Anti-Kreidl mit schwerem Erbe

von Rose Beyer

Im vergangenen Jahr war wieder einiges los im Tegernseer Tal. Die TS-Redaktion präsentiert die Aufsteiger und Aufreger 2014. Heute der dritte Platz. Wir beginnen mit dem Aufsteiger: Neu-Landrat Wolfgang Rzehak.

Der neue Landrat Wolfang Rzehak belget Platz 3 unserer Aufsteiger des Jahres
Der neue Landrat Wolfang Rzehak belegt Platz 3 unserer Aufsteiger des Jahres.

Vor zwei Wochen hat die TS-Redaktion die Leser dazu aufgerufen, über die Aufsteiger und Aufreger des Jahres 2014 abzustimmen. Die Redaktion hatte jeweils zehn Kandidaten zur Auswahl gestellt. Über 1.200 Leser haben sich an der Abstimmung beteiligt. Heute Platz 3 der Aufsteiger: Landrat Wolfgang Rzehak.

Der Wahlkampf

„Werd ich’s oder werd ich’s nicht?“ Diese Frage mag Anfang des Jahres 2014 eine zentrale Rolle für den Gmunder Verwaltungswirt gespielt haben. Der Gemeinderat Wolfgang Rzehak stellte sich der Herausforderung, in den Wahlkampf um den Landratsposten zu ziehen. Bekanntlich gewann er denselben.

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Ende März sah er auf eine spannende – und bestimmt auch nervenaufreibende – Wahlkampfzeit zurück. Nachdem er bereits bei der vergangenen Landratswahl einen Achtungserfolg von 20 Prozent erreicht hatte, wollte er es dieses Mal erneut wissen. Die Grünen standen zu ihm und stellten ihn bei der Nominierungsveranstaltung im vergangenen November als Kandidaten auf. Damit sah er sich gemeinsam mit vier weiteren Kandidaten „im Ring“.

Sogleich legte er seine Schwerpunkte für den Wahlkampf fest. Als Landrat wolle er sich für einen sensibleren Umgang mit der Landschaft und dem Flächenverbrauch im Landkreis einsetzen, so sein wohl wichtigstes Ziel. Außerdem sollte seiner Meinung nach die Energiewende im Landkreis angepackt werden. Zudem sei ihm die Stärkung der regionalen Kreisläufe ein großes Anliegen:

Heute definiert sich ein Dorf ja fast schon mit einem McDonald’s, einem Aldi und einem Trachten-Outlet, in dem man billige Plastik-Dirndl kaufen kann. Aber im ganzen Ort bekommt man keine Leberkassemmel mehr. Das sollte sich dringend wieder ändern.

Schon damals war allerdings klar, dass bei der derzeitigen Haushaltslage keine großen Sprünge möglich sein würden. Nicht alles, was wünschenswert sei, könne auch finanziert werden. Deswegen müsse man Prioritäten setzen. Der Wahlkampf ging schnell vorbei – er selbst hielt sich für einen fairen Wahlkämpfer und hätte für ein gutes Ergebnis auch „an jeder einzelnen Tür geklingelt, wenn es denn sein muss“.

Über Nacht deutschlandweit bekannt

Der Wahlabend war mehr als spannend. Wie muss er geschwitzt haben, als er in seinem geliebten Miesbacher Weißbräustüberl der Entscheidung entgegengefiebert hat. Die Entscheidung der Wähler: 53,29 Prozent der Stimmen in der Stichwahl. Ein Freudenschrei – ein Taumel. Sogleich lagen sich der Gemeinderat und der Vize-Landrat und Gmunder Bürgermeister Georg von Preysing in den Armen.

Die Kunde vom ersten Grünen-Landrat Deutschlands verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Dafür sorgten überregionale Medien. In nur einer Nacht – der Wahlnacht Ende März – war der unbekannte Gemeinderat mit dem unaussprechlichen Namen kometengleich zum Shooting-Star aufgestiegen. „Schehak – der Name kommt aus dem Tschechischen“ – am Morgen wusste die Republik, wer sich hinter diesen Buchstaben verbirgt.

Gmunds Bürgermeister Georg von Preysing gratulierte dem frisch gewählten Landrat zuerst. Links Herausforderer Norbert Kerkel, der unterlag
Gmunds Bürgermeister Georg von Preysing gratulierte dem frisch gewählten Landrat zuerst. Links Mit-Kandidat Norbert Kerkel.

Der inzwischen 47-Jährige sieht sich nicht als Hardcore-Grüner. Er ist dennoch Duz-Freund auch bundesparteilicher Grüner. Cem Özdemir zum Beispiel, der Bundesvorsitzende der Grünen, war im Oktober nach Miesbach gekommen, um zu hören, wie es Wolfgang Rzehak geschafft hatte, Landrat zu werden.

Wir haben schon viele Grüne Bürgermeister und auch einen Ministerpräsidenten, aber keinen Landrat. Besonders im tiefschwarzen Bayern ist das eine Seltenheit.

