Der Sprung in die Selbständigkeit

Jeder vierte Bundesbürger spielt mit dem Gedanken, sich selbständig zu machen, das berichtete kürzlich die „Welt“.

Ursula Vojacek ist eine davon. Dabei musste niemand die gebürtige Gmunderin zur Selbständigkeit zwingen. Vollkommen freiwillig führt die 28-Jährige seit 1. November das „Café Wagner“.

Scheut nicht die langen Arbeitstage einer Selbständigen - Ursula Vojacek
Scheut nicht die langen Arbeitstage einer Selbständigen – Ursula Vojacek.

Seit Jahren schon hatte Fritz Wagner einen Nachfolger für sein Traditionscafé gesucht. 2012 war es fast soweit gewesen. Doch dann sprang der potentielle Nachfolger plötzlich noch ab. Ein regelrechter Schock für den Konditormeister, für den nach 40 Jahren die Zeichen auf schnellen Abschied standen.

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„Mit Leib und Seele“ hatte er zusammen mit seiner Frau Christa die Konditorei und das Kaffeehaus geführt. Doch nachdem die drei Töchter den Betrieb nicht übernehmen wollten, sollte für den heute 68-Jährige langsam der gemütliche Ruhestand die Arbeit am Backofen ablösen. Doch die Zeit war anscheinend vor zwei Jahren noch nicht reif für einen Betreiberwechsel im Café Wagner.

Von der Konditormeisterin zur Chefin

Doch jetzt ist sie da – die Nachfolgerin. Ursula Vojacek. Brünette Haare, zum Pferdeschwanz streng nach hinten gekämmt. Hellwache Augen. Hände, die nicht stillstehen können. Mit ihnen hatte sie gerade noch Streusel geknetet und Plunder geformt. Es riecht nach Vanille, Butter und Schokolade.

„Für jedes Plätzchen haben wir einen anderen Teig, für jede Praline eine eigene Rezeptur.“ Was wie genau gemacht wird, hat sie seit März von Alfons Wagner persönlich erfahren. Jeden Tag von morgens sechs Uhr bis zum Abend standen sie gemeinsam in der Backstube. 40 Jahre Erfahrung gingen so auf Ursula Vojacek über.

Bevor sie wieder in die Backstube muss, lässt sie noch wissen, wie sich die Nachfolge für sie angebahnt hatte. „Zur Selbständigkeit animieren musste mich niemand.“ Eindrucksvoll berichtet sie über die Münchner Stationen ihres Werdegangs. Nach ihrer Ausbildung zur Konditorin bei der Firma „Kustermann“ wechselte sie in die Konditorabteilung bei Feinkost Käfer. Anschließend winkten Beschäftigungen als Patissier im Hotel Bayerischer Hof und als Leiterin des Konditorbereichs bei der Bäckerei Schuhmayr.

„Geschichte, Ansehen und gute Produkte“

Der Kontakt zu Alfons Wagner war bereits über ihre Tätigkeit bei der Patisserie „Dukatz“ zustande gekommen, in der die damals 24-Jährige vor vier Jahren noch gearbeitet hatte. „Zu der Zeit war ich noch zu jung“, gibt sie zu. Obwohl die Übernahme sie auch damals schon gereizt hätte.

Nachdem Wagner nach dem „geplatzten Deal“ vor zwei Jahren sein Traditionshaus selbst weitergeführt hatte, war jetzt scheinbar die Zeit reif für einen Wechsel. Wagner hatte Vater Vojacek im Ort getroffen und die beiden – seit langem miteinander bekannt – kamen über die Tochter ins Gespräch. „Sie ist die Richtige für den Betrieb“, das war schnell klar.

„Ein Betrieb mit Geschichte, Ansehen und guten Produkten“ – so hatte sich Ursula Vojacek „ihren Laden“ immer vorgestellt. Inzwischen mit einem Meisterbrief ausgestattet, passten auch die äußeren Umstände zur Selbständigkeit.

Vojacek ist eine Ausnahme

Damit liegt die gebürtige Gmunderin, die inzwischen in Taufkirchen lebt, allerdings nicht gerade im Trend. Vor allem die Angst vor dem Scheitern halte die Deutschen davon ab, unternehmerisch tätig zu werden, so der „Welt“-Artikel weiter. Dabei spielt vor allem die Angst vor den finanziellen Risiken eine große Rolle.

Auch für Ursula Vojacek war der Sprung in die Selbständigkeit eine finanzielle Herausforderung. Das komplette Inventar, den Betriebsnamen sowie den Kundenstamm musste sie ablösen. Die Räume von der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee pachten. Was sie dafür ausgeben musste, möchte sie nicht verraten.

Selbständigkeit bedeutet großes Glück, aber auch eine große finanzielle Herausforderung
Selbständigkeit bedeutet Freiheit, aber auch eine große finanzielle Herausforderung.

Für die Kunden im Café Wagner wird sich in nächster Zeit nicht großartig was ändern, meint Vojacek. Und auch wenn sich die Wünsche einmal ändern werden, Ursula Vojacek wird gerne weiter darüber nachdenken, ob sie morgen lieber gedeckten Apfelkuchen, Kirschtaschen oder Stollenkonfekt in den Ofen schieben soll. Ein besonderes Faible hat sie für ausgefallene Hochzeitstorten.

Zur Zeit sperrt die frisch gebackene Selbständige ihre Gmunder Bürotür erst gegen 21:30 Uhr zu. Eine Tatsache, für die ihr langjähriger Lebenspartner laut ihren Aussagen Verständnis hat. „Er ist stolz auf mich“, sagt sie. Wohl wissend, dass sie sich auf eines weiterhin verlassen kann – dass ihr Fritz Wagner weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen wird.

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