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Im Gespräch mit dem Wiesseer Schriftsteller Martin Calsow

„Das Postkartenidyll reizt mich nicht“

Von Lydia Dartsch

Nach zwei Thrillern, die sich mit der Figur der sumerischen Göttin Lilith beschäftigten und den Nahen Osten sowie Europa als Schauplatz hatten, hat Schriftsteller Martin Calsow (43) aus Bad Wiessee jetzt seinen ersten Tegernsee-Krimi vorgelegt.

„Quercher und die Thomasnacht“ thematisiert politische Verstrickungen und Immobilienskandale im Tal und beweist, dass unsere Region den perfekten Spielort für einen spannenden Thriller darstellt. „Natürlich alles nur fiktiv …“, meint Calsow.

Martin Calsow zusammen mit Hund Lumpi
Martin Calsow zusammen mit Hund Lumpi, der ebenfalls im Buch vorkommt

Tegernseer Stimme: Wie kam es dazu, dass Sie einen Krimi über das Tegernseer Tal geschrieben haben?

Calsow: Ich hatte den zweiten Teil meiner „Lilith“-Trilogie beendet. Als ich mit der Arbeit am dritten Band begann, suchte ich nach neuen Spielorten. Der See liegt direkt vor meiner Nase. So kam mir die Idee zu einer weiteren Krimi-Serie, die im Tal spielt. Und da ich von Zeit zu Zeit bei einem Freund, dem Schreiner Peter Quercher, in der Werkstatt helfe, hatte ich auch schon einen Namen für meine Hauptfigur.

Tegernseer Stimme: Was arbeiten Sie da? Sie sind ja kein Schreiner, sondern eigentlich Journalist und Medienmann.

Calsow: Ich mache Handlangerarbeiten, harmloses Zeug. Manchmal muss ich weg vom Schreibtisch, vom stundenlangen Tippen. In der Werkstatt kann ich mich bewegen. Zudem genieße ich die Arbeit mit Holz, ein großartiger Werkstoff. Dadurch bin ich in die Welt eingetaucht, die Grundlage für meinen Roman ist. Bei der Arbeit hörst du, was und wie die Leute reden und denken. Und wenn man genau zuhört, lernt man sehr viel über das Tal: über Strukturen, Seilschaften, Verwicklungen und Beweggründe. Dieser Mikrokosmos hat mich fasziniert. Er ist mindestens genauso interessant wie die Spielorte und Szenerien der „Lilith“-Bücher.

Tegernseer Stimme: Die „Lilith“-Romane spielen nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. „Quercher und die Thomasnacht“ hat allerdings fast ausschließlich den Tegernsee zum Schauplatz. Was beeindruckt Sie so an der Region?

Calsow: Dieser Ort ist voller Geschichte. Ob das Hotel Lederer, wo Hitler seinen einstigen Freund Röhm verhaftete, oder die Todesmärsche aus dem KZ Dachau, die etwas außerhalb von Tölz endeten. Und nicht zuletzt wurde Reinhard Gehlen, Nazi-Offizier und späterer Gründer des Bundesnachrichtendienstes, am Schliersee von den Amerikanern gefangen genommen. Der BND hat später dann dem DDR-Funktionär Schalck-Golodkowski hier am Tegernsee einen ruhigen Lebensabend verschafft. Zudem ist das Tal auch für andere verdiente BND-Größen Heimat. Man kennt sich und versteht sich. Kurz: Es gab und gibt im Tal genug Anknüpfungspunkte für einen Thriller.

Reale Vorbilder

Tegernseer Stimme: Ein paar Charaktere aus dem Buch haben ganz reale Vorbilder. Wieso?

Calsow: Bei manchen ist es eine skurrile Form der Dankbarkeit. Diese Menschen haben mir beim Erstellen des Buches geholfen. Bei anderen passte einfach der Charakter. Da veränderte ich nur marginal Name oder Aussehen. Weil es viel interessanter ist, die Menschen aus dem Tal in die Handlung einzubauen, als eine Schweinsbraten-Knödel-Idylle zu beschreiben. Ich wollte weg vom Regionalkrimi-Klischee mit dem handelsüblichen, bauernschlauen, bayerischen Polizisten, der zwar etwas deppert auftritt, aber trotzdem den Fall löst. Mittlerweile ist dieser Polizistentyp ja so etwas wie der Wolpertinger der örtlichen Krimiliteratur.

