Ungewöhnliche Berufe im Tal: „Permanent-Make-Up“ hilft Kranken
Schritt zurück ins Leben

von Madeleine Wisserodt

Mit dem Stichwort „Permanent-Make-Up“ verbinden viele Menschen eine kostspielige Perfektionierung der Gesichtsoptik. Doch hinter dieser Technik steckt viel mehr. Besonders nach schwerer Krankheit empfinden Betroffene sie als wahren Segen.

In Bad Wiessee verhilft Franca Hellmann im eigenen Studio Menschen zu verbessertem Aussehen und mehr Selbstbewusstsein.

Franca Hellmann nach erfolgter Behandlung einer Kundin.
Franca Hellmann freut sich nach erfolgter Behandlung mit ihrer Kundin über das Ergebnis.

Das freundlich gestaltete, helle Studio von Franca Hellmann ist einladend. Hier führt sie die Vorgespräche mit ihren Kunden, zeigt Beispielfotos, zeichnet Konturen auf die Haut und klärt über Möglichkeiten wie auch Risiken auf. Ihre Patienten sollen sich genau überlegen, was sie gerne verändern möchten. Erst dann nimmt sie in ihrem Behandlungsraum die Pigmentierungsarbeit in Angriff. Seit 15 Jahren tut sie das inzwischen schon und ist entsprechend routiniert. Eine ruhige Hand, gute Augen und Genauigkeit sind in diesem Job unabdingbar.

Wenngleich ihr „Werkzeug“ an das eines Tätowierers erinnert, unterscheiden sich beide Techniken doch grundlegend: Permanent-Make-Up wird weniger tief in die Haut gearbeitet. Etwa 0,7 bis 0,9 mm in die Oberhaut wird die Beautypigmentierung eingebracht und blutet daher auch nicht. Die verwendeten Farbstoffe seien vollkommen unbedenklich und verstoffwechseln sich innerhalb von drei bis vier Jahren, erklärt sie. Auch UV-Strahlen sorgen für deren allmähliches Verblassen. Daher ist eine Auffrischung nach einigen Jahren erforderlich, will man den Look behalten.

Körperlicher und seelischer Effekt

Während sich die gelernte Visagistin auf Permanent-Make-Up spezialisierte, empfand sie es als besondere Herausforderung, an deformierter Haut zu arbeiten. In diesem sogenannten „paramedizinischen Bereich“ ist sie regelmäßig tätig. Ärzte bis aus dem Großraum München schicken Patienten zu ihr. Diesen kann sie auf vielfältige Weise helfen, Narben zu verdecken oder fehlende Behaarung zu „ersetzen“. Das ist zugleich gut fürs Selbstbewusstsein, denn das Ohnmachtsgefühl, das eine Krankheit oder ein schwerer Unfall verursacht haben, sitzt meistens tief bei den Betroffenen.

Dass sich das Selbstbild der Patienten durch ihre Behandlung radikal verändert, freut Franca Hellmann besonders. „Plötzlich ist da wieder Leben“, schildert sie den Moment, als eine Patientin sich im Spiegel betrachtete und endlich wieder lächelte. Infolge einer Chemotherapie hatte sie ihre gesamte Körperbehaarung verloren. Zwar sorgte eine Perücke für eine annähernd „normale“ Optik, doch unter dem Fehlen der Augenbrauen und Wimpern litt sie stark. In der Folge zog sie sich mehr und mehr zurück. Man kann sich ihre Freude nach der erfolgten Behandlung vorstellen, als ihr aus dem Spiegel ein Gesicht mit Augenbrauen und Lidstrich entgegensah.

Eine Patientin vor der Behandlung...
Als Beispiel für den optischen Effekt: eine Patientin vor der Behandlung…

...und danach - sichtlich erleichtert und fröhlich.
…und danach – sichtlich erleichtert und fröhlich.

