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Der Rottacher Pflegeexperte Peter Wisgott im Gespräch

Damit der Rentner-Traum kein Alptraum wird

Von Rose Beyer

Hohe Kosten, überforderte Pfleger, monotone Aktivitäten. Die Geschichten über falsch geführte Pflegeheime sind jedem bekannt. Ob sie tatsächlich etwas mit der Realität zu tun haben, muss jeder, der ein Heim für einen nahen Verwandten sucht, selbst herausfinden.

Doch wie findet man ein geeignetes Pflegeheim, bei dem man sicher sein kann, dass die Angehörigen in guten Händen sind? Wir haben uns mit dem Leiter der Seniorenresidenz Wallberg, Peter Wisgott, unterhalten. Und dieser sagt, worauf es wirklich ankommt und wie man Geld spart.

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Tegernseer Stimme: Hallo Herr Wisgott, wie kann ich als Angehöriger herausfinden, ob ein Pflegeheim gut zu meinem Angehörigen und dem eigenen Geldbeutel passt?

Peter Wisgott: Als Erstes sollte man viel lesen. Inzwischen findet sich schon einiges an Literatur von Pflegeexperten, die Hilfestellung bieten bei der Auswahl des richtigen Pflegeheimes. Natürlich kann man sich auch im Internet erkundigen, über den sogenannten Pflege-TÜV.

Tegernseer Stimme: Und wie würden Sie persönlich ein Pflegeheim suchen?

Peter Wisgott: Ich würde meinen Hausarzt befragen, welches Pflegeheim er mir empfiehlt. Denn die Hausärzte sind mindestens zweimal pro Woche in allen Pflegeheimen unterwegs. Sie können sich am besten ein Urteil über die pflegerische und medizinische Fachkompetenz des Pflegepersonals bilden und haben auch die Vergleichsmöglichkeit.

Außerdem würde ich mich einmal in ein Pflegeheim begeben, ohne mich vorher bei der Heimleitung als eventueller Interessent anzumelden. Einfach in einen belebten Bereich setzen und für zehn Minuten die Atmosphäre beobachten und auf sich selbst wirken lassen. Das gibt einen sehr guten Eindruck.

Vor Ort beobachten und nachfragen

Tegernseer Stimme: Auf was sollte man bei so einer ersten Besichtigung besonders achten?

Peter Wisgott: Folgende Punkte finde ich persönlich wichtig:

  • Wie riecht es in der Einrichtung?
  • Wie sind die Bewohner gekleidet: der Tageszeit entsprechend oder sogar nur mit Nachthemd, Flügelhemd und irgendwo geparkt in einem Pflegestuhl?
  • Wird zum Beispiel auf liebevolle Dekoration oder jahreszeitliche Gestaltung geachtet?
  • Wie geht das Personal mit den Bewohnern um?
  • Ist überhaupt Personal irgendwo in der Einrichtung zu sehen, oder muss man erst lange suchen, bis man welches findet?
  • Hat das Pflegeheim einen Garten oder einen Park?

Diese Eindrücke würde ich dann erst einmal eine Zeitlang sacken und dann in Ruhe zu Hause Revue passieren lassen, bevor ich das Gespräch mit einer Heimleitung oder Pflegedienstleitung suche.

Tegernseer Stimme: Wie läuft das mit den Kosten in einem Pflege- oder Altenheim?

Peter Wisgott im Gespräch
Peter Wisgott im Gespräch

Peter Wisgott: In der Regel gibt es vier Kostensätze in Pflegeheimen: Pflegekosten je nach Höhe der Pflegestufe, Investitionskosten, Ausbildungszuschlag sowie die Unterkunft und Verpflegung.

Darüber hinaus lassen sich einige Pflegeheime die Betreuung, das Führen von Bewohnerkonten, den Schriftverkehr mit Behörden und Hausmeisterdiensten, eventuelle Arztfahrten, Besorgungsfahrten oder Ähnliches zusätzlich und häufig auch sehr teuer extra bezahlen. Das kann in den Geldbeutel gehen.

Haustiere können oft mit

Tegernseer Stimme: Was macht man mit seinem Haustier, wenn man umzieht? Und mit den Möbeln? Kann man alles mitnehmen?

Peter Wisgott: Oft kann beides mitgenommen werden. Vor allem bei den Möbeln sollte man aber auch abklären, was Sinn macht. Bei Haustieren ist es nicht überall gleich. Nicht in jede Einrichtung können sie mitgenommen werden, und wenn doch, sollte man auf jeden Fall auch hier nach den Kosten fragen.

Tegernseer Stimme: Wie kann ich herausfinden, ob ein Pflegeheim vielleicht nicht den Anforderungen meiner Angehörigen entspricht?

Peter Wisgott: Ruhig die Einrichtungsleitung auf den Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen – kurz: MDK – ansprechen. Wenn die diesen nicht zeigen möchte, kann man schon davon ausgehen, dass hier arge Missstände zu finden sind. Falls hier schlechte Schulnoten drinstehen, und die Einrichtungsleitung zeigt einem den Prüfbericht, sollte man sich das unbedingt erklären lassen.

Freizeitaktivitäten wie Tanzen werden in immer mehr Pflegeeinrichtungen angeboten
Freizeitaktivitäten wie Tanzen werden in immer mehr Pflegeeinrichtungen angeboten

Tegernseer Stimme: Auf was sollte man bei den privaten Räumlichkeiten achten?

Peter Wisgott: Lassen Sie sich die Station und den Wohnbereich zeigen. Und natürlich auch das Zimmer, das für Ihren Angehörigen infrage kommt.

