Die Top-3-Artikel des Jahres: Das größte Problem für den Tegernsee ist der Tegernsee

Von Peter Posztos

Hier ist er, der meistgelesene Artikel des Jahres 2011. Ein Kommentar zur Lage des Tourismus am Tegernsee. Basierend auf Fakten, Gesprächen und Eindrücken, die wir während unserer Arbeit sammeln konnten.

Der Beitrag wurde am 16. Februar veröffentlicht. Und er trifft scheinbar einen gewissen Nerv.

Quelle: Ludwig Hörth

Viel mussten wir in der letzten Zeit lernen und uns der Realität stellen: Uns geht es schlecht!

Zwar haben wir es schön am Tegernsee. Aber um den Tourismus ist es gelinde gesagt suboptimal bestellt. Der Wintertourismus – nicht existent. Die Gästezahlen in Bad Wiessee – im freien Fall mit einem Rückgang von fast 40 Prozent in den letzten 20 Jahren. Die Anzahl der angebotenen Gästebetten – Tendenz stark rückläufig, bis auf die großen Hotels.

Und wir haben gelernt, dass der Durschnittsdeutsche mit dem Wort Tegernseer Tal nichts anfangen kann. Für ihn muss es der Tegernsee sein. Oder wahlweise, je nach grammatikalischem Zugang, auch das Tegernsee. Spätestens jetzt dämmert es auch dem letzten, warum der Schritt das Hotel Bayern umzubennen, relativ schlau war.

Der Tegernsee ist ein Fluch

Dabei geht es uns doch eigentlich ganz gut. Wir haben den Tegernsee und ein Tal, dass man zu Recht als eines der schönsten in ganz Deutschland bezeichnen kann. Und das hat doch schon immer gezogen.

Sicherlich, genauso wie das Jodschwefelbad auch der Grund für den rasanten Aufstieg von Bad Wiessee mit bis zu einer Million Übernachtungen im Jahr war. Damals, als noch Kuren verschrieben wurden und das Ambiente ausgereicht hat. Als ein Bad, vor dem man heute als normaler Gast eher zurückweicht und sich fragt, ob die das Ernst meinen, ein Besuchermagnet war.

Warum? Weil es eine andere Zeit war und wenige Alternativen gab.

Und heute? Ist der Tegernsee ein Fluch. Er ist der Grund, warum zu wenig investiert wird. Weswegen sich viele immer noch zurücklehnen und sagen wir (und meinen die Tegernseer Tal Tourismus) müssen nur mehr trommeln, dann kommen die Gäste auch wieder.

Und dann? Was tun die Gäste heute am Tegernsee, wenn sie denn kommen und eine Woche bleiben möchten? Also nachdem sie auf dem Wallberg waren, eine Schifffahrt auf dem See geniesen durften und auf der Neureuth einen Kaffee getrunken haben?

Die Antwort: Sie fahren weiter. Irgendwohin, wo Ihnen was geboten wird.

Der Gast wird anspruchsvoller

Der Tegernsee alleine zieht nicht mehr. Vielleicht würde er es, wenn er nicht auf 730 Meter über dem Meer läge. Wenn im Sommer die wenigen lauen Abende nicht regelmäßig von Gewittern beendet werden würden. Wenn der See auch mal länger als zwei Wochen im Jahr die 20 Grad-Marke übersteigen könnte.

Nur tut er das eben sehr selten. Und für uns, die hier leben, ist das auch gut so. Wir lieben den See, wie er ist. Nur der anspruchsvolle Gast von heute will Alternativen. Er will, dass ihm was geboten wird. Auswählen möchte er aus wirklich guten und durchdachten touristischen Angeboten. So wie im Schwarzwald, oder in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern. Und vor allem so wie in Tirol, 40 Kilometer weiter.

Die haben sich überlegt, wie sie sich und ihre Angebote auf den Gast einstellen können. Haben das Konsequent umgesetzt. Und ziehen jetzt dem Besucher das Geld aus der Tasche und der geht mit einem Lächeln nach Hause.

Dieses Zitat, gefallen bei der Präsentation von Project M im Rahmen der Hauptversammlung der Offensive Tegernseer Tal (OTT), beschreibt die touristische Herangehensweise der Zillertaler.

Stückwerk und Hoffnung: Die Strategie der letzten 20 Jahre

Wo da der Unterschied zum Tegernsee ist? Wir denken, es reicht dem Gast eine Behausung zu geben und ihn dann loszuschicken. In unsere kleine weite Welt. Hoch auf die Sutten. Rüber nach Kreuth. Schau dir die Naturkäserei an. Ach und dann noch die Seesauna. Super Sache.

