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Holzkirchens Vize-Bürgermeisterin über die Rolle von Frauen in der Politik

Diplomatie als weibliche Strategie

Von Petra Dietzel

Sie ist Juristin, sitzt seit zwölf Jahren im Holzkirchner Gemeinderat und bezeichnet Kommunalpolitik als ihr Faible. Die Rede ist von Elisabeth Dasch, die seit Mai als Zweite Bürgermeisterin amtiert. Damit ist die Holzkirchnerin die erste Frau in der Marktgemeinde, die ein Bürgermeisteramt inne hat. Was kann sie als Frau in der Politik bewirken?

Elisabeth Dasch ist Holzkirchens erste Vizebürgermeisterin  - und findet, dass Frauen anders Politik machen als Männer.
Elisabeth Dasch ist Holzkirchens erste Vizebürgermeisterin – und findet, dass Frauen anders Politik machen.

In die Kommunalpolitik ist Elisabeth Dasch durch ihr Engagement für die FOS und das neue Holzkirchner Gymnasium gekommen. Seit 1998 setzt sie sich für die lokale Bildungspolitik ein. Mit der Fertigstellung des Gymnasiums sind diese Ziele nun erst einmal erreicht. „Mir gefällt an der Kommunalpolitik, dass sie nah am Menschen ist und dass immer eine große Nähe zum konkreten Problem besteht“, erklärt die Fraktionsvorsitzende der SPD.

Mit der Wahl zur Zweiten Bürgermeisterin stellt sich die SPD-Frontfrau nicht nur einer neuen Herausforderung, sondern bleibt ihrem lokalen Schwerpunkt treu. Die Zeit für diesen ehrenamtlichen Job hat sie, denn ihre beiden Kinder sind so gut wie selbständig. Und sie hat vor kurzem ihren Halbtagsjob als Dozentin für Pflegerecht an der Berufsfachschule für Altenpflege in Miesbach aufgegeben.

Wird sich die Holzkirchner Politik ändern?

Zum ersten Mal bekleidet eine Frau in der Marktgemeinde ein öffentliches Amt in einer führenden Position. Was wird sich in der lokalen Politik dadurch ändern? Dasch überlegt:

Vielleicht wird unsere Politik etwas weiblicher. Denn Frauen sehen viele Dinge aus einer anderen Perspektive und versuchen schneller, zu einer Einigung zu kommen.

Frauen würden eher fragen „Was bringt uns weiter?“, während Männer oft auf ihrem Standpunkt beharrten. Schon in ihrem früheren Job als Vertragsjuristin bei der Fraunhofer Gesellschaft sei ihr bewusst geworden, dass es zielführender ist, auf Diplomatie zu setzen als eine harte Linie zu fahren.

Zwar sei es nach noch nicht einmal 100 Tagen im Amt schwierig zu sagen, wie sich die neue Konstellation im Rathaus-Alltag auswirke. Aber der erste Eindruck zeige, dass Rathaus-Chef Olaf von Löwis und sie „am gleichen Strang“ zögen. „Ich halte ihn für sehr kompromissfähig, nicht für jemanden, der auf den Tisch haut, um seine Vorschläge durchzuboxen“, sagt sie.

Regelmäßiger Austausch stehe ganz oben auf der Agenda. Was sie besonders schätze, seien die gemeinsamen Diskussionen der drei Bürgermeister, oft schon im Vorfeld von Sitzungen. Aber, so gibt sie zu, „das ist natürlich auch eine gute Chance, die beiden Fraktionen der Grünen und der SPD ins Boot zu holen“. So wie Dasch im Gemeinderat auf Zusammenarbeit setzt, sieht sie auch eher gemeinsame als kontroverse Themen als Kernziele für die kommende Legislaturperiode.

Kinderbetreuung ist ihr wichtig

Neben den großen Themen der angehenden Südumfahrung, Geothermie, Verkehrsberuhigung und Marktplatzgestaltung stehe für sie ein klassisch-weibliches und SPD-Thema, nämlich die Kinderbetreuung, im Mittelpunkt. Viele Mütter bräuchten diese Unterstützung unbedingt. Deshalb möchte sich die Mutter erwachsener Kinder weiterhin für den Ausbau und die Förderung von Kindergarten- und Hortplätzen stark machen.