Tegernseer Stimme: Deswegen haben Sie den eigentlich total abgebrannten LKA-Beamten Quercher aus München an den Tegernsee geschickt, der zwar aus dem Tal stammt, es aber unerträglich findet …

Calsow: Der Quercher repräsentiert jene Menschen, die in dieser Idylle groß werden und bewusst weggegangen sind. Es widert ihn einerseits an: Er will den See nicht mehr sehen, kann das dumpfe Festhalten an Traditionen nicht ausstehen. Andererseits lässt er sich aber wieder von der unbestreitbaren Faszination des Tals und seiner Bewohner verführen. So was wie: Am Ende eines Jahres, in der staaden Zeit, in einer warmen Werkstatt sitzen, den Duft des Holzes riechen, den Menschen dort zuhören. Es ist diese Ambivalenz, die die Region ausmacht. Es scheint kaum Kriminalität zu geben, keine Integrationsprobleme, dazu kommt die perfekte Natur. Unter der glänzenden Oberfläche brodeln aber Fremdenangst, Korruption und Betrug. Man nennt das Spezlwirtschaft. Klingt nett, ist aber kriminell.

Tegernseer Stimme: Sie leben ja erst seit vier Jahren hier – sind also selbst „a Zuagroaster“. Wie können Sie sich nach dieser kurzen Zeit zutrauen, über die Menschen hier zu schreiben?

Calsow: Ich beschreibe, wie ich die Realität erlebe. Ich habe keinen Anspruch darauf, die absolute Wahrheit zu kennen. Aber wer kennt die schon? Vielleicht die CSU?

Die Ambivalenz dahinter

Tegernseer Stimme: Aber trotzdem mögen Sie es, wie viele andere, hier zu leben. Wieso?

Calsow: Sie müssen zwischen Arbeit und Privatem trennen. Ich bin nicht Schriftsteller geworden, um die scheinbare Idylle zu manifestieren. Die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, mag ich sehr. Nicht alle, aber die meisten, und das Buch ist trotz der Beschreibung krimineller Machenschaften eine Liebeserklärung an das Tal und seine Menschen. Ich schätze diesen Ort wirklich. Nicht das Postkartenidyll, sondern das Leben dahinter: die verschiedenen Jahreszeiten, das meist Stille, das wenig Aufgeregte.

Und noch einmal: Mich reizt die Ambivalenz. In Rottach wollen sie die Farbe eines Zauns bestimmen, aber den Wallberg wollte man mit einem Speicherteich zubauen. Einheimische verachten die Münchner, die zum Waldfest kommen. Aber das Geld nehmen sie gern und würden ohne Zugereiste ihre Häuser nicht verkaufen können. Handwerker hätten kaum Aufträge, aber es wird über die steigenden Immobilienpreise geschimpft. Dazu kommt die größte Herausforderung im Tal – die Überalterung. Denn die jungen Leute gehen nach dem Abitur fort, weil sie hier außer im Tourismus kaum Arbeit finden.

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„Jeder Autor sollte eine Haltung zu dem haben, worüber er schreibt“

Tegernseer Stimme: Was hat diese Situation der Tal-Gemeinden und der Bewohner mit Ihrem Buch zu tun?

Calsow: Es geht um ein fiktives Immobilienprojekt in Bad Wiessee, und ich beschreibe, wie scheinbar jeder im Dorf, Handwerker, Immobilienhändler und der Bürgermeister, davon profitiert – mitunter auch auf nicht legalen Wegen. Gleichzeitig verschuldet sich die Gemeinde über Gebühr. Das war die Grundidee.

Tegernseer Stimme: Das erinnert schon an die aktuelle Situation in Bad Wiessee. Spielen Sie darauf an?

Calsow: Nein, in Wiessee hat man sich lediglich auch für ein sehr großes, millionenschweres Projekt entschieden. Ich gehe davon aus, dass da alles mit rechten Dingen gelaufen ist und laufen wird. Ich beschreibe ausschließlich, wie ein ähnliches Projekt im Tal auch anders verlaufen könnte. Ich schildere sozusagen eine alternative Realität. Ein Krimi ist ja immer ein Transportmittel, und ein Ort ist immer mehr als nur Kulisse. Jeder Autor sollte eine Haltung zu dem haben, worüber er schreibt – insbesondere dann, wenn man die eigene Heimat als Schauplatz für ein Buch wählt. Ich will aber auch nicht moralinsauer werden. Bei aller kritischen Betrachtung dessen, was hier passiert, beinhaltet mein Buch auch das, was einen Krimi ausmacht: unterhaltsame Figuren, einen spannenden Plot und auch einige spektakuläre Action-Szenen.

Tegernseer Stimme: Sie wollen mit Quercher in Serie gehen. Wann kommt der nächste Fall, und worum geht es?

Calsow: Tatsächlich schreibe ich derzeit am nächsten Quercher, der, so ich diszipliniert bleibe, im Frühjahr 2014 erscheinen wird. Es geht um einen Entführungsfall. Und vielleicht spielt ein alter Tal-Bürgermeister, der mit seiner Vergangenheit, seinen Verstrickungen konfrontiert wird, eine Rolle. Natürlich rein fiktiv … Vielleicht werde ich darüber am 9. September schon mehr erzählen: Dann nämlich findet um 19 Uhr im Haus des Gastes in Bad Wiessee die Premierenlesung von „Quercher und die Thomasnacht“ statt.

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