Wiesseer Ehepaar lebt jahrelang mit verseuchtem Wasser

„Auf keinen Fall trinken!“

Von Rose Beyer

Viele Jahre konnte ein Wiesseer Ehepaar keine Gerichte essen, ohne vorher das Wasser abzukochen. Denn in ihrem Trinkwasser waren Kolibakterien enthalten, die sie ansonsten krank gemacht hätten.

Bisher hielten die hohen Kosten von fast 80.000 Euro die Gemeinde davon ab, das Haus und die Nachbarn an die öffentliche Wasserversorgung anzubinden. Doch eine neue Schätzung ermöglicht es nun, diesen seit 25 Jahren andauernden Missstand zu beheben.

In diesem abgelegenen Haus am Rohbognerweg wohnt das Ehepaar

Kolibakterien verursachen im Normalfall Durchfallerkrankungen, die gelegentlich von Erbrechen begleitet werden. Das Wiesseer Ehepaar, das namentlich nicht genannt werden möchte, kommt damit jedoch schon jahrelang zurecht. Sie hätten sich den Gegebenheiten eben angepasst.

„Man muss halt beim Zähneputzen aufpassen, dass man sich nicht verschluckt“, erzählt der Ehemann: „Sonst kriegst Bauchweh.“ Auf keinen Fall dürfe man es einfach so trinken, erklärt er weiter. Nur abgekocht sei das Wassser unbedenklich. Generell gebe es deswegen bei Ihnen zu Hause Mineralwasser zum Trinken und keines aus dem Hahn.

„Es musste das Wasser sein“

Verunreinigtes Wasser in Deutschland? Egentlich schwer zu glauben, dass solch ein Zustand mitten in Wiessee jahrelang Bestand haben kann. Angefangen hätte das ganze vor etlichen Jahren, erzählt der Rentner. Immer wieder sei ihnen schlecht gewesen, auch Durchfall und Erbrechen traten häufig auf.

Und auch die Tochter – die inzwischen ausgezogen ist – war von den Krankheiten betroffen. Ebenso wie das benachbarte Ehepaar. Zu diesem Zeitpunkt hätten sie schon vermutet, dass es am Trinkwasser liegen müsse, so der 71-Jährige.

Die beiden abseits gelegenen Wohnhäuser oberhalb des Wiesseer Breitenbachtals sind nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen. Sie beziehen es aus der ein paar hundert Meter entfernten Quelle, welche sich auf dem Gelände des unmittelbar anschließenden Golfplatzes befindet.

Anlage marode

„Mein Vater und ein Nachbar haben damals die Quelle gefasst“, erzählt der Wiesseer. Doch das ist lange her. Inzwischen ist die Anlage offenbar ein wenig marode. Seit längerem sei die Fassung nicht mehr in Ordnung. Den Deckel könne man schon wegschieben, berichtet er.

Bei der Gemeinde ist er deswegen schon des öfteren vorstellig geworden. Aber hinterher sei er oft genauso schlau gewesen wie vorher, erinnert er sich. Dabei fühlte er sich von der Gemeinde eine Zeitlang auch ein Stück weit allein gelassen.

Jahrelang sei nichts passiert. Nur einmal habe man ihm angeboten, er solle eine sogenannter UV-Anlage einbauen. Doch davon habe er sich wenig versprochen. Währenddessen wurde die Sache immer schlimmer. „Manchmal kam eine richtig braune Brühe aus dem Hahn“, erzählt der Wiesseer.

Auch Wasserdruck ungenügend

Doch die Qualität scheint nicht das einzige Problem zu sein, sondern auch der Druck. „Eine Badewanne einlassen dauert bei uns eine halbe Stunde“, erzählt die Frau des Hauses. Ein Haushalt ohne sauberes Wasser und ohne einen anständigen Wasserdruck. Da könne man sich schon mal wie Menschen zweiter Klasse fühlen.

Das Ehepaar habe schließlich die Entscheidung getroffen, sich mit den Nachbarn zusammenzutun, damit endlich etwas gegen den jahrelangen Missstand unternommen werde. Und tatsächlich kam schon bald der ersten Lichtblick.

Proben bestätigen Verdacht

„Das Wasserwirtschaftsamt war bei uns, um Proben von dem verseuchten Wasser zu nehmen,“ so der Rentner. Seitdem steht fest – es handelt sich um Kolibakterien, die die Menschen krank machen. „Ich glaube, dass von oben was reinkommt“, vermutet der Wiesseer.

Ab hier ist Schluss mit sauberem Wasser

Daraufhin setzte man sich seitens der Gemeinde noch einmal zusammen und versuchte eine Lösung zu finden. Bisher hielten vor allem die geschätzten Kosten von rund 60.000 bis 80.000 Euro die Verwaltung von einem Anschluss der Grundstücke an die örtliche Wasserversorgung ab.

Nun lässt eine neue Berechnung jedoch den gemeindlichen Beitrag auf nur noch 16.500 Euro schmelzen. Zudem will sich auch der Golfplatz mit rund 10.000 Euro an den Kosten für das Vorhaben beteiligen. Rathaus-Mitarbeiter Thomas Holzapfel machte in seiner kurzen Vorstellung dem Gemeinderat in der Januar-Sitzung klar, wie ernst die Lage ist: „Die Wasserqualität ist äußerst schlecht.“

Dank der neuen Kostenschätzung, zeigten sich die Räte überzeugt davon, dass nun gehandelt werden muss. „Ich finde es ganz hervorragend, dass wir diesen Anschluss endlich machen“, erklärt Klaudia Martini (SPD): „Das war höchste Zeit.“

Ein vergessener Luxus

Ihre Ratskollegen schienen die Sache ähnlich zu sehen und segneten den Beschluss einstimmig ab. Damit gibt es für das Wiesseer Ehepaar bald wieder sauberes Wasser aus dem eigenen Hahn.

Für die meisten Menschen ist das etwas ganz Normales. Für das Ehepaar jedoch ein schon seit langem vergessener Luxus. „Das ich das noch erlebe, hätte ich nicht gedacht“, freut sich der ehemalige Bauhofmitarbeiter, der trotz der jahrelangen Strapazen der Gemeinde nicht böse ist. Schließlich habe man nun eine gute Lösung gefunden.


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