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Warum der Tegernseer 
Gottfried Schätz seine Prothesen schätzte

„Die Hand des Hutmachers“

Ein Jahr ist es her, da lag die Armprothese noch auf dem Kaffeetisch im Hutgeschäft Schätz in der Tegernseer Rosenstraße. Nun schwebt sie – hell angestrahlt – im Museum. Und erinnert daran, wie der verstorbene Hutmacher Gottfried Schätz seine Prothese in einzigartiger Weise nutzte, um sein Handwerk ausführen zu können.

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Ein Jahr lang dauerten die Vorbereitungen zur Ausstellung, die letzten Monat im Tegernseer Tal Museum eröffnet wurde. Die Recherchen führte das Team rund um Birgit Halmbacher vom Altertumsgauverein nicht nur an den gedeckten Kaffeetisch von Doris Gollé-Leidreiter. Sie ist die jüngste der drei Töchter von Gottfried Schätz und führt das Hutgeschäft seit dem Tod ihres Vaters weiter.

Für die Recherchen waren die Ausstellungsmacher an den Wirkungsstätten unterwegs, die die Umstände um „die Hand des Hutmachers“ maßgeblich begleiteten.

Der Hutmacher vom Tegernsee


Die Objekte in den Tegernseer Vitrinen waren teils auch schon in der Ausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt gezeigt worden, die die Grundlage für die Tegernseer bildet. Im Zentrum steht die Armprothese von Gottfried Schätz, die nach seinem Tod dem Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt übergeben wurde. Die Prothese erlaubte es ihm, seinen Beruf auch nach seiner Kriegsverwundung auszuüben und in sechs Jahrzehnten unzählige Hüte anzufertigen.

Wohl kaum ein Einwohner des Tegernseer Tals hat nicht mindestens eines seiner Erzeugnisse zu Hause. Etliche Hüte sind in der Ausstellung zu sehen. Birgit Halmbacher zeigt die Exponate, die Einheimische dem Museum geliehen haben. Da sind Hüte von Gebirgsschützen, Alltagshüte aus Stroh oder auch Hüte für Frauen.

Birgit Halmbacher organisiert die Ausstellung.
Birgit Halmbacher organisiert die Ausstellung.

Teilweise über Generationen werden die „Schätz-Hüte“ noch immer weitergereicht. Der „Schätz Friedl“, wie er von den Einheimischen genannt wurde, war im Tal und darüber hinaus eine bekannte, hochgeschätzte Persönlichkeit. Viele Jahre lang war er Hauptmann der Tegernseer Gebirgsschützen und trotz Armprothese sportlich aktiv.

Etwa 40.000 Amputierte lebten Anfang der Fünfzigerjahre in Bayern. Einer davon war Gottfried Schätz. Geboren 1921, zog er als junger Mann in den Krieg und kam mit nur einem Arm wieder. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit arbeitete er als Handwerker in seinem eigenen Hutgeschäft. Ein eiserner Wille, viel Durchhaltevermögen und nicht zuletzt seine Armprothese ermöglichten ihm ein relativ „normales Leben“.

Der Chirurg Max Lebsche


Die Tegernseer Sonderausstellung will aber nicht nur Gottfried Schätz und sein Umfeld beleuchten. Auch die medizinhistorische Thematik nimmt sie auf. Für den Handwerker bildet die Fertigkeit seiner Hände die Lebensgrundlage. Das erkannten medizinische „Handwerker“ und nahmen sich der Entwicklung von Prothesen an. Federführend war Professor Ferdinand Sauerbruch, nach dem die gleichnamige Armprothese benannt wurde.

Max Lebsche war sein Schüler, arbeitete in dessen Klinik und sollte später auch Gottfried Schätz operieren. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete sich Lebsche freiwillig für die chirurgische Versorgung der Kriegsverletzten. Er erhielt die Leitung der chirurgischen Abteilung des Reserve-Lazaretts München I.

Anfang 1942 operierte Lebsche den armamputierten Soldaten Gottfried Schätz, der zu diesem Zeitpunkt noch Hutmachergeselle war. Er legte zwei sogenannte „Sauerbruchkanäle“ am Unterarmstumpf des jungen Mannes und versorgte ihn mit einer willkürlich bewegbaren Hand. Um seine Prothese optimal für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Arbeit und Freizeit anzupassen, hatte Schätz noch einiges an Zubehör. Einen fein gewirkten Strumpf über den Unterarmstumpf zum Beispiel. Oder einen Ellbogenschoner aus Leder. Und natürlich auch einen dunklen Lederhandschuh, der an Sonn- und Feiertagen seine Holzhand verdeckte.

Der Handmacher Jakob Hüfner


Der Schöpfer dieser kunstfertig geformten Holzhände – als wichtige Ergänzung zur Prothese – ist eher unbekannt. Nicht zuletzt deswegen kommt er auch in der Ausstellung als dritter Darsteller vor. Denn eigentlich müsste die „Sauerbruch-Prothese“ stattdessen „Sauerbruch-Hüfner-Prothese“ heißen. Schon im Jahr 1916 sprach Sauerbruch in einem Buch an, dass es bislang noch keine technische Lösung für die Kunsthand gebe. Noch während das Buch in Druck war, wurde ihm ein Handmodell geliefert. Der Professor nannte keine Namen. Es ist aber anzunehmen, dass das Modell vom Uhrmacher und Feinmechaniker Jakob Hüfner stammte.

Wer annimmt, dass Sauerbruch den Mann näher vorstellte, dem er die technische Lösung für die künstliche Hand zu verdanken hatte, der irrt. Mehr im Stillen meldete der Feinmechaniker seine Erfindung – die „Sperre für künstliche Hände“ – im Jahr 1920 als Patent an. Eine in der Holzhand verborgene Mechanik überträgt die Muskelbewegung von einer Fingerbewegungsstange auf die Achsen von Daumen und Fingern, so dass die Hand aktiv geöffnet und geschlossen werden kann.

Eine Prothese aus den 1920er Jahren / Quelle: Deutsches Historisches Museum
Eine Prothese aus den Zwanzigerjahren / Quelle: Deutsches Historisches Museum

Auch wenn sich die Prothesentechnik seit dem Zweiten Weltkrieg durch elektrische und elektronische Neuerungen enorm gewandelt hat – der Hutmacher vom Tegernsee schätzte seine zwei Sauerbruch-Arme, weil er damit schnell und sicher zugreifen konnte. Gerade der „Spitzgriff“, der so mit der Holzhand möglich war, war für seine Arbeit als Hutmacher unerlässlich. Als er am 9. Dezember 2007 im Alter von 86 Jahren starb, hinterließ er seine beiden künstlichen Arme sowie seine ungeliebte „normale“ Prothese.

Die Sonderausstellung „Die Hand des Hutmachers“ ist noch bis 4. Oktober im Museum Tegernseer Tal zu sehen.


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