Mit ihrer Pigmentierungsarbeit hilft Franca Hellmann auch bei anderen Krankheiten, beispielsweise Alopecia, einer nicht heilbaren Form von Haarausfall. Meistens wird sie aber nach operativen Eingriffen hinzugezogen, zum Beispiel nach einer Operation der Kiefer-Gaumenspalte, um die Narbe auf der Oberlippe „verschwinden“ zu lassen. Auch Verbrennungs- und Unfallnarben können durch die Technik optisch stark abgemildert werden.

Meistens sind drei bis vier Behandlungen nötig, die jeweils etwa zwei Stunden dauern. Zwischen den Sitzungen sollten jeweils vier bis sechs Wochen Ruhephase liegen. Die Tatsache, dass die Farbe von deformierter Haut schneller abgebaut wird als von gesunder, macht eine kürzere Behandlungsfolge nötig. Da diese Arbeit sehr aufwendig und daher kostspielig ist, können es sich nicht viele Patienten leisten. Die Pigmentierung der Augenbrauen im Fall von Alopecia kostet beispielsweise circa 1.200 Euro.

Krankenkassen zahlen eher Psychotherapie

Nur bei wenigen Ausnahmen kommen die Krankenkassen für die Behandlungen überhaupt auf. Sie folgen einem Urteil des Bundessozialgerichts (GSK). Demzufolge „ist die Dauerpigmentierung von Gesichtspartien zur Darstellung krankheitsbedingt fehlender Augenbrauen und Wimpern keine notwendige Krankenbehandlung“. Stattdessen wird sie als rein „ästhetischer Eingriff“ eingestuft, dessen Kosten die Krankenkasse nicht übernehmen muss.

Claudia Widmaier aus der Pressestelle des GSK-Spitzenverbandes erklärt zwar, die Entscheidung für oder gegen eine Kostenübernahme werde von Fall zu Fall individuell geprüft. Allerdings räumt sie ein, dass man sich hier an die Regelungen des SGB halte. Und diese lehnen die Kostenübernahme ab. Eine psychotherapeutische Behandlung wird hingegen von den Krankenkassen bezahlt. Laut Auskunft der AOK-Geschäftsstelle Tegernsee hat jeder dort Versicherte, unabhängig von einer Vorerkrankung, Anspruch auf Behandlung bei einem zugelassenen Psychotherapeuten.

„Zu wenig Ärzte informieren ihre Patienten ausreichend“

Franca Hellmann bemüht sich indessen weiter um die Kostenübernahme ihrer Leistungen durch die Krankenkassen. Sie nimmt sich viel Zeit für die Erstellung ausführlicher Kostenvoranschläge und fügt Diagnosen der Ärzte bei, die die Notwendigkeit ihrer Behandlung bestätigen. Doch auch bei den Ärzten besteht noch Nachholbedarf in Sachen Patienteninformation, wie sie aus Erfahrung weiß. Denn es macht durchaus Sinn, wenn beispielsweise ein Gynäkologe, der bei einer Frau Brustkrebs diagnostiziert, seine Patientin nicht nur über die notwendigen Therapien aufklärt, sondern auch auf die Möglichkeit der Pigmentierung hinweist.

Um dies zu ändern, kontaktiert Hellmann die Ärzte im Landkreis und bietet ihnen Informationen über ihre Leistungen an. Manche sind begeistert von den Möglichkeiten und informieren ihre Patienten darüber. Andere jedoch wollen nichts davon wissen. Daran hat sich Franca Hellmann inzwischen gewöhnt. „In den Städten, zum Beispiel in München, sind die behandelnden Ärzte wesentlich aufgeschlossener“, weiß sie. Stoppen wird es ihre Motivation, Menschen zu helfen, keinesfalls. Dazu freut sie sich viel zu sehr mit ihren Patienten beim Blick in den Spiegel nach der Behandlung. Dass sich ihre Pionierarbeit früher oder später auszahlen wird, davon ist sie überzeugt. Für ihre Patienten bedeutet sie in jedem Fall Hilfe auf ihrem Weg zurück ins „normale“ Leben.


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