Tigermücke sticht Gardasee-Urlauberin

Reicht der Tegernsee nicht mehr, braucht es eine Ferienwohnung am Gardasee. Dort treibt allerdings auch die Asiatische Tigermücke ihr Unwesen …

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Urlauber am Gardasee. Foto: Martin Calsow.

Sechs Stunden von Tegernsee nach Sirmione: Am Gardasee tummeln sich die deutschen Zweitwohnsitzler – auch vom Tegernsee. Über den Sommer wird die Dreiviertelhose eingepackt und aus “A Hoibe, bittsche” wird “Una birra grande, perfavore”. Als integrierter Tourist darf auch der halbfertige Duolingo-Kurs nicht fehlen. Mittlerweile hat das Auswärtige Amt jedoch seine Reisehinweise aktualisiert. Der Grund: Am Gardasee geht die Asiatische Tigermücke um. Das weiß-gestreifte Insekt überträgt das Dengue-Fieber.

Das Fachmagazin für illegal einreisende Wesen aller Art, die BILD, warnte gestern wortreich vor dieser neuen Gefahr am Gardasee: der Asiatischen Tigermücke. Jährlich erkranken 100 Millionen Menschen weltweit am Dengue-Fieber. Symptome: plötzlich auftretendes hohes Fieber, starke Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, auch Augenschmerzen; in schweren Fällen sogar Ausschläge und schwere Blutungen.

Kennen wir sonst nur vom laxen Genuss der dortigen Straßenküche: “Papa kaufst du mir noch ein Softeis?”

Die BILD im bekannt nüchternen Ton weiter: Die italienische Tageszeitung ‘Gazzetta dell‘ Emilia‘ habe über Dengue-Fälle rund um die Touristenzentren Manerba und Padenghe am Gardasee berichtet. Insgesamt gäbe es schon sechs Erkrankte in ganz Italien. Da zuckt der heimische Kenner nur die Schultern: Da werden die in diesem Sommer dort erworbenen STD-Erkrankungen wohl deutlich höher liegen.


Auch in Bayern ist man besorgt: Die Biester sind, dem deutschen Touristen nicht unähnlich, sehr reiseaktiv. Die Asiatische Tigermücke scheint hier auch über den Brenner ‘rübergemacht’ zu haben. In Würzburg wurden jüngst zwei Tigermückenweibchen und eine Sammlung von Eiern nachgewiesen worden. Eine etablierte Population gibt es im Freistaat bisher nur im mittelfränkischen Fürth, die jedoch bereits gesenkt werden konnte. Auch in München gab es in der Vergangenheit einzelne Funde, die Kontrollen wurden ausgeweitet:


“Aktuell ist das Übertragungsrisiko von exotischen Viren durch gebietsfremde Stechmücken wie die Asiatische Tigermücke sehr gering”, erklärt Gesundheitsminister Klaus Holetschek noch im August. Im Zuge der Klimaerwärmung werde die Ausbreitung solcher Arten aber wahrscheinlicher und damit könnten solche Infektionen zunehmen.

Impfung und Therapie

Seit 2018, so das Robert-Koch-Institut (RKI), gibt es einen Impfstoff gegen das Dengue-Fieber. Dengvaxia ist jedoch nur für bestimmte Personengruppen zugelassen. Seit März 2023 ist ein weiterer Impfstoff verfügbar. Dieser kann bei Personen ab vier Jahren eingesetzt werden. Das RKI informiert weiter: “Mehrere Impfstoffe befinden sich in der Entwicklung, davon werden aktuell zwei Impfstoffe in Phase-3-Zulassungsstudien überprüft.”

Ursprüngliche Kolumne vom 16. August 2023

Und sprechen selten darüber. Nun ist der Gardasee zuerst einmal ein Loch mit Wasser und viel Fels drumherum. Die Kessellage ist perfekt für chronische und akute Kopfschmerzler oder Kreislaufschwache. Das Essen oft deutsch beeinflusst, erinnert also nur entfernt an die sonstigen kulinarischen Genüsse Italiens – sättigt aber. Einheimische haben seit den Goten immer wieder Horden aus dem Norden “beherbergen” müssen, sind also Kummer gewohnt, leben ja auch oft nicht schlecht von den „Tedesci“. Aber hier soll nicht die Rede vom Bustouristen aus Bietigheim oder dem Wohnwagen-Vandalen aus Westerstede sein. Heute geht es um den Hausbesitzer vom Gardasee – speziell jenen, die aus unserem lieblichen Tal kommen.

Winterunterkunft Gardasee

Naht der Herbst, denkt unsereins daran, die Reifen zu wechseln. Der Gardarista aus Gmund oder Glashütte hingegen plant die Winter-Unterkunft des Oleanders. Denn der Vento (kein Auto, sondern ein Wind) bläst arg und könnte das Blumenwerk zerstören. Sie merken: Menschen mit Häusern am Gardasee haben ihre eigenen Herausforderungen. Unsere Altvorderen luden in den 50ern ihre Nachkriegsbrut in Käfer und Opel, besetzten den erstbesten See jenseits der Alpen und ließen seitdem dort ihr Geld in den wenigen Tagen des Urlaubs. (Damals gab es noch keine Vier-Tage-Woche, und auf kuriose Art und Weise haben Menschen das überlebt.)

