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Dirndl, Schalk und Mieder - Kulturgut des Tegernseer Tals

„Zu kurze Kleider mache ich nicht“

Von Nina Häußinger

Als Dirndl wird heutzutage vieles bezeichnet. Gerade zur Oktoberfestzeit kann man kurze Kleidchen in Massen in jedem zweiten Laden begutachten. Für die Tegernseer ist die Tracht jedoch viel mehr als nur eine Verkleidung für Waldfeste oder das Oktoberfest.

Die Dirndlschneiderin Andrea Sanktjohanser aus Kreuth weiß, wie ein traditionelles Dirndl angefertigt wird, und was Schalk und Mieder bedeuten. Doch es gibt auch „Trends“, die mit ihr nicht zu machen sind.

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Andrea Sanktjohanser bei der Arbeit.

Dirndl kommt ursprünglich von Dirn, womit im bayrischen Sprachgebrauch ein junges Mädchen bezeichnet wird. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war Dirn auch eine gebräuchliche Bezeichnung für eine in der Landwirtschaft beschäftigte Magd. Das von einer Magd getragene Kleidungsstück bezeichnet man als Dirndlgewand oder kurz auch Dirndl.

„Ich liebe die ganze Materie“

Alle Frauen, die im Tegernseer Tal aufgewachsen sind, haben wahrscheinlich seit dem ersten Lebensjahr ein Dirndl und sind mit unserer Traditionstracht aufgewachsen. So auch Andrea Sanktjohanser, die schon als Kind zuschauen durfte, wenn ihre Mutter den Schalk angezogen hat. Die Begeisterung für das festliche Ritual und das schöne Gewand hat sie bis heute nicht verloren.

Seit 2004 ist sie selbstständig, seit 2008 hat sie sich den Traum von einem eigenen kleinen Laden in Kreuth erfüllt. Dort gibt es alle Variationen von Stoffen, Knöpfen, Blusen und was sonst noch zum Dirndlgewand dazugehört. „Ich liebe die ganze Materie. Feste, boarische Musik und alles, was dazugehört“, erklärt Sanktjohanser ihre Begeisterung. Bevor sie sich ihren Traum der Dirndlschneiderin erfüllt hat, hat sie bei einem Herrenschneider gearbeitet und eine Zeitlang sogar Lederhosen selber gemacht.

Ihre eigentliche Liebe galt aber dann doch dem Dirndl. „Irgendwann muss man sich für irgendwas entscheiden. Und ich habe mich für das entschieden, was ich von klein auf mitbekommen habe.“ Spannend findet sie auch, wie die Gewänder früher angefertigt wurden und wie die Tracht in anderen Regionen aussieht. Ob durchgehendes Dirndl, Mieder oder Schalk – Sanktjohanser kann sie alle. Nur eines bekommt man bei ihr nicht: „Zu kurze und verspielte Kleider mache ich nicht. Es kommen schon manchmal Leute, die so was wollen, aber es würde mir wehtun, so ein Kleid anzufertigen. Das bin ich einfach nicht.“

Ein Schalk ist üblich für Hochzeiten

Ein Mieder, der aus einem korsettartigen Oberteil und einem Rock besteht, wird oft in der Familie weitervererbt, da die Anfertigung nicht gerade billig ist. Ein Schalk hingegen wird hier bei uns häufig bei Hochzeiten getragen. 80 Stunden Arbeit muss man für die Anfertigung des aufwendigen Gewandes rechnen. „Heuer haben wir schon Aufträge für vier Hochzeiten“, so Sanktjohanser.

Ein Schalk besteht ähnlich wie ein Mieder aus Oberteil und Rock, nur dass das Ganze um einiges aufwendiger ist. Ein seidenes Oberteil, reichlich verziert, und ein seidener Rock, die mit Haken, Knöpfen und Nadeln verbunden werden. Geschlossen wird der Schalk mit silbernen Nadeln. In den Ausschnitt werden dann noch schmückende Blumen gesteckt. In der Regel ist der Schalk schwarz mit einer hellen Schürze. Traditionell gehören zum Schalk ein Schnurhut und eine Kropfkette.

Lange Wartezeiten für ein neues Dirndl

Generell läuft die Anfertigung von Mieder, Schalk und Dirndl aber erst einmal gleich ab. Die Kundinnen müssen sich zwischen Seide, Leinen, Baumwolle und anderen Stoffen entscheiden. Auch die Knöpfe und Stickereien kann jeder ganz individuell auswählen. Während der Anfertigung gibt es zwei Zwischenanproben, eine letzte Anprobe dann bei der Abholung.

Ein normales durchgängiges Dirndl bekommt man ab etwa 450 Euro. Ein Schalk dagegen kostet zwischen 3.000 und 4.000 Euro, je nach Stoff. Die Schneidermeisterin und ihre Gesellin sind aber schon bis Juni ausgebucht. Schnell ein Dirndl zu bekommen, ist also schwierig. „Ich bin froh, dass die Leute so frühzeitig anrufen. Dann haben sie ihr Dirndl auch im Sommer zum Waldfest.“

Aus der Vielzahl an Stoffen können die Kunden ihren Dirndlstoff auswählen.
Aus der Vielzahl an Stoffen können die Kunden ihren Dirndlstoff auswählen.

Im letzten Jahr konnte Sanktjohanser ihr fünfjähriges Jubiläum feiern. Dazu gab es eine kleine Modenschau, für die extra 36 neue Dirndl angefertigt wurden. „Das war besonders schön, weil wir mal ohne Auflagen arbeiten konnten.“ Von der Resonanz sei sie damals begeistert gewesen.

Zu ihrer Kundschaft zählen in erster Linie Einheimische und Trachtenvereine. Doch sie hat auch Gäste aus Köln und Düsseldorf, die die Tegernseer Tracht zu schätzen wissen. Denn ein Dirndl, so ist sich Sanktjohanser sicher, kann man wirklich fast immer tragen. Zu Hochzeiten, zu Geburtstagsfeiern, zur Weihnachtsfeier, zum Waldfest und auch zur Wiesn. Es sei schick, aber nicht zu schick, figurbetont, indes nicht unvorteilhaft. Das Dirndl ist und bleibt für sie das Kleid für jeden Anlass.

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