„Vor 20 Jahren, als ich nach Holzkirchen kam, gab es für meine Tochter nur einen Kindergartenplatz ab dem Alter von vier Jahren. Heute können bereits Dreijährige einen Platz bekommen“, erinnert sie sich. Dieser Fortschritt sei auch den „weiblichen Eigenschaften“ Konsequenz und Beharrlichkeit ihrer Kolleginnen aus der SPD, Irmi Ammer und Eva Hellmann, zu verdanken.

Bei der Vereidigung der beiden Stellvertreter von Olaf von Löwis.
Bei der Vereidigung der beiden Stellvertreter von Olaf von Löwis.

Doch Kindergartenplätze seien nicht nur ein Frauenthema, sondern auch als „weicher Standortfaktor“ wichtig. Denn eine gute Kinderbetreuung und Schulsituation locke neue Arbeitnehmer an, was für die Neuansiedlung des Gewerbegebiets Föching dringend notwendig sei. Durch den Zuzug erhöhten sich die Einnahmen im Gemeindesäckel. Und das käme letztlich neuen Infrastrukturmaßnahmen wie den ersehnten Freibad entgegen.

Frauen sehen die Dinge anders

Als weitere, verbesserungswürdige Punkte liegen ihr Inklusion, Ganztagsangebote für die Klassen 1 bis 4 in der Grundschule, Deutschförderung für Migrantenkinder und mehr Bürgerbeteiligung am Herzen. Die parteilose Politikerin ist sich sicher, dass solche, als frauenorientiert geltenden Themen, jetzt leichter umsetzbar sind. Vor allem werden sie als Handlungsbedarf erkannt:

Frauen haben eher den Blick für menschliche Probleme als Männer.

Sie berichtet, dass sie immer wieder Kinder ab 7 Uhr vor der Schule sitzen sähe, die auf die Öffnung um 7.30 Uhr warteten – so etwas nähmen viele Männer gar nicht wahr. Genauso wie die Frage, ob die Kinder gefrühstückt hätten. „Weniger Bildungschancen, weil man hungrig in die Schule kommt, das darf nicht sein“, so Dasch. Ihr Ziel ist, Frühstück für alle anzubieten – eine Stigmatisierung der betroffenen Kinder möchte sie unbedingt vermeiden.

Und was hat es mt ihrer „Parteizugehörigkeit“ auf sich? Dasch hat als Parteilose für die SPD als Bürgermeisteranwärterin kandidiert. Und sie ist Fraktionssprecherin. Für die sportliche Hundeliebhaberin ist das kein Konflikt: „Denn es geht bei meiner Arbeit nicht um die große Politik der SPD Deutschland, sondern um die kleinen Probleme vor Ort hier in Holzkirchen. Themen mit einem sozialen Aspekt, die ich voll und ganz vertreten kann.“

Im Gemeinderat dominieren die Männer

Und genau bei dieser Partei haben sie und ihre Mitstreiterinnen von den Roten die Chance, sich den sozialen Aspekten zu widmen, die klassischerweise als weibliche Themen gelten. Die derzeitige „rote“ Fraktion mit drei Frauen und zwei Männern sei sogar frauenlastig. Im Gegensatz zur Zusammensetzung des Gemeinderats, bei dem rein zahlenmäßig die Herren dominieren.

Mittlerweile gibt es in Deutschland und im Landkreis einige Frauen in politisch verantwortlichen Ämtern. Nicht zuletzt Angela Merkel als Bundeskanzlerin, zu der Dasch eine klare Meinung hat:

Ich bewundere die Kanzlerin, aber ich beneide sie nicht um ihren Job.

Im Landkreis vertritt Ingrid Pongratz die Rolle einer aktiven Politik-Frau. Dasch hat die Bürgermeisterin von Miesbach vor kurzem als stellvertretende Landrätin erlebt – und war begeistert: „Sie denkt sehr konstruktiv.“ Es scheine, meint sie, als könne die CSU-Frau sich jetzt, ohne Einfluss des ehemaligen Landrats Jakob Kreidl, viel besser entfalten.

Sechs Jahre währt Daschs Amtszeit. Die größte Belohnung wäre für die ehrenamtliche Bürgermeisterin, wenn sie Anno 2020 dem ersten Abitur-Jahrgang des neuen Gymnasiums zur Hochschulreife gratulieren könnte. Zehn Jahre hätten die Vorarbeiten benötigt: „Steter Tropfen höhlt den Stein, diese weibliche Taktik hat auch hier zum Erfolg geführt.“

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