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Verkehrsproblem: Gemeinde im Wettlauf gegen die Zeit

Waakirchen hat „die Schnauze voll“

Von Rose Beyer

Der starke Verkehr ist ein Reizthema in Waakirchen. Über 200 Männer und Frauen kamen am Donnerstagabend zum „Infoabend Verkehr“ ins Pfarrheim der Gemeinde. Bürger und Politiker wollen endlich Lösungen finden.

Trotzdem bleibt es ein Marathonlauf gegen das enge Zeitfenster. Gerade mal sechs bis neun Monate bleiben, dann könnte es für Waakirchen zu spät sein.

"Alle fahren über Waakirchen" - Gerhard Voit (rechts) will dem nicht länger tatenlos zusehen.
„Alle fahren über Waakirchen“ – Gerhard Voit (rechts) will dem nicht länger tatenlos zusehen.

Rainer Küppers wirkt zufrieden. Gerhard Voit nicht so sehr. Der eine scheint wohl eher der Stratege zu sein. Der andere fungiert eher als Kämpfertyp. Auch Rechtsexpertin Alexandra Güller sitzt mit am Tisch. Halb zehn Uhr abends ist es da am Donnerstag im Waakirchner Pfarrheim. Gesagt ist wohl längst nicht alles. Obwohl viel geredet wurde. Hätte Küppers die Wortbeiträge der Gäste – und damit die Länge des Abends – nicht begrenzt, hätte man endlos reden können. Ein Appell war es allemal – der Anfang ist getan. „Wir wollten über unsere Erkenntnisse informieren und auffordern zur Diskussion“, bringt es Rainer Küppers auf den Punkt.

Genau wie Gerhard Voit und Alexandra Güller gehört er der Bürgerinitiative an, die sich seit etlichen Jahren dafür einsetzt, dass die Verkehrsbelastung erträglicher wird in Waakirchen. Jetzt, wo alle heimgehen, sich in eines ihrer Autos setzen, die vor dem Pfarrheim die Straßen zugeparkt haben, hält Küppers noch ein wenig inne. Doch innerlich formuliert er bereits den Text aus, der auf der Unterschriftenliste stehen soll, die möglichst viele Verfechter zusammenfassen soll. Diese dient dazu, den „Oberen“ in München und Berlin die Dringlichkeit für Verkehrsprojekte in der Gemeinde klarzumachen.

Wie kommen wir an den „Geldtopf“ ran?

Eine Unterschriftenliste, eine Website, die Kanalisierung von Ideen per E-Mail, ein Verkehrs-Stammtisch, appellierende Transparente an den Straßenrändern der Gemeinde Waakirchen. Sie alle sollen ausdrücken, was die meisten heute Abend am Infoabend wohl denken und Gemeinderat Rudi Reber ausspricht:

Ich habe die Schnauze voll vom Verkehr in Waakirchen!

In Waakirchen will man nun alles dafür tun, um in die höchste Dringlichkeitsstufe des Bundesverkehrswegeplans aufzusteigen. Die Ziele sind eine Ortsumgehung, ein Tunnel oder andere Maßnahmen zur Abnahme des nervigen Verkehrs in der Gemeinde. Der Verhehrswegeplan kommt alle 15 Jahre heraus. Momentan arbeitet das Verkehrsministerium an der Aufstellung dieser Konzeption. Sie ist das zentrale Planungsinstrument der Bundesregierung für die Verkehrspolitik. Eine Art „Warteliste“, die entscheidet, welches Verkehrsprojekt in welchem deutschen Ort am ehesten in die Umsetzung kommt.

Und genau das scheint auch das größte Problem zu sein. Neben Waakirchen hoffen auch etliche weitere Kommunen in der Umgegend darauf, in die höchste Dringlichkeitsstufe des Plans vorzurücken. Auch Gmund will die Westumfahrung des Stachus‘ über Moosrain und Finsterwald auf diesem Wege realisieren.

„Wer am lautesten schreit, kommt rein“, vermutet Gerhard Voit von der Bürgerinitiative. Die Höhe des „Geldtopfes“ ist gedeckelt. Dabei sind Verkehrsprojekte – speziell Tunnellösungen oder Umgehungsstraßen – bisweilen sehr teuer und können schnell in zwei- beziehungsweise dreistellige Millionenhöhen gehen. Es können also nur wenige Kommunen glücklich gemacht werden.

Die B472 als großes Problem

Derweil werden die Verkehrsprobleme in Waakirchen nicht kleiner. Im Gegenteil. Während in Orten wie Großhartpenning die Fahrzeugpassagen eher abnehmen, ist man in Waakirchen auf dem aufsteigenden Ast. Während im Tegernseer Tal eher Ziel- und Quellverkehr auftritt, leidet Waakirchen unter dem Durchgangsverkehr. Gerade die B472 nutzen viele als „Ost-West-Tangente“ von Salzburg bis zum Bodensee. Das weiß auch Gerhard Voit und betont:

Die B472 schaufelt uns den ganzen Verkehr in den Ort.

