“Bei der Hysterie nicht mitmachen”

von Stefan Fütterer

Im Markt Holzkirchen sind aktuell rund 83 Asylbewerber untergebracht. Wie viele es noch werden ist ungewiss. Nach den zuletzt veröffentlichten Zahlen muss Holzkirchen insgesamt 257 Personen aufnehmen. Das ist vor allem für die Helfer eine große Herausforderung. Wir haben mit der Asylbeauftragten Maria Korell über die Situation im Oberland und über positive und negative Erfahrungen gesprochen.

Bürgermeister Olaf von Löwis sitz gemütlich mit den Asylbewebern bei Kaffee und Kuchen zusammen ...
Bürgermeister Olaf von Löwis sitz gemütlich mit den Asylbewebern bei Kaffee und Kuchen zusammen …

Holzkirchner Stimme: Was muss man denn mitbringen, um so entspannt zu sein wie Sie?

Maria Korell: Wichtig sind Gelassenheit und Optimismus. Wahrscheinlich bin ich so gelassen, weil ich das jetzt schon seit eineinhalb Jahren mache. Und ich kenne die Flüchtlinge halt auch als Menschen. Es sind Menschen wie wir.

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Holzkirchner Stimme: Wenn Sie sich was wünschen könnten, was wäre das?

Korell: Mehr Gelassenheit unter den Bürgern. Dass man die Hysterien nicht immer mitmacht. Dass man sich einlässt. Dass man die Chance nützt, wenn man jemanden kennen lernen kann. Dass man nicht urteilt, bevor man es selber kennen gelernt hat. Vorher darf man sich kein Urteil erlauben.

Holzkirchner Stimme: Bei Ihrer Arbeit kann man sicher auch viel über sich selber lernen

Korell: Ja. Am Freitag zum Beispiel, das war richtig beeindruckend, da fand eine Totenfeier statt. Es war der Vater eines Pakistani gestorben. Erst haben die Muslime gebetet, dann wir Christen. Das war spannend: Jeder hat beobachtet, was der Andere macht. Als wir zum Beispiel aufgestanden sind, sind die Muslime auch alle aufgestanden. Danach haben wir zusammen gegessen und ich habe mir gedacht: Es könnte so einfach sein, wenn jeder den Anderen einfach akzeptiert.

Holzkirchner Stimme: Wie empfinden Sie die Unterstützung der Gemeinde?

Korell: Die ist nach wie vor gut. Ich bekomme jede Unterstützung, die ich brauche.

Holzkirchner Stimme: Wie sehen Sie die Berichterstattung zum Thema Flüchtlinge?

Korell: Manchmal ist es besser, man liest nicht alles, was geschrieben wird.

Das Leben in den Unterkünften

Holzkirchner Stimme: Gibt es einen Sicherheitsdienst in den Unterkünften rund um Holzkirchen?

Korell: Wir haben keinen Sicherheitsdienst im Moment. Den gibt es erst in der Traglufthalle. Und dort kann man dann auch nicht mehr so einfach reingehen. Und das ist auch gut so. Im Moment gehen oft auch mal einfach so Fremde in die Turnhalle hinein, um zu sehen, wie die Asylbewerber so leben, das ist ein wenig wie im Zoo.

Dabei muss man immer bedenken: Wenn man in die Turnhalle geht, steht man im Schlafzimmer von den Flüchtlingen. Die schlafen und wohnen da, das ist deren Privatsphäre. In der Turnhalle haben sie die Abtrennung mit Tüchern zu lösen, die sie an den Spinden und Stockbetten befestigt haben. Ich klopfe immer erst an einen Spind, ob er gestört werden möchte, bevor ich eintrete.

Holzkirchner Stimme: Gibt es innerhalb der Flüchtlinge Klassengesellschaften?

Korell: Gibt’s gar nicht. Die meisten kennen die Situation der Anderen. Sie sind sehr gut informiert. Soweit es sprachlich möglich ist, unterhalten sie sich auch miteinander.

Holzkirchner Stimme: Wie ist das mit der Verpflegung geregelt?

Korell: Die Flüchtlinge kochen selber. In Föching steht ein Koch-Container hinter der Turnhalle und auch im Wohn-Container beim Gymnasium gibt es eine Küche.

Holzkirchner Stimme: Dann bekommen Sie sicher oft auch etwas Exotisches zu Essen angeboten?

Korell: Ja, alle sind extrem gastfreundlich. Dazu gibt es sogar eine schöne Anekdote, die so auch bei uns passieren könnte: Ein Ehepaar wurde von Flüchtlingen zum Essen eingeladen und dachte, dass es sich um eine Gaststätte handelt.