Man nennt das, was bisher getan wurde, auch Stückwerk. Hier mal gedreht, da mal geschraubt. Das Thema Wandern müssten wir angehen. Ok, Schilder kaufen. Blöd, das Geld reicht nur bis zur Neureuth. Die Chinesen machen verstärkt Urlaub in Deutschland. Die brauchen wir auch. Ach und Mountainbiken ist im Kommen. Gut, dann gehen wir das auch an. Aber bitte nur bis zur Ortsgrenze von Bad Wiessee. Denn dort ist aufgrund der Touristenmassen mit Best-Ager-Status Fahrradfahren eher nicht so gern gesehen.

Dass sich aus so einer Vorgehensweise kein Profil entwickeln lässt, ist klar. Was der Tegernsee braucht, ist eine koordinerte und strategische Herangehensweise. Der erste Schritt, die Strukturen in der TTT zusammenzufassen, war richtig. Weitere müssen jedoch folgen bis zum zwangsläufigen Zusammenschluß mit der ATS (Alpenregion Tegernsee Schliersee).

“Project M? Das hatten wir doch schon mal”

Zum Masterplan haben einige zwar eine sehr dezidierte Meinung (“das hatten wir schon mal”), andere wiederrum sagen, das ganze sei “Geldverschwendung”. Aber ohne einen solchen Plan wird man weiterhin ähnlich Stückwerk betreiben, wie man es die letzten 20 Jahre getan hat. Währenddessen die anderen Tourismus-Gebiete ihr Profil weiter schärfen und vorhandene Alleinstellungsmerkmale ausbauen. Sich positionieren als Ayurverda-Hochburg. Als Wander-Destination. “DAS” Triathlon-Gebiet Deutschlands. Oder die Ski-Arena mit dem größten Skigebiet Europas.

Und wir? Haben ja immer noch den Tegernsee.

Neben Plänen und einem Profil brauchen wir aber vor allem touristische Unternehmer, die im besten Sinne etwas unternehmen. Die Investieren und Machen. Denn die Tourismusorganisationen können zwar Strukturen schaffen, einen groben Rahmen vorgeben und dafür sorgen, dass der Tegernsee deutschlandweit so wahrgenommen wird, wie wir es gerne hätten. Aber diese Strukturen mit Leben zu füllen, das ist die ureigenste Aufgabe der Hoteliers, Betreibers einer Pension oder eines Vermieters. Diese müssen ihre Unterkünfte selber positionieren, vermarkten und die Gäste zu Wiederkehrern machen.

Die Gemeinden können keine Hotels bauen. Aus dem Grund ist auch ein positives Investitionsklima wichtig. Entscheidend ist die Überzeugung, dass es aufwärts geht. Und manchmal auch der Wille, etwas bewegen zu wollen und sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen.

Wer am Tegernsee lebt wirklich vom Tourismus?

Doch daran happert es allzuoft. Es gibt Vermieter, die nicht mehr vermieten, weil sich der Stress für sie nicht lohnt. Verständlich, aber auch ein Grund, warum die Bettenzahlen rückgängig sind. Es gibt Hotels, die sind mit 25 Prozent Auslastung nicht unzufrieden. Das Haus ist abgezahlt. Die Einrichtung abgeschrieben. Warum soll man sich noch groß mit Positionierung, Zielkundendefinition und dem Internet als mittlerweile großen Buchungsfaktor auseinandersetzen?

Lieber geht man zu den diversen Stammtischen und beschwert sich über scheinbar offensichtliche Probleme: Hier gibt es keine Fördergelder. Die TTT bringt zu wenig Gäste. Wenn, dann sind es die Falschen. Und die Banken bewilligen keine Kredite.

Die Wahrheit ist: Am Tegernsee gibt es zu viele, die nicht vom Tourismus leben oder davon leben müssen. Somit ist auch der Leidensdruck im Allgemeinen noch nicht groß genug. Oder anders ausgedrückt: Die Notwendigkeit für Veränderungen wird von vielen nicht verstanden und teilweise aktiv behindert, ohne wirkliche Alternativen aufzeigen zu wollen. Dabei sind manche auch ganz einfach prinzipiell gegen Touristen.

Und auch den Gemeinden geht es eigentlich noch ganz gut. Ebenfalls ein Grund, weshalb man in den verschiedenen Gremien hofft, über einen Mittelweg alle und alles unter einen Hut zu bringen. Es bleibt zu hoffen, dass in diesem Fall die Hoffnung nicht zuletzt stirbt. Dass Warnsignale richtig gedeutet werden. Dass auch die Bevölkerung versteht, welch wichtiger Treiber der Tourismus bei uns im Tal für so vieles ist.

Eine Seesauna beispielsweise wäre ohne genügend Touristen nicht denk- und umsetzbar. In Bad Wiessee schließen heute Geschäfte, die vor zehn Jahren und einer anderen Anzahl an Gästen noch gut leben konnten. Der Biergarten am Gut Kaltenbrunn ist und bleibt zu. Alles Entwicklungen, die auch uns Eimheimische mal positiv, mal negativ betreffen und die trotzdem zu 100 Prozent touristisch begründet sind.

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