Voit wirkt wütend und ratlos zugleich und das trotz seines ausdrucksstarken Vortrags. „Ich weiß nicht, wie man das eindämmen soll?“, fragt er in die Runde. Dutzende von Briefen an Politiker und Behörden hat die Bürgerinitiative auf der Suche nach Unterstützung bereits geschrieben. Bisher erfolglos. Dabei tickt leise die Uhr. Bereits 2015 muss formuliert sein, dass Waakirchen es „verdient“ hat, auf der „Warteliste“ Bundesverkehrswegeplan ziemlich weit oben zu stehen.

Schneise durch den Ort und „beliebte“ Ost-West-Tangente: die B472 mit der Engstelle Waakirchen.

Zehntausende Fahrzeuge passieren den kleinen Ort tagtäglich. Immerhin fließt der Verkehr – es gibt keinen Stau. Doch das tröstet keinen in der Gemeinde. Die B472 ist inzwischen zur Schneise im Ort geworden. Will man sie als Fußgänger überqueren, braucht man eine Portion Mut. Gerhard Voit hat die Verkehrsmessungen über einen längeren Zeitraum genauestens studiert. Eine Website gibt Auskunft darüber.

26.000 Autos pro Tag

So passieren die Ortsdurchfahrt von Waakirchen täglich mehr als 14.000 Kraftfahrzeuge, davon 900 Lastwagen. Die Ortsdurchfahrt von Hauserdörfl nehmen mehr als 9.000 Fahrzeuge täglich, die 0rtsdurchfahrt von Schaftlach befahren 3.000 KFZ täglich. Eine unzumutbare Anzahl, wie Voit unmissverständlich in seinem Vortrag deutlich macht: „Wenn sich hier in Waakirchen was tun soll, dann ist die Voraussetzung, dass wir in die höchste Dringlichkeitsstufe kommen.“

Diese Forderung richtet Voit vordringlich an Bürgermeister Sepp Hartl und die Gemeinderäte, die ebenfalls ins Pfarrheim gekommen waren. Der Rathauschef verweist darauf, dass bereits seit 2012 ein Antrag auf vordringlichen Bedarf laufe. Man müsse aber wohl überlegt vorgehen. „Es kommt vor allem auf ein ausgewogenes Kosten-Nutzen-Verhältnis an“, meint Hartl. Für eine Tunnellösung sieht er wenig Chancen, das gesteckte Ziel der Dringlichkeitsstufe zu erreichen. Dagegen plädiert er für eine Trasse und betont:

Wir schlafen nicht – wir sind dabei – Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden!

So rechtfertigt Hartl die Bemühungen, des Verkehrsproblems Herr zu werden. Im gleichen Atemzug zählt er diverse kleinere Verkehrsverbesserungen auf. Doch darum sollte es nicht gehen. Eine große Lösung wird gefordert. Hartl hofft dazu stark auf den Runden Tisch, bei dem Vertreter der umliegenden Kommunen zusammenwirken sollen, um eine „große Lösung“ zu finden. Am 23. Juni soll dieser nun stattfinden, lässt Bürgermeister Hartl verlauten.

Hartl für mehr Bürgerbeteiligung

Nichtsdestotrotz forderte der Bürgermeister mehr Bürgerbeteiligung ein. Zwar sei er froh, dass es Aktive gebe wie Küppers oder Voit, es sollten sich aber so viele wie möglich beteiligen, um Druck auszuüben. „Wir kommen rein, aber dafür brauchen wir Euch, animiert der Rathaus-Chef die anwesenden Gäste. Dann geht die Veranstaltung zu Ende.

Insgesamt war es ein Informationsabend, der diesen Namen zu Recht verdient. Eine gesunde Mischung als Wutbürgertum und Konstruktivismus – eigentlich fast eine „kleine Bürgerversammlung“. Ob nun eine eher stille Unterschriftenliste, ein schwer zu organisierender Runder Tisch oder plakative Transparente mit Öffentlichkeitswirkung und Medienpräsenz die größte Wirkung haben werden – eines will man sich nicht nehmen lassen: eine Chance für Waakirchens Zukunft. Sollte es nicht gelingen, die Dringlichkeit plus zu erreichen, wird sich in den kommenden 15 Jahren wohl nicht viel ändern.

Rainer Küppers wird die Unterschriftenliste formulieren. Die Gemeindeverwaltung organisatorisch unterstützen. Und interessierte Bürger können ihre Ideen an die neu eingerichtete E-Mail-Adresse senden: info@nwgw.org (Merksatz: neue wege für die gemeinde waakirchen)


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