Kommentar

Die Kuh „Berta“ oder: Käufer an die Macht

Von Rose Beyer

Fast jeden Tag bin ich den vergangenen Monaten an der bunten Kuh in der Finsterwalder Kurve vorbei gefahren. Eines Tages – es lag noch ein Haufen Schnee am Straßenrand – da lag auch die Kuh am Rand. Sie war umgefallen.

Jedes Mal, wenn ich ab da vorbei gefahren bin, dachte ich mir „Jetzt halt ich an und stell’ die Kuh wieder auf.“ Trotzdem bin ich jedes Mal weitergefahren und nie hatte ich diese paar Minuten Zeit, um die Kuh aufzustellen. Das ging etliche Wochen so. Inzwischen beachte ich das Tier überhaupt nicht mehr. Ich könnte nicht sagen, ob sie dort noch immer liegt, ob sie jemand aufgestellt oder einfach mitgenommen hat.

Es geht dabei nicht nur um die Kuh in Finsterwald. Es gibt viele Dinge, die wir alle wissen und sehen und trotzdem rechts liegen lasse. Bleiben wir bei den Kühen: wenn sie pupsen, pupsen sie CO2. Und zwar jede Menge. Und das beschleunigt den Klimawandel.

Außerdem fressen Kühe jede Menge. Hauptsächlich Soja aus Brasilien und anderen Ländern, wo früher mal Wald war und jetzt nur noch Sojafelder. Damit die Kuh billig fressen kann. Damit wir die Kuh billiger fressen können.

Achtung für den Wert der Lebensmittel

In Zeiten, in denen ein T-Shirt aus Pakistan weniger kostet als eine Fahrkarte in die nächste Stadt, verschwindet auch der Wert der Nahrung. So hat man verlernt, etwa einem Liter Milch oder einem Laib Brot die nötige Hochachtung entgegenzubringen.

Ob der Bauer für seine Produktion 10 Cent pro Liter bekommt oder 40 Cent? Was kümmert’s uns? Solange es Billigmilch aus großen Agrarfabriken gibt, geht uns die Kuh „Berta vom Hinterhuber-Hof“ nicht ab.

Unser ganz alltäglicher Konsum gewinnt mit Recht an Bedeutung, weil er die unmittelbarste Auswirkung auf die weltweiten Standards hat. Niemand wird die globalen Zusammenhänge unserer Kleidung, unseres Kaffees, unserer Billignahrung, unserer Schuhe, unserer Spielsachen oder unseres Handys leugnen können. Irgendjemand wird schon den „Buckel dafür krumm machen“, damit wir es später billig im Discounter ergattern können.

Einzelne Erfolge im Fairen Handel und in der Einführung von Qualitätslabels zeigen jedoch, dass nachhaltige Lebensstile keine exotischen Verhaltensweisen von Einzelkämpfern zu sein müssen. Dabei geht es nicht nur um die Frage gerechterer Verteilung von Nahrung und Konsumgütern, sondern auch um faire Produktions- und Handels- und vor allem Lebensbedingungen.

Eine eigene Geschichte

Die Käufer haben wohl die größte Macht, diese Bedingungen auch am anderen Ende der Welt mitzubestimmen. Ganz einfach mit der Einkaufstasche und dem Geldbeutel. Jedes Produkt hat seine eigene Geschichte. So wie jede Kuh – zumindest bei uns am Tegernsee – ihren Namen hat.

Die Geschichte erzählt von den Händen, durch die das Produkt gewandert ist. Von den Ländern, durch das es gereist ist. Von dem Geld, das mit ihm verdient worden ist. Von den Umwelt-, Gesundheits- und Sozialstandards. Von den Anbau- und Verarbeitungsmethoden.

Wenn wir uns wieder mehr für die Geschichte(n) hinter den Produkten interessieren, stellen wir uns vielleicht manchmal einfach die Frage, ob dieser Preis gerecht sein kann. Ob wir dadurch etwas verändern oder nicht – das ist meistens nur eine Frage der Bequemlichkeit. Darum liegt auch die Kuh in der Finsterwalder Kurve wohl noch immer im Dreck.

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