„Die Haupt-/ Mittelschule ist mehr als eine Restschule“

Von Redaktion

In den letzten Wochen konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren: Die Bayerische Mittelschule ist zumindest im Tegernseer Tal ein Auslaufmodell. Und das bevor sie so richtig angefangen hat: Weiterhin sinkende Schülerzahlen, Verbünde von 40 Kilometer entfernten Orten, die Akzeptanz bei Eltern und in den Gemeinden – nicht vorhanden.

Der Höhepunkt war sicherlich das ausführliche Statement von Martin Walch (SPD), auf der letzten Kreuther Gemeinderatssitzung. Die Mitglieder stimmten zwar einstimmig für den geplanten Mittelschulverbund. Aber wie schon in den anderen Gemeinden war die Diskussion geprägt von einem achselzuckenden „Was bleibt uns anderes übrig?“

Ist unser Schulsystem doch nicht so verkehrt?

Tobias Schreiner
Ubbo Minks
Friederike Enders

Die CSU bläst nun als erste Partei in ein anderes Horn. Ihre bildungspolitische Sperrspitze „Arbeitskreis Schule, Bildung und Sport im Landkreis Miesbach“ verteidigt in einer Mitteilung die so wörtlich „Bayerische Mittelschule als Erfolgsfaktor im differenzierten Schulsystem“.

Eine ausführliche Begründung liefern die Initiatoren Ubo Minks, Friederike Enders und Tobias Schreiner gleich mit. Und gehen dabei als Erstes auf die offensichtlichen Erfolge des mehrgliedrigen Schulsystems ein:

Dass 43% der Studierenden in Bayern ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht am Gymnasium erworben haben, beweist eindrucksvoll die Durchlässigkeit und Leistungsfähigkeit unseres differenzierten Schulsystems.

Dabei weisen sie auf etwas hin, was unter Pädagogen eigentlich Konsens ist, wie uns ein Rektor bestätigt:

Jeder erfahrene Lehrer weiß, dass erfolgreicher Unterricht umso schwieriger ist, je heterogener eine Klasse ist. (…) Wenn nun beispielsweise eine Realschulklasse zur Hälfte aus Hauptschülern bestehen sollte, wäre vernünftiger Unterricht kaum mehr möglich: Unterforderung der einen und Überforderung der anderen mit entsprechenden Misserfolgserlebnissen und Demotivierung wäre die logische Konsequenz.

Die Diskussion ist ideologisch aufgeladen – so wie seit jeher

Bei allen mehr oder weniger guten Argumenten, die vorgebracht werden, ist eines klar: Die Parteien haben unterschiedliche Modelle, die sie präferieren. Die Einschätzung diese oder jene Meinung ist entweder links oder rechts, ist so alt wie die Bildungspolitik selbst.

Vor 5 Jahren war der Befürworter einer Ganztagesschule ein „linker Spinner“. Heute darf sie sogar ein von der CSU unterstützter Bürgermeister fordern. Politische Meinungen diffundieren. Und nirgends wird das klarer und hat gleichzeitig so große Auswirkungen wie bei der (Aus-)Bildung unserer Kinder.

Aber unabhängig von allen politisch motivierten Diskussionen, ist die gesellschaftliche Entwicklung offensichtlich. Die Akzeptanz der Hauptschule bei den Arbeitgebern sinkt seit Jahren. Und der Trend bei Eltern und Angehörigen hinkt dem nur geringfügig hinterher. Was auch immer als erstes da war, die Hauptschule schafft sich nach und nach selber ab, weil die Eltern krampfhaft versuchen ihre Kinder auf andere weiterführende Schulen wie die Realschule oder das Gymnasium zu schicken. Und auch das ist verständlich, wenn man sich die Zukunftschancen der Absolventen anschaut.

Die CSU hat dazu ebenfalls eine Meinung, die man als landespolitisch „auf Linie“ bezeichnen könnte:

Die Weiterentwicklung der Hauptschulen zur bayerischen Mittelschule, die die Schüler noch individueller als bisher nach ihren Begabungen und Interessen fördert, ist keineswegs ein „Etikettenschwindel“, wie Herr Walch behauptet, sondern schlicht notwendig, um diese starke Säule des bayerischen Bildungswesens an veränderte demographische Bedingungen anzupassen.

Ob sich die Mittelschule allerdings zu einem echten Erfolgsmodell entwickeln wird, entscheidet am Ende nicht die CSU. Genauso wenig, wie die Verteter der SPD oder der Grünen ein Auslaufmodell herbeizaubern können. Entscheiden tun die Eltern, die Arbeitgeber, die Kinder – sprich die Gesellschaft.

Hauptschüler sind keine Verlierer

Die Regierung versucht genau diese Trendumkehr einzuleiten und hofft darauf, dass sich die Akzeptanz des Hauptschulabschlusses durch die neu entstandene Mittelschule steigern lässt: Die Hauptschüler sollen durch vermehrte praktische Kenntnisse und langjährige Hinführung auf einen Ausbildungsberuf einen Vorsprung gegenüber Realschülern oder Abiturienten erhalten. Die Idee dahinter: Wenn Arbeitgeber merken, mit welchen Lehrlingen sie besser zurechtkommen, dann entscheiden sie sich auch für den mit einem niedrigeren Abschluss.

Die Mittelschule ist somit im Endeffekt eine offensive Imagekampagne für den Hauptschulabschluß. Nur ist es unerlässlich, dass für den Weiterbestand der Ruf und die Qualität besser werden müssen. Wer den qualifizierten Abschluß macht, ist kein Verlierer. Wenn die Gesellschaft das nicht versteht und die Politik es nicht schafft diesen Umstand zu kommunizieren, dann ist das Ende unausweichlich – es wird irgendwann keine Hauptschule mehr geben, weil es keine Hauptschüler mehr gibt.

Weiterführende Links zum Thema:
Pressemitteilung der CSU: „Die bayerische Mittelschule als Erfolgsfaktor“
Diskussion in Kreuth: „Dreigliedriges Schulsystem ist ein Auslaufmodell“
Diskussion in Bad Wiessee: „Das ist bald eine Rest-Rest-Rest-Schule“


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