Individuelle Pflege keine Selbstverständlichkeit

Tegernseer Stimme: Und wie funktioniert das jetzt genau mit der Pflege?

Peter Wisgott: Den Pflegeablauf kann man sich ganz genau erklären lassen. Stichpunkt individuelle Pflege. Gibt es Gleitzeiten bei den Essenszeiten? Wird auf Besonderheiten des Bewohners eingegangen und auf spezielle Bedürfnisse und Wünsche? Auch hier immer hinterfragen, ob dies mit zusätzlichen Kosten verbunden ist, denn manchmal lassen sich auch hier Pflegeeinrichtungen Leistungen bezahlen, die oft schon über die Pflegesätze abgedeckt sind.

Tegernseer Stimme: Was heißt „individuelle Pflege“?

Peter Wisgott: Diese sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit in allen Pflegeheimen sein. Ob das auch in einem Pflegeheim gelebt wird, merkt man beim Aufnahmegespräch. Wenn keine Fragen dazu kommen, ist es mit der individuellen Pflege auch nicht weit her. Ein weiteres Indiz für individuelle Pflege ist, ob auch Angehörige mit in die Pflege einbezogen werden. Und das Allerwichtigste ist: Werden die Wünsche des Bewohners berücksichtigt?

Tegernseer Stimme: Wie werden Pflegeeinrichtungen kontrolliert?

Peter Wisgott: Die Heime werden mindestens einmal im Jahr unangemeldet vom Medizinischen Dienst der Pflegekassen oder von der privaten Pflegeversicherung kontrolliert. Hier wird dann ein Bericht im Schulnotensystem veröffentlicht. Dabei ist das System leider nicht ganz transparent, da zum Beispiel schlechte Pflege am Patienten mit einer ausführlichen Dokumentation wieder aufgehoben werden kann. Auch sollte man sich auskennen, welche Form von Betreuung die Einrichtung anbietet, und auch die Größe hat einen Einfluss.

Tegernseer Stimme: Form von Betreuung? Haben Sie da ein Beispiel aus dem Tal?

Peter Wisgott: Ich nehme mal die drei Einrichtungen im Tal: Seniorenresidenz Wallberg und Schwaighof, beide bieten vollstationäre Versorgung an, auch klassisches Pflegeheim genannt. Dagegen ist die Seniorenresidenz Villa Bruneck eine Mischeinrichtung zwischen vollstationär und betreutem Wohnen.

Am Tegernsee haben wir also momentan die zwei gängigsten Einrichtungsformen. Einmal das sogenannte klassische Pflegeheim und das betreute Wohnen. Diese Zuordnung hat auch Einfluss auf die Kostenerstattung gegenüber den Pflegekassen. Auch sucht man in einem MDK-Bericht nach einer betreuten Pflegeeinrichtung unter Pflegeheimen vergeblich, denn diese werden zu den ambulanten Diensten gezählt.

Eine individuelle Betreuung sollte in allen Einrichtungen großgeschrieben werden.
Eine individuelle Betreuung sollte in allen Einrichtungen großgeschrieben werden.

Tegernseer Stimme: Welche Kontrollen gibt es noch?

Peter Wisgott: Eine weitere unangemeldete Kontrolle findet mindestens einmal jährlich durch die Heimaufsicht statt. Auch hier werden die Prüfberichte im Internet veröffentlicht – sofern der Einrichtungsträger zustimmt. Mindestens einmal im Jahr werden die klassischen Pflegeheime auch von der Heimaufsicht im Landratsamt Miesbach überprüft. Wie gesagt trifft dies aber nur auf die klassischen Pflegeheime zu und nicht auf betreute Wohnformen.

So kann man sich eine Pflegeeinrichtung leisten

Tegernseer Stimme: Was kostet eine Pflegeeinrichtung, und wer bezahlt wie viel dazu?

Peter Wisgott: Durchschnittlich liegt ein Platz im Doppelzimmer je nach Pflegestufe zwischen 2.300 Euro und 2.500 Euro monatlich. Die Zuzahlungen durch die Pflegekasse liegen bei

  • Pflegestufe 0: keine Zuzahlung
  • Pflegestufe 1: 1.023 Euro
  • Pflegestufe 2: 1.279 Euro
  • Pflegestufe 3: 1.550 Euro.

Tegernseer Stimme: Und was macht man, wenn man sich den Eigenanteil nicht leisten kann?

Peter Wisgott: Auch wenn der Bewohner oder seine Familie nach Abzug der Zuzahlung durch die Pflegekassen immer noch nicht für den sogenannten Eigenanteil komplett aufkommen kann, besteht die Möglichkeit, einen Antrag bei der Regierung von Oberbayern zu stellen. Bei betreuten Wohneinrichtungen ist die Zuzahlung der Pflegekassen anders. Diese entspricht eher den Sätzen der ambulanten Versorgung. Eine Kostenübernahme durch den Sozialhilfeträger ist hier prinzipiell nicht möglich.

Tegernseer Stimme: Gibt es abschließend noch etwas, was Sie den „Suchenden“ mit auf den Weg geben wollen?

Peter Wisgott: Auch wenn es oft zu Negativ-Schlagzeilen im Bereich der Pflegekräfte kommt, ist mir wichtig zu betonen, dass gerade das Pflegepersonal sehr engagiert ist. Die Menschen, die sich um die Bewohner kümmern, sind ständig bestrebt, Verbesserungen herbeizuführen. Für mich sind sie die wahren Helden, die aber leider viel zu oft vergessen werden und nicht die Beachtung bekommen, die sie eigentlich verdient hätten.

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