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Wie ein Tegernseer den Weg aus der Sucht gemeistert hat

“Alkohol ist Töten auf Raten”

Von Nina Häußinger

Alkohol ist Töten auf Raten, da ist sich Walter heute sicher. Nach 18 Entgiftungen und zahlreichen Therapien ist der gebürtige Kreuther im Leben angekommen. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Walter hat den Weg aus der Sucht geschafft

Walter ist Alkoholiker. Mit sechs Jahren hatte er seinen ersten Rausch. Mit acht wurde er sexuell missbraucht. „Mit zwölf wollte ich sterben“, sagt Walter. Er erzählt seine Lebensgeschichte ganz offen. Heute könne er darüber reden. Er habe alles verarbeitet.

Mit 13 rauchte er seinen ersten Joint, mit 16 kam Koks, danach Heroin. „Wenn der Alkohol nicht da war, waren die Tabletten oder Drogen da“, erzählt der gebürtige Kreuther, der heute in Tegernsee lebt.

Mit 25 schien es so, als ob er den Absprung endlich geschafft hat. Er heiratete, wurde Vater von zwei Kindern. Doch nach vier Jahren Abstinenz rutschte er „durch einen blöden Zufall“ zurück in die Sucht.

Die allerletzte Entgiftung

Seine Lebensgeschichte ist ein Auf und Ab der Gefühle. Insgesamt 18 Entgiftungen und zahlreiche ambulante und stationäre Therapien hat Walter hinter sich gebracht. Mit 34 erlitt er eine Hirnblutung. Seitdem ist er einseitig gelähmt. „Wenn man ein Handicap hat, kommt man ins Selbstmitleid rein. Das ist fatal“, sagt Walter heute.

Am 7. Juni 2012 machte Walter dann seine allerletzte Entgiftung. „Nach sieben Tagen habe ich aus dem Fenster geschaut und einen Regenbogen gesehen. Da ist irgendwas in mir passiert und ich habe gedacht ‚Walter, gib dir noch eine Chance‘.“ Heute ist Walter seit acht Jahren trocken und clean. „Nur das Rauchen habe ich mir noch nicht abgewöhnt“, schmunzelt er.

Heute hilft Walter anderen Suchtkranken

Aber wo fängt Sucht eigentlich an? „Da wo es kein Fenster zum Himmel gibt“, sagt Walter. Generell sei Genießen und Sucht sehr nah beisammen. Nicht jeder müsse abhängig werde, wenn er immer seine ein, zwei Feierabendbier trinkt. Aber der Grad sei hier sehr schmal.

Heute hilft Walter anderen Suchtkranken, mit ihrer Krankheit klar zu kommen. Im Club 29 in München machte er eine Ehrenamtsausbildung und engagierte sich viele Jahre. Mittlerweile ist er betrauter Diener der Anonymen Alkoholiker in Tegernsee. Jeden Donnerstag trifft sich eine kleine Gruppe von fünf bis zehn Personen ab 19.30 Uhr.

Hier geht man nach einem 12-Schritte-Programm vor. 12 Traditionen – 12 Versprechen. „Der Anfang ist immer, dass man es einsieht. Alle anderen Schritte sind so aufgebaut, dass man wieder ins Leben zurückfindet“, beschreibt Walter. Wenn ein Neuer in die Gruppe kommt, startet das Programm immer von vorne. „Niemand ist hier alleine. Das ist das Wichtigste.“ Manche Teilnehmer kommen schon seit vielen Jahren. Die Gruppe gibt ihnen Halt, auch wenn sie schon längst raus sind aus der Sucht. Auch Walter hilft seine neue Aufgabe:

So helfe ich mit, anderen Menschen den Weg zu zeigen. Seitdem fühle ich mich im trockenen Leben wohl und bin sehr aktiv.

Für Walter steht heute fest: Alkohol ist Töten auf Raten. Das ziehe sich durchs ganze Leben. Irgendwann stirbt man an Herzversagen oder Kreislauf. Angehörigen von Alkoholikern empfiehlt er, nicht einfach hinzugehen und zu sagen „Hör das Trinken auf“, sondern lieber ganz offen zu erklären: „Hey, ich mache mir Sorgen um dich.“

Generell hat Walter das Gefühl, die Zahl der Abhängigen steigt. Auch Corona sei für viele schwer gewesen, weil die Gruppetreffen nicht stattfinden konnten.

Zurück im Leben

Walter kann stolz auf das zurückblicken, was er geschafft hat. Er hat den Kampf gegen die Sucht gewonnen und hilft heute anderen Menschen, mit ihren Süchten und Problemen besser klar zu kommen. „Leider klappt es manchmal auch nicht“, weiß Walter. Dann müsse es eine Betreuung geben oder einen richtigen Entzug. Viele schaffen den Weg aus dem Alkohol aber auch allein durch die Treffen bei den Anonymen Alkoholikern.

Walter ist jedenfalls optimistisch: „Manchmal schau ich in Spiegel und sage mir: Heid mog i di. Du bist top.“ Das hilft ihm an schlechten Tagen.

Suchtberatung:

Jeden vierten Freitag im Monat
Treffpunkt: Vhs Dürnbach
Münchner Str. 139
83703 Dürnbach


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