Holzkirchner Stimme:Um die gewohnten Gerichte zu kochen, braucht man doch bestimmte Zutaten, die es so nicht auf dem Holzkirchner Markt zu kaufen gibt. Werden diese Gewürze durch andere, lokale Gewürze ersetzt?

Korell: Nein, ihre Gewürze kaufen die Flüchtlinge gemeinsam in München ein. Da gibt es alles, türkische und arabische Läden und es gibt sogar einen eritreischen Laden.

Holzkirchner Stimme: Kochen ist ja sicher auch eine gute Beschäftigungstherapie, oder?

Korell: Genau, das ist eine Zeitsache, gerade am Anfang, wenn sie noch keine Schule haben. Die kaufen zusammen ein, kochen zusammen. Das schluckt Zeit und es ist immer gut, wenn man beschäftigt ist. Dazu ist es ein Stück Heimatverbundenheit, dass man sein eigenes Essen hat.

Arbeitssuche und Internet

Holzkirchner Stimme: Zum Thema Beschäftigung gehört ja auch die Arbeitssuche. Wegen der sogenannten Vorrangprüfung schickt die Arbeitsagentur mehrere Wochen lang deutsche oder europäische Arbeitssuchende zum entsprechenden Arbeitgeber. Wenn dann die Stelle noch frei ist, darf der Asylbewerber angestellt werden?

Korell: Ja, das ist immer sehr langwierig. Im Moment haben wir drei Jobs in der Beantragung. Die pakistanischen Bewerber sind erst seit circa drei Monaten hier und fallen damit in die Vorrangprüfung. Zwei davon haben sich den Job selber gesucht, sind herumgelaufen und haben einfach jeden gefragt. Ein Arbeitgeber war so angetan, dass er die Bewerberin gleich anstellen wollte nach der Hospitanz.

Holzkirchner Stimme: Thema bei der Gemeinderatssitzung war ja auch die Ausstattung der Unterkünfte mit WLAN. Wie denken Sie darüber?

Korell: Man muss die Balance finden. Es kommt ja auch viel Kritik aus der Öffentlichkeit, dass man für die Bewerber Alles macht und sie bekommen Alles. Das war bei der Radl-Aktion auch Thema: Die Asylbewerber bekommen alles und unsere Sozialhilfeempfänger haben diese Sachen alle nicht.

In der Turnhalle gibt es zum Beispiel keinen Fernseher, obwohl das auch für das Deutsch-Lernen wichtig wäre. In den Containern gibt es einen, der mit Spenden angeschafft wurde. Für die Traglufthalle werden wahrscheinlich ein oder zwei Fernseher angeschafft werden. Dazu noch eine kleine Anekdote: Mr. Bean habe ich schon auf Eritreisch angeschaut. Das ist lustig.

Holzkirchner Stimme: Manche Föchinger waren ja erst nicht so begeistert, als sie gehört haben, dass die Flüchtlinge in der Föchinger Turnhalle unterkommen sollen. Wie sieht das heute aus?

Korell: Letzten Sonntag hatten wir zusammen mit den Asylbewerbern die umliegenden Nachbarn der Föchinger Turnhalle und den Sportverein zu Kaffee und Kuchen in den Föchinger Hof eingeladen. Wir waren fast 80 Leute. Das war eine ganz angenehme und schöne Veranstaltung. Damit wollten wir uns bei den Föchinger bedanken, dass sie uns so gut aufgenommen haben. Es ist wirklich alles gut gelaufen.

Wir haben aber auch viele nette Asylbewerber. Da gibt es natürlich auch Nette und weniger Nette, so wie es bei uns auch ist. Und eines muss ich noch sagen: Manche Föchinger verbringen sehr viel Zeit mit den Flüchtlingen, lernen mit ihnen und erklären ihnen unsere Kultur. Das hilft schon sehr.

Holzkirchner Stimme: Verraten sie uns noch ein weniger schönes Erlebnis in Ihrer Zeit als Asylbeauftragte?

Korell: Es ist ein ganz normales Zusammenleben zwischen Menschen, und da scheppert es halt auch mal. Und das Hauptproblem ist das Gleiche, das wir in deutschen Familien auch haben: der Alkohol. Wenn ein Mann zu viel getrunken hat, dann findet man den als Deutschen genauso wenig lustig wie einen Asylbewerber.

Holzkirchner Stimme: Und ihr schönstes Erlebnis?

Korell:Das war die Geburt eines nigerianischen Babys. Da war ich dabei und habe es hautnah miterlebt. Das war beeindruckend.

Holzkirchner Stimme: Frau Korell, vielen Dank für das Gespräch.

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