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Heute wäre Dr. Josef Issels 106 Jahre alt geworden

Der “Wunderheiler” vom Tegernsee

Von Nina Häußinger

Vor über vierzig Jahren fand im Münchner Landgericht einer der größten Ärzteprozesse Deutschlands statt. Dr. Josef Issels wurde vorgeworfen, er habe fahrlässig Patienten getötet. Der Fall sorgte in ganz Deutschland für Aufsehen, ganz besonders genau schaute man aber in Rottach-Egern hin.

In der dortigen Ringberg-Klinik behandelte Issels zahlreiche Krebspatienten, darunter auch Prominente. 1975 musste die Klinik schließen. Heute wäre der 1998 verstorbene Arzt 106 Jahre alt geworden.

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Dr. Josef Issels mit Verwandten von Bob Marley
Dr. Josef Issels (links) und sein Patient Bob Marley (rechts)

1951 wurde in Rottach-Egern die Ringberg-Klinik für Krebskranke gegründet. Dr. Josef Issels war leitender Arzt. Finanziert wurde die Eröffnung durch Spendengelder eines holländischen Generaldirektors, der sich als früherer Patient dem Thema verbunden fühlte. Issels stieg schnell auf. Durch seine alternativen Heilmethoden erlangte er großes Aufsehen und Anerkennung.

Unkonventionelle Behandlungen

Dabei war er der Meinung, dass Krebs nicht nur einzelne Zellen befällt, sondern eine allgemeine Erkrankung des gesamten Organismus ist. Anders als die klassische Medizin, versuchte er es daher nicht mit Operationen oder Bestrahlungen. Er wollte die Genesung seiner Patienten gewissermaßen auf natürlichem Weg einleiten. Dazu gehörte unter anderem eine Diät, die in erster Linie aus Gemüse, Obst, Kartoffeln, Müsli, Quark, Käse, Kräutertees und Säften bestand.

Trotz dieser unkonventionellen Methoden fanden seine Techniken sogar bei Schulmedizinern Anklang. Es schien fast so, als seien sie froh, dass sich jetzt jemand um die schon Totgesagten kümmert. Auch Zeitungen aller Art schrieben über die Erfolge des Arztes. Schlagzeilen wie „Dem Leben wieder geschenkt“ (Revue) oder „Dem sicheren Tod entrissen“ (Neue Illustrierte) entstanden.

Issels selbst verfasste Artikel mit Überschriften wie „Nachweisbare erfolgreiche Behandlungen selbst bei bisher Unheilbaren“ und schürte Hoffnung bei vielen Betroffenen. Dem Schein nach ein rundum erfolgreiches Konzept, aber führt es auch tatsächlich zur Heilung?

Streit mit Partner führt zur Anklage

Als sich Issels 1961 mit seinem Kollegen Dr. Rudolf Gläser zerstritt, kam der Stein ins Rollen. Hatte er selbst Gläser zuvor noch Vorwürfe gemacht, sich an den Geldern der Kranken zu bereichern, fand er sich jetzt selbst unter Beschuss. Gläser schrieb einen kritischen Leserbrief über die Klinik, für den er aber den jungen Journalisten Michael Heim begeistern konnte.

Zudem suchte er Kontakt zu einem ehemaligen Angestellten von Issels, der kurze Zeit zuvor gefeuert worden war, weil er auf die Missstände einiger Behandlungsmethoden aufmerksam machen wollte. Heim begann außerdem Stimmen von ehemaligen Patienten und Angehörigen zu sammeln. Der Journalist legte seine Recherchen der Münchner Staatsanwaltschaft vor. Der zuständige Staatsanwalt leitete eine Untersuchung ein, und Issels kam in Untersuchungshaft. Da in seiner Abwesenheit die Patienten ausblieben, musste die Ringberg-Klinik vorübergehend schließen.

Wirkungslose Methoden?

So hieß es in der Anklageschrift: „Issels behauptet, mit der sogenannten Tumor-Therapie die Krebskrankheit bekämpfen und sogar unheilbare Krebskranke heilen zu können. Tatsächlich verfügt (Issels) weder über ein zuverlässiges Krebs-Diagnoseverfahren noch über eine Erfolg versprechende Methode. Aus dem Verhalten des Beschuldigten ist der Schluss zu ziehen, dass er sich der völligen Unwirksamkeit der sogenannten internen Tumor-Therapie bewusst ist.

Des weiteren vertrat die Anklage die Ansicht der Arzt habe, um sein Einkommen und die Klinikeinnahmen zu erhalten und zu erhöhen, mindestens in drei Fällen Patienten, die nach einem gewissenhaften ärztlichen Urteil hoffnungslos krebskrank waren, “durch unrichtige Versprechungen in den Glauben versetzt, dass die Krebskrankheit von ihm geheilt oder jedenfalls auf lange Sicht ganz entscheidend gebessert werden könne.“

Die Ringberg-Klinik in Rottach-Egern war zwischen 1950 und 1980 in aller Munde
Die Ringberg-Klinik in Rottach-Egern war zwischen 1955 und 1975 in aller Munde

Noch gravierender war der Vorwurf, Issels habe in vier „Fällen“ grob pflichtwidrig unterlassen, operable Krebskranke der von den vorbehandelnden Ärzten empfohlenen Operation zuzuführen und damit ihren Tod mit verursacht. Er wurde daher auch wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft lud schließlich 77 Zeugen, nur neun sagten zugunsten Issels aus. Das Urteil lautete ein Jahr auf Bewährung, da man ihm in den meisten Fällen keine Fahrlässigkeit nachweisen konnte. Da die Verteidiger auch diese relativ milde Strafe nicht akzeptieren wollten, legten sie Berufung gegen das Urteil ein. Mit Erfolg, rund zwei Jahre später, wurde Issels mangels eindeutiger Beweise in allen Punkten freigesprochen.

Bob Marley am Tegernsee

Daraufhin wurde die Ringberg-Klinik nochmals für zehn Jahre wiedereröffnet. Doch auch nach der endgültigen Schließung im Jahr 1975 praktizierte Issels noch einige Jahre in Bad Wiessee weiter. Im November 1980 fand sich Bob Marley zur Behandlung am Tegernsee ein, nachdem bei ihm ein metastasierendes Melanom diagnostiziert worden war.

Die Behandlung schien zunächst positiv zu verlaufen, im März 1981 besserte sich der Zustand Marleys, verschlechterte sich aber drastisch innerhalb von wenigen Wochen, bis er im Mai 1981 auf dem Rückflug nach Jamaika bei einer Zwischenlandung in Miami starb. Issels wanderte 1985 schließlich in die USA aus und starb am 11. Februar 1998 im Alter von 91 Jahren in San Francisco.


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