Die Folgen der Flut in der Tegernseer Schwaighofstraße

„Das Schlimmste sind die Gaffer“

Von Rose Beyer

Es war spät am Samstagabend. Da begannen die vielen Anwohner aus der Schwaighofstraße 62, ihre Sachen zu packen. Zuerst alles vom Keller herauf. Anschließend ins Erdgeschoss. Und danach in den ersten Stock.

Das Wasser stieg minütlich an. Es musste schnell gehen. Keiner wusste, was das Hochwasser aus seinem Haus in Tegernsee-Süd ‒ aus dem Hab und Gut ‒ machen würde.

Andere haben die Flut überwunden ‒ hier lebte man bis gestern Abend noch mit ihr
Andere haben die Flut überwunden ‒ hier lebte man bis gestern Abend noch mit ihr

Am Dienstagabend ist das Hochwasser deutlich zurückgegangen. Einzelne Straßensperren rund um den See mit Restpfützen verraten, wie es hier am vergangenen Wochenende noch ausgesehen haben muss. Die meisten Talbewohner sind in ihren Alltag zurückgekehrt.

Doch etliche Bewohner kämpfen immer noch mit den Wassermassen. Ein gutes Dutzend Tegernseer wohnt im Häuserblock in der Schwaighofstraße 62. „Wir holen Sie mit dem Boot ab.“ Dieser Satz, den wir am Telefon hören, als wir uns ankündigen, verheißt nichts Gutes.

„Oma hätte einen Herzinfarkt bekommen“

„Haben Sie Gummistiefel dabei?“ Wir verneinen. „Dann bekommen Sie meine.“ Jetzt wäre es Zeit, Abendessen zu kochen. Doch der Kühlschrank ist aus. Aus Sicherheitsgründen. „Ich habe noch Chips und Erdnüsse gefunden“, erzählt Wolfgang Wagner. „Ansonsten faste ich seit ein paar Tagen.“ Eigentlich wäre der Student jetzt in Regensburg. Hätte keine kalten Füße. Wäre nicht übernächtigt. Und hätte keinen Hunger. Doch er wollte seine Oma nicht im Stich lassen.

Mit dem Boot zu Omis Wohnung ‒ Wolfgang Wagner

„Sie ist auf Reha“, erzählt er, als wir uns die Wohnung von oben bis unten ansehen. Omas Spiegelschrank schwimmt im Keller. Nur die Kante schaut aus der trüben Brühe. „Ich muss pumpen“, entschuldigt sich Wolfgang und legt einen meterlangen roten, dicken Schlauch vom Kellerfenster hinaus ins Freie und schmeißt die Maschine an. Ihn hat es von allen im Haus am schlimmsten getroffen.

„Der Keller war schon verloren, als ich heimkam“, erinnert er sich an die vergangenen Tage. Wie ein Wasserfall ergoss sich das Wasser über den Wintergarten ins Kellerzimmer – früher das Nähstübchen der Oma. Über die Wendeltreppe mit dem kleingemusterten Teppich erreicht man das Wohnzimmer. „Bis hier ging gestern noch das Wasser“, zeigt Wolfgang müde auf eine Stelle knapp unter dem Lichtschalter.

Wie ein Wasserfall war der See in den Wintergarten eingedrungen

Strom gibt es schon seit ein paar Tagen nicht mehr. Auch die Heizung musste ausgeschaltet werden. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen. „Zu uns kommt heute übrigens keiner mehr“, kommentiert er die Situation draußen auf der Straße. „Die Feuerwehr Miesbach pumpt da drüben – morgen kommen die aus Parsberg.“

Als das Wasser kam, konnte er noch etliche Dinge ins Trockene retten: den Schmuck der Oma, die Bilder, das Nähzeug, die Wäsche. Doch vieles wurde Opfer der Fluten: die Waschmaschine, viele Kleidungsstücke, 20 Paar Schuhe, ein Koffer, der PC, ein Laptop und der komplette Weinkeller. „Gut, dass Oma nicht da ist – sie würde einen Herzinfarkt kriegen“, sagt er, als wir eine Wohnung weiterziehen. „Kannst du uns rüberfahren?“, ruft Andrea Gradwohl, die Nachbarin und Tochter des „Fährmanns“, der mit dem Gummiboot von Wohnung zu Wohnung pendelt.

„Ohne Freunde hätten wir es nicht geschafft“

„Das Boot haben wir von der Feuerwehr“, erzählt Andrea. „Ohne würde es nicht gehen.“ Wir halten vor ihrem Eingang. Von draußen sieht es drinnen eigentlich sehr gepflegt aus. „Ohne unsere Freunde hätten wir es nicht geschafft“, erzählt sie. Alle wechselten sich ab, um zu helfen. Jeder ein paar Stunden, dann kam der Nächste. „Das Handy geht den ganzen Tag“, erzählt Andrea sichtlich müde. Festnetz gibt es nicht. Auch das Internet ist seit Tagen tot.