So erklärte es der Grünen-Chef, warum Miesbach in sein Interessensfeld geraten war. Doch bei dem eigentlichen Thema, das Özdemir interessierte, ließ Rzehak seinen Bundesvorsitzenden zappeln. Auf dessen Frage nach einem „Geheimrezept“, wie man hier Landrat werden kann, hatte er humorvoll geantwortet: „Wie man hier Landrat wird – so ganz weiß ich das immer noch nicht!“

Es habe einerseits mit dem Miesbacher Büro zu tun und den Skandalen um seinen Vorgänger Jakob Kreidl, nach denen sich die Menschen einen Wandel gewünscht haben. Andererseits führte er den Erfolg auch auf die Erfahrung zurück, die er als Gemeinderat und Kreisrat in vielfacher Hinsicht eingebracht hat.

Während der Bundespolitiker wieder den Heimweg in die Hauptstadt antrat, kehrte Wolfgang Rzehak in seinen Landratssessel zurück. Und das ist es auch, was böse Zungen ihm nicht allzu selten vorwerfen. Er sei fast zu „schwarz“ – der grüne Landrat. Doch er nahm’s gelassen. Machte nie einen Hehl daraus, dass es ihm um einen zwischenmenschlichen Klimawandel geht. Und nicht um eine grüne Revolution.

Ein schweres Erbe

Das „missglückte System Kreidl“ hatte ihn auf den Stuhl gehievt. Jetzt hieß es für ihn erst einmal – aufräumen! Der Landkreis ist hochverschuldet, die Kreidl-Affäre noch längst nicht aufgearbeitet, überall herrschte im Frühling eine Atmosphäre des Misstrauens. Der „Aufräumer“ wird dann entweder als zu langsam oder zu radikal gescholten. Dem neuen Landrat standen schwere Zeiten bevor. Blühen die Blumen im Landkreis jetzt schöner? Sind die Kühe glücklicher? So fragten wir Wolfgang Rzehak nach 100 Tagen Amtszeit.

In dieser ersten Zeit hatte er dem Landkreis erst einmal eine „neue Bescheidenheit“ angelegt. Nach eigenen Aussagen versuchte er, die Verwaltung einzubinden. Er nahm sich Zeit, alle Mitarbeiter kennenzulernen. Er versuchte, Dinge kooperativ zu lösen und nicht von oben nach unten. Er hörte sich zumindest andere Meinungen an. Er hat viel geredet und viel repräsentiert. Und fährt nicht zuletzt ein Auto auf Sparflamme.

"Wie grün ist Rzehak" - die zentrale Frage bei der Bräustüberl-Runde
„Wie grün ist Rzehak?“ – die zentrale Frage bei der Bräustüberl-Runde.

Zur Halbjahresbilanz Anfang Dezember wurde dann die schwarz-grüne Liaison wieder einmal ins Licht gerückt. Dass Rzehak sich häufig mit CSU-Politikern „gut Freund“ zeigt, ist eine Nähe, die nicht jedem gefällt. Eine schwarz-grüne Annäherung befürchtet ein konservativer Kreis von CSU-Rebellen, andere nähren den Verdacht, Rzehak könnte womöglich seine grüne Seele an die Schwarzen verkaufen.

Rzehak hält Radwan für „einen, der eigentlich ein Liberaler in der CSU ist. Er ist jedenfalls kein Erzkonservativer.“ Denn es zeige sich, dass es gewisse Wertvorstellungen gebe, die gar nicht so weit auseinander liegen. Und es gehe um das Brückenbauen und nicht um Koalitionsgespräche. „Und wo bietet sich dies besser an, als in einem eigentlich schwarzen Landkreis, wo ein Grüner Landrat wurde.“

Ist er zu opportunistisch?

„Wenn es im Gemeinderat um wirklich wichtige Dinge ging, wie beispielsweise die Abfüllanlage der Brauerei unweit der Kreuzstraße oder das Maximilian-Gelände, da war Rzehak bei den Abstimmungen immer an der Seite der CSU.“ So argumentiert zum Beispiel Helga Wagner, die noch immer für die Grünen im Gmunder Gemeinderat sitzt. Für Wagner ist Rzehak kein Grüner – er habe zu nichts eine eigene Einstellung. „Die CSU wird ihn fallen lassen, sobald sie für die nächste Wahl ihren eigenen Kandidaten aufgebaut hat, da bin ich mir sicher“, glaubt Wagner.

Auch die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) hatte größere Hoffnungen in Rzehak gesetzt. Sie wollen sich für ihr Mitglied Wolfgang Rzehak noch in Geduld üben, so Vorsitzende Angela Brogsitter-Finck. Ein paarmal sei der Landrat ja auch schon auf ihren Veranstaltungen gewesen. Zuletzt bei einer Philippika gegen die Bauwut im Tegernseer Tal, vorgetragen Ende November im Barocksaal von Hubert Weiger vom Bund Naturschutz. „Ich hoffe, dass dessen aufrüttelnder Vortrag nicht spurlos an Rzehak vorübergegangen ist“, sagt die SGT-Vorsitzende. „Bisher hat man allerdings noch nicht gemerkt, dass er ein grüner Landrat ist. Er sagt ja selbst, er sei Pragmatiker und Kommunalpolitiker, als Landrat sei er kein Grüner.“

Auch wenn viele schnelle Ergebnisse vom neuen Landrat – genannt „Beppo“ – erwarten. Auch er braucht Zeit, bis die Kühe bessere Milch geben und die Blumen schöner blühen. Letztendlich ist er zwar der „Kopf des Landkreises“. Er kann aber auch nur so gut sein wie seine 60 Kreisratskollegen. Denn die müssen schließlich alles gemeinsam machen.

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