Manche aber waren schlauer. Spezielle jene, die den harschen Winter am Tegernsee fürchteten, aber einträglichen Tätigkeiten nachgingen. Sie nahmen ihr Geld (im wahrsten Sinne des Wortes), fuhren über den Brenner und kauften dem Nord-Italiener die Steinhütte mit Seeblick ab. Fortan durfte die Familie von anderen Zielen nur träumen. “Mykonos? Malediven? Miami? Ach was, wir haben Malcesine”. Hier kommt deutsche Länderkunde der Nachkriegszeit ins Spiel: „Der Franzose nimmt uns die Frauen, der Pole klaut, der Engländer ist schwul, und der Spanier singt immer“. Also – auf zu unserem Haus am Gardasee.

Hat sich der Oberstudienrat ein Rustico in der Toskana gegönnt, das höhere Management das Castelleo am Comer See, nimmt der Mittelstand (gern auch Lokalpolitik) vom Tegernsee den Gardasee (“Wir sind da ratzfatz unten”). Über die Jahre hat Mutti auch ein wenig Italienisch gelernt, um Gärtner Silvio und “Zugehfrau” Maria (kommt eigentlich aus Albanien, weiß aber keiner) Anweisungen zu geben, damit in der Abwesenheit der Familie auch alles ordentlich ist. “Wir geben da immer ordentlich Trinkgeld. Die beiden halten uns Haus und Garten immer picobello”.

Der deutsche FeWo-Besitzer am Gardasee unterscheidet sich aus eigener Sicht massiv vom sonstigen “Socken in Sandaletten” Touristen. Er ist in den Wochen seiner Anwesenheit innerlich ein Italiener: Kauft gekonnt im Supermercato Fratelli ein, trägt Strohut und kauft nicht wie der übliche Camper beim Penny. Heim am Tegernsee wird von der Latifundie (und dem dazugehörigen Boot unten im Hafen) nur wenigen offensiv erzählt. Man will nicht in die Verlegenheit kommen, sich der typisch deutschen Art der Selbsteinladung ferner Bekannter oder Verwandter auszusetzen. Lieber reicht man bei Einladungen als Gastgeschenk das schreiend gelbe und süße Gesöff. “Das ist von einer Cooperativa. Die machen seit Jahrzehnten völlig ökologisch sauber die Zitronen für den Limoncello. Müsst! ihr! probieren!” Bleibt natürlich nach dem ersten Nippen über Jahre im Keller, wird dann mit dem Altglas entsorgt.

Nun stirbt aktuell die Boomer-Generation nach und nach oder ist es leid, die Alpen zu überqueren. Die Kinder kehren jetzt mit ihrem VW California dort ein. Ihnen fehlt das geruhsame Besitzer-Feeling der Eltern. Sie wollen Outdoor was machen. Klar, wer Bali schon mit 16 Jahren sah, für den muss Bardolino mehr bieten, als Deutsche in beigefarbenen Dreiviertel-Hosen, aus denen weiße Stachelbeine staken. Also Rennrad, Surfen, Bötchen – die sportliche Trinität des Wahnsinns. Der Nachwuchs stoppt so aktiv tagsüber den Verkehr auf den Straßen am Westufer und abends wegen Erschöpfung und “Wolf” auch im Bett.

Dennoch suchen Gardarista zwischen Otterfing und Ostin den Kontakt untereinander. Man tauscht sich dezent aus über “günstige” Handwerker, die überhaupt gehandelt werden wie einst Walrat. Das Ableben eines dienstbaren Geistes vor Ort wird oftmals mehr betrauert, als der finale Abschied eines nahen Angehörigen. Denn nun wird so ein Haus auch als Klotz empfunden. “Der Italiener arbeitet ja nicht gern.”

Wer zum Gardasee eine Pommesbude auf vier Rädern mitnimmt, hat bei den Gardarista verloren. Foto: Martin Calsow.

Die Enkel haben keine Lust mehr, die sechs Stunden von Tegernsee bis Sirmione im Fond des E-Autos zu verbringen und Vatis Angst zu spüren, mit der geleasten Elektrokiste in der brennenden Sonne hinter Bozen stehenzubleiben. Die Folge: Nach dem letzten Familienurlaub bei Tropen-Temperaturen um drei Uhr morgens am See sagt der Familienrat: Weg mit der Immobilie. Dumm nur: Der eine Bruder wohnt in Salzgitter und fährt lieber nach Fehmarn, die Schwester lebt irgendwo im Osten und jammert lieber auf einem Campingplatz bei Cottbus über “die da oben”.

Also bekommt der Tegernseer Bruder die Aufgabe, das Haus endlich “für echt viel Kohle” zu verkaufen. Und wie durch Engelshand geführt, kommt der seit drei Jahren am See residierende Autohausbesitzer aus Bottrop (“Alfa und Hyundai, geile Kombi – läuft!”) des Weges (gern beim Waldfest oder Stehempfang Rotary) und will gleich vor Ort den Kauf perfekt machen. So werden die italienischen Nachbarn in Salò von nun an auch den eher anstrengenden Charme des westlichen Ruhrgebiets erleben dürfen.

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