Im Zwangsurlaub und bis zu den Knien in der Brühe ‒ Thomas Gradwohl

„Mein Mann ist im Zwangsurlaub“, erzählt Andrea. „Ohne Internet geht nichts.“ Sie deutet auf Thomas, der sich gerade die Fischerhose seines Stiefvaters anzieht, um wieder „nach draußen“ zu fahren mit dem Boot. Schnell der Nachbarin was helfen. „Ich habe mir Urlaub genommen“, fährt sie fort.

Irgendwer muss den ganzen Wahnsinn ja beseitigen. „Zum Glück waren wir zu Hause, als das Wasser kam“, erinnert sie sich. Denn ansonsten hätten sie nicht die Schutzmauer – gebaut aus Sandsäcken, Holz, Silikon und anderem Nützlichem ‒ aufbauen können, um das Haus vor der braunen Brühe zu schützen. „Wir haben gewusst, dass das Wasser kommen würde, aber dass es so schlimm sein würde, haben wir nicht geahnt.“

Den Keller konnten sie immerhin retten. Besonnen deckten sie die Kellerluke mit Sandsäcken und Planen ab. „Es war schwierig, an Sandsäcke zu kommen“, erzählt Thomas, der gerade von seinem „Ausflug“ zurückkehrt. Dank Feuerwehr und einiger Kontakte kamen sie doch an welche heran. Jetzt liegen sie draußen am Kellerfenster und trocknen. „Wenn das Wasser in den Keller kommt, bist du verloren“, weiß Thomas. Dann bersten die Fensterscheiben ‒ und alles ist vorbei.

Sachensammlung im Obergeschoss

Sieben Pumpen waren im Schwaighof-Block im Einsatz, um das Wasser wieder aus dem Haus zu befördern. Doch drinnen sieht es aus, als hätte man gerade irgendwo die Flucht angetreten und hier eiligst alles deponieren müssen. Möbel, Kleidungsstücke, Vasen, Fotoalben, Computer, Koffer und vieles mehr wurde zuerst ins Erdgeschoss, dann in den ersten Stock vor den Fluten gerettet.

Nach Tagen noch bis zu den Knien in der Brühe

„Die untere Toilette mit Papier zustopfen, dann einen Sandsack drauf. Die Abflussrohre abklemmen, dass es nicht hochspült, dazwischen ein wenig zusammenputzen, mit dem Boot zur Toilette zum Nachbarn auf der anderen Straßenseite“, zählt Andrea den Ablauf der drei letzten Tage auf. Toilette und Dusche sind nicht funktionsfähig, weil ja kein Wasser ablaufen kann. Zu essen gibt es Dauervorräte, die noch so da waren. Mit einem Tragel Tegernseer hält man die Laune über Wasser.

„Dann fahr ma jetz’ zum Stefan“, sagt der „Fährmann“. Der Unternehmer Stefan W. hatte gerade angerufen, um zu melden, dass er abgeholt werden möchte. Er wohnt am weitesten entfernt vom See. Trotzdem hat es ihn hart erwischt. „Ich war unterwegs, als es passiert ist“, sagt er. Und meint damit den Keller, der bis Oberkante Erdgeschoss vollgelaufen war.

Der Waschkeller, das Gästezimmer sowie etliche Vorräte sind buchstäblich im Eimer. Auch der Fußboden im Erdgeschoss sieht nicht gut aus. Zentimeterdick wellt sich das Fischgrätparkett. Jetzt ist das Wasser „schon“ um einen Meter zurückgegangen. Trotzdem steht W. noch bis zu den Knien in der Brühe. Viele seiner Sachen konnte er nach oben retten. Doch etliches ist dem Wasser zum Opfer gefallen.

„Das Schlimmste sind die Gaffer“

Das Schöne an einer solchen Erfahrung sei der Zusammenhalt mit den Nachbarn, sagen W. und seine Nachbarn. „Lässt du mich an dein Notstromaggregat anschließen – ich habe noch eine Flasche Whiskey im Schrank“ ‒ so oder ähnlich läuft die Kommunikation in solchen Zeiten. Doch das Schlimmste sei nicht einmal, dass man nicht schlafen könne, weil man das Brummen der Pumpen ständig im Ohr hat. Oder dass man so kalte Füße hat vom ständigen Stehen im Wasser.

„Das Schlimmste sind die Gaffer“, gibt Andrea Gradwohl zu bedenken. Schaulustige, die sich daran ergötzen, wie tief es andere getroffen hat. Die über die Hecke sehen und lachen. Die ungefragt Fotos machen. Oder sich über vollgelaufene Autos freuen. Doch das, so hoffen die Anwohner aus der Schwaighofstraße, dürfte die nächsten Tage endlich vorbei sein.


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