kirchturmdenken, denn wir im Landkreis sitzen alle in einem Boot. Für einen Urlauber aus Hamburg oder Bottrop ist unsere Urlaubsregion viel weiter gefasst, als wir glauben. Der möchte zum Beispiel in Rottach übernachten, aber auch in Schliersee wandern gehen oder den Miesbacher Wochenmarkt besuchen.

Hier konkurrieren wir nicht gegeneinander sondern sollten uns als gemeinsame attraktive Urlaubsregion verstehen.

Windenergie darf kein Tabu sein

Bis 2035 soll der Landkreis Miesbach, und somit auch das Tegernseer Tal, energieautark sein. Ist dieses Vorhaben Ihrer Meinung nach realistisch?

Rzehak: Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, aber wenn Bürger, Gemeinden und Gewerbetreibende das gemeinsam anpacken kann es klappen. Die erneuerbaren Energien haben in den letzten Jahren eine wahre Erfolgsgeschichte hingelegt. Schon jetzt ist in Deutschland der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung höher als der durch die Atomkraft.

Wichtig ist aber hier bei uns im Landkreis, dass persönliche Egoismen hinten angestellt werden. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“, dürfen wir nicht gelten lassen. Gerade nach dem Ausstieg aus der gefährlichen Atomkraft, muss die Erzeugung von Energie auf umweltfreundliche Art auch vor Ort forciert werden.

Ganz wichtig ist aber auch die Energieeinsparung, zum Beispiel durch bessere Dämmung. Die Energie, die nicht verbraucht wird, muss auch nicht produziert werden.

Und welche erneuerbaren Energien wären ihrer Meinung nach für das Tegernseer Tal besonders geeignet?

Rzehak: Für das Tegernseer Tal sehe ich vor allem die Photovoltaik und die Biomasse (Holz nicht Mais), sehr bedingt auch die Windkraft. Natürlich nicht am See oder auf den Bergen, oder wo es unsere schönen Landschaft beeinträchtigen würde.

Die Gemeinde Gmund ist aber zum Beispiel eine große Flächengemeinde, hier müsste es möglich sein auch abseits vom See geeignete Flächen zu finden. Wo ein Gewerbegebiet akzeptiert wird, sollten auch Windräder toleriert werden. Ich könnte mir deswegen auch Windräder in der Nähe der Abfüllanlage der Brauerei an der Kreuzstraße vorstellen.

Ein Kreuther fühlt sich als Kreuther und will das auch bleiben

Wie kann Ihrer Ansicht nach die Zusammenarbeit unter den Tal-Gemeinden, auch auf politischer Ebene, noch verbessert werden?

Rzehak: Die Zusammenarbeit ist schon deutlich besser geworden. Die aktuellen Bürgermeister haben auch viel dazu beigetragen, damit das Klima sich zwischen den Gemeinden gewandelt hat. Es gibt jetzt sogar immer wieder gemeinsame Gemeinderatssitzungen zu talweiten Themen.

Ein Erfolg ist auch die Zusammenlegung der Standesämter. Auf Verwaltungsebene könnten vielleicht noch andere Aufgaben gemeinsam bearbeitet werden. Von einer Zusammenlegung der fünf Talgemeinden halte ich jedoch nichts. Jede hat ihre eigenen Besonderheiten und die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich nun mal als „Kreuther“ oder „Tegernseer“ und wollen das auch bleiben.


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