KulturVision: Filmmatinee in Holzkirchen:
Anima – die Kleider meines Vaters

Die leidvolle und doch immer wieder schöne Geschichte der Familie Decker, in der der Vater sich nicht traut, seinen Wunsch zu transvestieren offen auszuleben, wird in der Dokumentation „Anima – die Kleider meines Vaters“ gezeigt. Das Schicksal derjenigen, die nicht in die starren Kategorien von männlich und weiblich hineinpassen, berührt den Zuschauer und stellt drängende Fragen an unsere Gesellschaft.

Moderatorin Fiona Eder. / Foto: Petra Kurbjuhn

„Das Unsagbare schob sich wie eine Wand zwischen Dich und die Welt.“

Das Unsagbare war das Geheimnis, das der Vater der Regisseurin Uli Decker ein Leben lang mit sich trug und das auf der gesamten Familie wie ein Schleier lastete. Doch erst am Sterbebett ihres Vaters Helmut erfahren die beiden Töchter Uli und Cordula das Unsagbare, das er ihnen zu Lebzeiten nie offenbaren konnte: Das Bedürfnis ihres Vaters, zu transvestieren und sich als Frau zu schminken.

Auch nach seinem Tod belastete Uli Decker das Unsagbare. Ihr Weg, mit dem Familiengeheimnis umzugehen, war das Unsagbare auszusprechen. Und so beschloss sie, eine Dokumentation zu drehen.

Im Rahmen der Reihe anders wachsen zum Thema alternativer Lebensmodelle im Oberland zeigte der Film „Anima – die Kleider meines Vaters“ im FoolsKINO vergangenen Sonntag auf gleichzeitig humorvolle und sehr intime Art die Familiengeschichte mit Passagen aus den Tagebüchern des Vaters auf.

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Trotz des frühsommerlichen Wetters war der Andrang groß und so stellte der letzte Film im achten Zyklus von anders wachsen einen vollen Erfolg dar.

Verstecktes Doppelleben

Bereits in seiner Kindheit zieht Helmut heimlich die Kleider seiner Mutter an, begleitet von der ständigen Angst, dass sie etwas bemerkt. Doch auch nachdem er den Rock, den er aus Versehen beschädigt hat, in den Kleiderschrank seiner Mutter zurückhängen muss, bleibt jede Reaktion aus. Zu seinen Eltern spürt er eine gewisse Distanz und auch von Gleichaltrigen zieht sich Helmut zurück. Insbesondere der zwanglose Kontakt mit Mädchen berührt ihn unangenehm. In der regelmäßigen Beichte verspürt er den Druck alles offenzulegen, obwohl es ihn mit einer großen Scham und Angst belastet.

Für eine gewisse Zeit legt sich sein Wunsch zu transvestieren und Helmut fasst die Hoffnung „geheilt“ zu sein. Doch nachdem er seine zukünftige Ehefrau Monika trifft und sie ein Jahr später heiratet, beginnt er, in deren Abwesenheit ihre Kleider anzuziehen und damit durch die Straßen zu laufen. Als ihn eines Tages seine Tochter Ulrike beinahe mit einem Kleid im Wohnzimmer entdeckt, erkennt er die Sinnlosigkeit seines Versteckspiels: „Das Doppelleben blockiert mehr, als dass es befreit“.


Regisseurin Claudia Decker hatte zu Lebzeiten eine seltsame Distanz zu ihrem Vater. / Foto: ZDF und Privatarchiv Familie Decker

Als schließlich seine Frau ein Damenhemd von ihm entdeckt, beschließt er, ihr sein Geheimnis anzuvertrauen. Seine Angst, dass sie ihn daraufhin verlässt, bewahrheitet sich nicht. Stattdessen unterstützt sie ihn und kauft gemeinsam mit ihrem Mann Frauenkleidung. In seinen Tagebüchern beschreibt er es als einen „glücklichen Ausgang einer leidvollen Lebensgeschichte“.

So basteln sich die Eltern von Uli und Cordula ein verstecktes Leben, das erst mit dem tödlichen Unfall des Vaters ans Licht kommt. Die Offenbarung birgt für die Töchter gemischte Emotionen, allen voran das Gefühl, einen Vater verloren zu haben, den es nie gab.

Kontrast zwischen Außenwirkung und Innensicht

Während die Familie nach außen hin makellos bürgerlich wirkt, hängt eine depressive Stimmung wie eine dunkle Wolke über dem Haus. Der Vater verkriecht sich und beschäftigt sich vor allem mit seinen eigenen Problemen.

Insbesondere das Verhältnis zwischen Helmut und Uli ist zerrüttet. Als junge Erwachsene wirft sie ihm vor, keinen Vater zu haben, weil er ihr aus Angst seit der Kindheit aus dem Weg geht. Um das zu verstehen, deckt Uli die Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Vater auf. In ihrer Kindheit wollte sie Hosen statt Kleider tragen und lieber die spaßigen Aktivitäten machen, die nur Jungen in den Achtzigerjahren im bayrischen Alpenvorland zugänglich waren. In ihrer Vorstellung wünscht sie sich, Junge und Abenteurer anstelle eines Mädchens zu sein.

Subtile Gesellschaftskritik

Die Dokumentation stellt drängende Fragen an unsere Gesellschaft: Wieso müssen die Grenzen zwischen männlich und weiblich so streng bewacht werden? Wieso wird der Anima des Mannes so wenig Spielraum eingeräumt? Wieso können Männer ihre Zärtlichkeit und Verletzlichkeit nicht leben?

Anima - die Kleider meines Vaters
In der Diskussion. Foto: / Petra Kurbjuhn

Der Tenor der von Fiona Eder moderierten lebhaften Diskussion war zum einen Dankbarkeit des Publikums, dass dieser berührende Film in der Reihe anders wachsen gezeigt wurde und zum anderen, dass der Film einen ersten Schritt in die richtige Richtung zeigt, nämlich dass über ein solches Familiengeheimnis gesprochen wird. Jede Lebensform verdiene es, gesegnet zu werden, hieß es. Die Frage, ob wie von Uli Decker verwendete Tagebuchnotizen öffentlich gemacht werden sollen, wurde eindeutig mit Ja beantwortet, da der Vater es letztlich so gewollt habe.

Wichtige Kernsätze des Films wurden zitiert, wie die Aussage der Ehefrau: „Ich hätte ihn nie verlassen, er war ein toller Mensch und hat niemandem geschadet.“ Oder das Bekenntnis des Vaters, er habe durch die Travestie die Freiheit seiner Seele erlangt.

Mensch sein hieße, unzulänglich zu sein, eigene Glaubenssätze aber immer wieder zu überprüfen.

Als Aufforderung wurde mitgegeben, dass es in der Welt noch viel zu tun gibt.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Online-Magazin KulturVision am 14.04.2024 | Ein Beitrag von Fiona Eder.

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