“Die wenigsten Unfälle enden so tragisch”

von Lydia Dartsch

Gleitschirmfliegen ist eigentlich ein sicherer Sport, sagt Waltraut Rummel von der Gleitschirmschule Tegernsee. Gerade im Sommer ist der Wallberg oberhalb von Rottach-Egern der Startplatz für einige hundert Piloten pro Tag.

Bevor sie die “grenzenlose Freiheit” des Flugs genießen können, lernen angehende Sportflieger in einer zweiteiligen Ausbildung, wie sie sicher am Boden ankommen.

Kein übernäßig riskanter Sport: Gleitschirmfliegen am Wallberg.
Kein übernäßig riskanter Sport: Gleitschirmfliegen am Wallberg.

Am vergangenen Sonntag hatte ein Wanderer einen herrenlosen Gleitschirm am Nordosthang des Wallbergs gefunden. Eine zweistündige Suchaktion der Polizei und der Bergwacht mit dem Rettungshubschrauber blieb erfolglos. Am Mittwoch dann die Gewissheit: Der Pilot wurde mehrere hundert Meter tiefer als sein Fluggerät in einer Felsspalte gefunden – tot.

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Kein Risikosport

Der Wallberg ist ein beliebter Berg für Gleitschirmflieger. Tausende Piloten gleiten hier jedes Jahr in die Tiefe – und erreichen ihren Landeplatz auf den umliegenden Wiesen wohlbehalten.

Unfälle passieren zwar immer wieder, sagt Polizeisprecher Stefan Sonntag. Die meisten von ihnen enden jedoch glimpflich, die wenigsten mit Knochenbrüchen oder gar tödlich. Die letzten Abstürze sind bereits drei Jahre her. Die Piloten hatten sich lediglich mittelschwere Verletzungen, wie Handbrüche oder Quetschungen zugezogen. Auf die Gefahren, die Risiken und wie man sie vermeiden kann, wurden sie in ihrer Ausbildung vorbereitet.

Jeder kann fliegen lernen

Wenige Wochen dauert es, bis man als frisch gebackener Pilot eigenständig abheben kann. Es kann aber auch ein Jahr dauern. Das komme darauf an, wie schnell man den Gleitschirmkurs absolviert und wie schnell man die Übungsflüge hinter sich bringt.

Jeder, der gesund und einigermaßen beweglich ist, kann am Wallberg fliegen lernen. Eine spezielle Vorbildung ist nicht nötig. Die wichtigsten Dinge lernen die Flugschüler bereits beim ersten Teil der Ausbildung, dem fünftägigen Grundkurs auf dem Übungshang, erklärt Waltraud Rummel:

Bei den ersten Flügen legt man zwischen 0 und 100 Höhenmeter zurück. Dazu gibt es eine vierstündige Theorieausbildung in Aerodynamik und Meteorologie. Wer danach die nötige Anzahl an Übungsflügen absolviert hat, kann den zweiten Teil beginnen: Die Höhenkursausbildung.

Diese kann schnell gehen, oder sich bis zu einem Jahr hinziehen. Auch hierfür muss man zunächst eine bestimmte Anzahl an Übungsflügen absolvieren, bevor man mit einer Prüfung in Theorie und Praxis den sogenannten “beschränkten Luftfahrerschein” in den Händen hält.

Mit diesem Schein dürfen die Piloten vom abgesteckten Hang starten und müssen auf einem dafür vorgesehenen Landeplatz landen. Anmelden muss man den Flug nicht und wer auf seinen Schein noch den unbeschränkten Luftfahrerschein drauf setzt, dürfe auch landen, wo er will, so Rummel.

Sicherheit ist wichtig

Dann braucht es zum Fliegen noch eine spezielle Ausrüstung: Gleitschirm, Gurtzeug und einen Helm. Auch ein Notschirm ist vorgeschrieben, für den Fall, dass der Gleitschirm in Turbulenzen gerät und zusammenklappt – ein Szenario, das aber nur selten vorkommt. Der Notschirm öffne sich recht schnell. Bis zu einer Höhe über 50 Metern sorge er auch dafür, dass der Pilot sanft am Boden ankommt. Darunter hilft er nicht mehr viel.

Wichtig ist es, auf die Umstände eines Fluges zu achten: Ob man an einem Tag starten möchte, oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Dabei kommt es auf die Wind- und Wetterverhältnisse an. In den kommenden Tagen sehe es laut Rummel aber gut aus: Ruhiges Hochdruckwetter sei ideal. Auch auf das Fluggerät müssen Piloten achten. Alle zwei Jahre wird der Gleitschirm vom TÜV auf Flugtauglichkeit geprüft. Das Gurtzeug werde eher selten überprüft. Das sei aber sehr langlebig, sagt Rummel.

Zusätzlich zu der Grundausbildung bieten die Flugschulen verschiedene Sicherheitstrainigs und Zusatzausbildungen an. Flugsaison ist das ganze Jahr – der Wallberg ist dabei der ideale Startpunkt und besonders zwischen März und Oktober stark frequentiert.

Keine neuen Erkenntnisse zum Absturz am Sonntag

Doch insgesamt gesehen komme es eben nur ganz selten überhaupt zu Unfällen. Dabei gibt der Vorfall vom vergangenen Wochenende den Ermittlern weiter Rätsel auf. Die genaue Ursache ist immer noch unklar. Rund 950 Meter tief stürzte der Pilot aus seinem Sitz heraus.

Der  Polizeihubschrauber bei der Suche im Wallberg-Gebiet.
Der Polizeihubschrauber bei der Suche im Wallberg-Gebiet.

Nach dem der Mann am Mittwoch in dem felsigen Gebiet der Nordostwand gefunden wurde, soll seine Leiche heute Nachmittag obduziert werden. Neue Ermittlungserkenntnisse liegen bislang allerdings nicht vor, wie Polizeisprecher Sonntag erklärt:

Die Identifizierung gestaltet sich weiterhin schwierig, da der Mann stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Zudem sei bis jetzt immer noch keine Vermisstenanzeige bei der Polizei eingegangen. Die Kripo Miesbach ermittelt daher in alle Richtungen.

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