Wie junge Tal-Bewohner an sozialer Arbeit wachsen
“Wir machen keine Arbeit zweiter Klasse”

von Rose Beyer

„Man kann sich überlegen, was man später machen möchte“, bringt Lena R. ihre Erfahrung mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr auf den Punkt. Die Ostinerin arbeitet seit fast einem Jahr in der Psychiatrie im Krankenhaus Agatharied.

Auch der Wiesseer Thomas Hardieck und der Tegernseer Laurin Stöckert haben sich für Soziale Arbeit – als Bundesfreiwillige ‒ entschieden. Eine prägende Erfahrung für alle drei.

Zwei von vielen jungen Leuten, die soziale Arbeit leisten: Lena und Thomas

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Knapp ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 30 Jahren kann sich vorstellen, sich ein Jahr lang beispielsweise im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) oder des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) zu engagieren. Das ist das Ergebnis einer vom WDR in Auftrag gegebenen Umfrage zur Bekanntheit und Akzeptanz des BFD, dem Nachfolger des mittlerweile abgeschafften Zivildienstes.

Einrichtungen sind auf „Bufdis“ angewiesen

In sozialen, kulturellen und sportlichen Einrichtungen sowie im Naturschutzbereich sind zahlreiche – gerade kleinere Einsatzstellen – dringend auf FSJler und BFDs als Unterstützung angewiesen. Denn die jungen Leute sind meist hoch motiviert und verursachen nicht so große Ausgaben.

Weil Lena den Plan hatte, Psychologie zu studieren, entschied sie sich für den Bereich Psychiatrie im Krankenhaus Agatharied. „Ich bereue es überhaupt nicht, nach dem Abitur erst mal ein FSJ gemacht zu haben, und nicht wie viele meiner damaligen Klassenkameraden gleich mit dem Studium zu beginnen“, erzählt sie heute. „Schließlich hat man ja noch nie richtig gearbeitet.“

Bevor sie im September vergangenen Jahres ihr FSJ-Jahr begonnen hatte, konnte ein Besuch bei dem damaligen FSJler erste Einblicke gewähren. „Ich wusste, was auf mich zukam“, erinnert sich die 19-Jährige. Da Lena an einer Klinik tätig ist, arbeitet sie im Schichtdienst: entweder in der Frühschicht von 7.00 bis 15.15 Uhr oder in der Spätschicht von 12.45 bis 21.00 Uhr.

Neben pflegerischen Tätigkeiten wie der Unterstützung bei der täglichen Körperpflege und dem Verabreichen von Mahlzeiten gehören auch Arbeiten wie beispielsweise Wäscheauffüllen oder Dokumentation des Krankheitszustandes zu ihrem Job.

„Ich würde es jedem empfehlen“

Lena hat ihr FSJ nicht bereut. Es sei eine schöne Zeit gewesen, und sie würde es jedem empfehlen. „Vor allem auch wegen der netten Kollegen“, erzählt Lena. Jetzt weiß sie auch, was sie machen möchte, wenn ihr FSJ im August endet. Ihren ursprünglichen Plan, Psychologie zu studieren, wird sie erst mal verwerfen. Stattdessen will sie in Salzburg Kommunikationswissenschaften studieren.

Auch Thomas Hardieck aus Bad Wiessee wollte vor dem Studium erst einmal arbeiten. Er ist als sogenannter Bufdi (Bundesfreiwilliger) beim Katholischen Bildungswerk (KBW) in Miesbach untergekommen. Der BFD gilt als „neuer Zivildienst“ und unterscheidet sich in einigen Punkten vom FSJ. Beispielsweise gibt es keine Altersgrenze nach oben. Auch wenn man über 27 Jahre alt ist, kann man BFD sein.

Als Thomas im August beim KBW anfing, konnte er noch nicht ahnen, dass sich auch sein Berufswunsch im Laufe des kommenden Jahres verändern würde. „Eigentlich interessierte ich mich für das Eventmanagement“, erinnert sich der 20-Jährige. In den vergangenen Monaten hatte er es nun mit etwas Ähnlichem zu tun, denn das KBW führt Bildungsveranstaltungen durch.

Berufswünsche festigen oder ändern sich

Plakate drucken, Säle bestuhlen, arbeiten am PC, Anmeldungen entgegennehmen, Telefondienst – all das gehört zu seiner Tätigkeit. „Es hat sich herausgestellt, dass ich nun gar nicht mehr in die Eventschiene gehen will“, erzählt er heute. Weil er in den Monaten seiner freiwilligen Tätigkeit so interessante Erfahrungen mit Bildungsveranstaltungen gemacht hat, möchte er später auch in diese Richtung gehen: Kulturmanagement oder Kulturwissenschaften studieren, so sieht Thomas’ aktueller Zukunftsplan aus.

Laurin zweifelte an der Qualität des BFD, jetzt ist er „mittendrin“

Auch Laurin Stöckert ist froh darüber, dass er ein Jahr praktische Erfahrungen sammeln konnte, „bevor es dann an das Studium geht“. Der 19-Jährige hatte sich auf eine Stelle im Warngauer Kindergarten beworben. „Ich habe gleich zugesagt“, erinnert er sich an das Vorstellungsgespräch. Die Leute waren so nett, das hatte den Tegernseer von Anfang an überzeugt.

Doch auch die Tätigkeiten enttäuschten ihn nicht. Gerade bereitet er – gemeinsam mit den Kindergartenkindern – das Buffet fürs Sommerfest vor. Ansonsten war er die vergangenen Monate hauptsächlich für die Betreuung der Grundschüler zuständig. Der Tag sei lang, aber abwechslungsreich in einer Kinder-Betreuungseinrichtung. „Vormittags Kindergartenkinder betreuen und den Nachmittag vorbereiten. Später kümmere ich mich dann um die Grundschüler.“

„Ich habe es mir wirklich schlimmer vorgestellt“, so Laurin. Denn es gäbe Gerüchte, dass BFDs als „Arbeiter zweiter Klasse“ behandelt würden. Dieses Vorurteil kann der 19-Jährige nicht nachvollziehen und betont: „Ich kann es jedem empfehlen. Man lernt echt viel.“ Wenn er sich im August von den Kindern und den Kollegen verabschieden wird, dann nur, um in München Archäologie zu studieren.

Nachfolger gesucht

Das „Haus für Kinder“ in Warngau sowie auch das Katholische Bildungswerk in Miesbach – beide suchen ab September Nachfolger für die beiden Bundesfreiwilligen. Wer Interesse hat, kann sich gerne bewerben. Es winken nette Kollegen und ein „Taschengeld“ sowie Fahrtkosten von insgesamt etwa 400 bis 500 Euro.

Wo es sonst noch Stellen im Bundesfreiwilligendienst oder für das Freiwillige Soziale Jahr gibt, erfährt man hier: www.bundes-freiwilligendienst.de/stellen/plz/83

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