Kolumne: Alice im Oberland

Weltuntergang mit Popcorn

Von Toni

2:1 Sieg für Chelsea, so sagte ich am Samstag um 17.35 Uhr, also exakt zwei Stunden und 25 Minuten vor dem Spiel den Ausgang des Champions-League-Spiels voraus. Die Welt geht am 21.12.2012 unter, sagt der Maya-Kalender voraus.

Zwischen den Jahren 2003 und 2022 gibt es einen Klimacrash, verkündete der Arzt und Apotheker Michel de Nostradamus, der von 1503 bis 1566 lebte, in seinen Prophezeiungen.

Mit meinem Spielstand hatte ich nicht ganz recht, wenn ich auch mit dem Siegertipp richtig lag. Weltuntergangsstimmung für Bayern. Aber ansonsten ist der Ausgang des Champions-League-Finales 2012 ohne verheerende Folgen für die Menschheit.

Ebenso ist es mit den Weltuntergangsszenarios. Mit denen hatte bisher noch niemand recht. Nicht einmal die Bibel. Viele Daten wurden neben den beiden wohl berühmtesten schon genannt, sind verstrichen – und die Erde dreht sich immer noch. Und dennoch: Etwas ist anders. Ich lese gerade von Frank Schätzing „Der Schwarm“. In diesem Thriller geht es um ein Weltuntergangsszenario, wie wir es aus Kinofilmen kennen.

Film rein – Alltag raus

New York ist in diesen schon mehrfach untergegangen, die gesamte Welt ist schon mehrmals untergegangen, und wir haben zugesehen, wenn „Deep Impact“ oder „The Day After“ liefen, mehr oder weniger amüsiert mit einer Tüte Popcorn auf dem Schoß im Kino. Ich selbst schaue solche Filme oder lese Bücher dieses Genres am liebsten nach anstrengenden Arbeitstagen zur Belohnung. Die sind so fesselnd, ziehen einen so rein, da vergisst man schnell stressige, nervenaufreibende Arbeitstage und Alltagsszenarien.

Es ist dann so ein bisschen, als sitze man in einem beheizten Wintergarten und um einen herum tobt ein schweres Gewitter, es stürmt, hagelt oder schneit gar, und man ist zwar mittendrin, aber es kann einem weder etwas passieren noch wird man nass. Ein kühles Glas Weißwein, ein zimmerwarmer Rotwein oder ein Tee rundet das Wohlfühlambiente ab.

Doch ganz so ist es mit dem Wohlfühlambiente nicht mehr. Wenn ich in Frank Schätzings „Der Schwarm“ lese, dass intelligente Wesen dafür sorgen, dass das in Meeren gespeicherte Methan austritt, dann wird mir zunehmend unbehaglich. Zur Erinnerung: Methan ist einer der größten Klimakiller und sorgt neben Kohlendioxid für den Treibhauseffekt.

Die Erde dreht sich weiter

Ebenso steigt Unbehagen in mir auf, wenn ich an Textstellen komme, in denen vom Versiegen des Golfstroms die Rede ist und den unabsehbaren Konsequenzen. Solche Dinge finden sich zunehmend nicht nur in Prophezeiungen, in fiktiven Texten, wie Literatur auch genannt wird, sondern ebenfalls in den wissenschaftlich fundierten Klimaberichten, den Berichten des Club of Rome und Fachzeitschriften und vielen mehr.

Es ist ein bisschen so, als stünden wir mit Harry Potter auf dem Bahnsteig 9 ¾ des King’s Cross Bahnhofs in London und würden gleich mit dem Hogwarts-Express in eine fiktive Welt fahren, die sich, kaum angekommen, in unsere reale verwandelt.

Wie unverfänglich ist es im Vergleich dazu, einem Champions-League-Spiel zuzusehen, über die Niederlage zu trauern, als gebe es schwere menschliche Verluste zu beklagen. Genau genommen ist das – im Vergleich zu den sich immer mehr annähernden literarischen Weltuntergangszenarios an die wissenschaftlichen Belege unseres Klimawandels – nahezu ein Vergnügen.

Gerade als ich dies schreibe, fallen schwere Regentropfen auf meinen Laptop, mit dem ich am Gartentisch sitze, Donner grollt heran, und ich denke: Hoffentlich ist es nur ein gewöhnliches Gewitter und nicht der Beginn der Sintflut.


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