Vom Raunen und Lügen

von Martin

Lügenstories und Gerüchte kursieren im Tegernseer Tal. Aber nicht nur da. Gefühlte Wahrheiten haben in ganz Deutschland Hochkonjunktur. Unser Kollege Martin Calsow mag die zweifelhafte Fiction-Konkurrenz nicht. Ein Kommentar.

Gerüchte verbreiten sich schnell - ob über soziale Netzwerke oder Mund-zu-Mund-Propaganda. Im Tegernseer Tal macht sich das vor allem beim Thema Asyl bemerkbar. Bild: Montage/Stuart Miles, FreeDigitalPhotos.net/Felix Wolf.
Gerüchte verbreiten sich schnell – ob über soziale Netzwerke oder Mund-zu-Mund-Propaganda. Im Tegernseer Tal macht sich das vor allem beim Thema Asyl bemerkbar. Bild: Montage/Stuart Miles, FreeDigitalPhotos.net/Felix Wolf.

Kommentar von Martin Calsow

Junge Asylbewerber sitzen in einem Rottacher Lokal. Prellen die Zeche. Die Jugendlichen sollen gesagt haben, das zahle Frau Merkel. Der Wiesseer Bürgermeister muss sie auslösen. Diese Trottelstory kursiert im Tal. Wird bereitwillig weitergetragen. Ist auch zu schön, alles ist drin: Fremde, Alkohol, Geld und Merkel. Schon zwei Bürgermeister mussten das im Tal dementieren.

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Irre? Nein, Alltag in Hysterie-Land. Und die Lügengeschichten kommen nicht nur von einer Seite. Lügen haben gerade Konjunktur: In Berlin denkt sich ein ehrenamtlicher Helfer den Tod eines Flüchtlings aus. In Niedersachsen taucht wieder die Geschichte vom Kinderschänder im weißen Bulli auf.

Die Deutschen waren einst als emotionsloses Volk bekannt

Man ist als Krimi-Autor ja froh, wenn die Menschen Phantasie zeigen. Aber hinter jeder dieser Storys liegt ja nicht die Absicht zu unterhalten. Es geht darum, Meinungen zu machen, Stimmungen zu erzeugen oder zu verstärken: die Sorge der Eltern wegen des bösen Mannes im Auto, die Wut über das Versagen der Behörden am Beispiel des toten Flüchtlings oder die immer vorherrschende und nach Köln sowieso noch einmal bis zur Hysterie gesteigerte Angst vor kriminellen Fremden.

Die Deutschen waren einst als nüchternes, sogar emotionsloses Volk bekannt und berüchtigt. Gefühlskälte wurde uns vorgeworfen. Aber irgendetwas hat sich in den letzten Jahren in unserem Land gedreht. Wir wollen glauben statt zu wissen. Gefühlte Wahrheiten sind uns wichtiger als Fakten. Es wird geraunt, vom baldigen Untergang geschwafelt. Aber Raunen braucht Nahrung. Und da wird eben gern gelogen.

Hinterfragen statt Gerüchte streuen

Es begann mit unserer Sprache, dem wichtigsten Instrument unserer Demokratie. Nicht mehr Waffen oder religiöse Gesetze sind heute Mittel der Auseinandersetzung. Wir reden. Aber in jüngster Zeit zersetzt sich unsere Sprache, wird halbgar. Aus Straftätern werden der Mob, das Pack oder der Pöbel. Hat jemand Angst vor der großen Anzahl Flüchtlinge, wird er sofort gemaßregelt: Es handele sich um Einzelpersonen. Und es schwirren Unterstellungen umher: Wer so etwas sagt, kann nur … Jeder setzt die Verbalinjurie ein, die seiner politischen Gesinnung entspricht.

Ob links oder rechts, liberal oder konservativ: Jede Strömung argumentiert jenseits der Sachlichkeit. Und auf diesen sprachlichen Nährboden fallen die oben genannten Beispiele. Jeder sucht sich seine Geschichte, um seine emotionalen Befindlichkeiten loszuwerden. Loswerden ist überhaupt das Wichtigste. Es muss raus. Kann nicht im Kopf bleiben. Über das eigene Gesprochene und seine mögliche Wirkung nachzudenken, macht Kopfschmerzen. Was tut eine Frau anderen Frauen an, wenn sie eine Vergewaltigung erfindet? Was ist gewonnen durch die Lüge über den zechprellenden Flüchtling?

Wenn jemand in Ihrem Umfeld das nächste Mal eine derartige Geschichte zum Besten gibt, fragen Sie, woher er das weiß (meist ist es übrigens der „gute Bekannte“). Und wenn Sie die Glaubwürdigkeit des Erzählten anzweifeln, werden Sie sehen, wie schnell aus Enttäuschung, Zorn gegenüber Skeptikern wird. Lieber glauben. Ist einfacher. Es wirkt wie eine Droge. Und fordert deshalb immer wieder neue Storys.

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