Wie sich Finsterwalder Milchbauern zu Eierproduzenten entwickeln
250 Hühner zum Leben

von Rose Beyer

Bei vielen Landwirten macht’s die Milch allein nicht mehr. Das „weiße Gold“ ist zum Verlustgeschäft geworden. Immer noch deutlich unter 40 Cent erhalten Landwirte derzeit pro Liter – je nach Molkerei. Die meisten Bauern mit Milchkühen überleben wirtschaftlich nur mit einem zweiten oder dritten Standbein wie Tourismus, Hofladen oder einem auswärtigen Job.

Veronika und Michael Koch, die einen Hof in Finsterwald besitzen, machen ihren Job gerne. Dennoch fühlen sie sich mit drei Standbeinen wohler, als wenn sie nur auf die Milchviehhaltung angewiesen wären.

Beide, Veronika und Michael, arbeiten vollzeit auf ihrem Hof, damit dieser drei Generationen ernähren kann – das junge Paar, deren kleinen Sohn Martin und die Eltern von Veronika, die auch noch auf dem Hof mitarbeiten.

Um die Zukunft zu sichern, haben die Kochs vergangenes Jahr investiert und – zu dem Stall mit 30 erwachsenen Kühen – einen großen Hühnerstall gebaut. Sechs mal zehn Meter misst er. Davor ein geräumiger überdachter Wintergarten und der über 1.000 Quadratmeter große Freilauf. Noch sind die 250 Hühner aber im Stall.

Eine Henne legt in 14 Monaten bis zu 350 Eier

Die Kochs haben sich für die sogenannten „LSL-Hühner“ entschieden. Ab einem Lebensalter von 18 Wochen sind sie legereif. Bevor sie als Suppenhühner verkauft werden, bringen diese Lege-Champions bis zu 350 Frühstückseier in ihren 14 Legemonaten zustande.

„Sie müssen sich aber erst eingewöhnen,“ erzählt die junge Bäuerin, denn erst vor kurzem kamen sie auf dem Hof an. In wenigen Tagen dürfen die Hühner dann frei herumlaufen, scharren, sich im Sand wälzen. Jederzeit können sie den Stall selbstständig verlassen und hinaus auf die Wiese.

„Freilandhaltung“ nennt man diese Form, deren Bedingungen von einer EU-Verordnung geregelt sind. Die Kochs kennen sie genau – Veronika ist ausgebildete Hauswirtschaftsmeisterin, Michael gelernter Landwirtschaftsmeister.

Bei der Freilandhaltung steht den Hühnern tagsüber ein Auslauf von mindestens vier Quadratmetern pro Tier zur Verfügung. Im Stall dürfen maximal neun Hennen pro Quadratmeter leben. Vum Vergleich: bei der Bio-Haltung sind es sechs Tiere. Die Bedingungen innerhalb des Stalles entsprechen denen der Bodenhaltung.

Es stehen Sitzstangen, Legenester und eingestreute Scharrräume zur Verfügung, damit die Hühner ihren natürlichen Lebenshandlungen nachgehen können. Haben sie zuwenig Platz – wie bei der inzwischen verbotenen Käfighaltung – so könnte es zu Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus kommen. Diese werden zumeist durch den im Gedränge entstehenden Stress verursacht.

Biogasanlage schließt natürlichen Kreislauf

Der anfallende Kot wird in einer unterhalb der Hennen angebrachten Kotgrube gesammelt. Später wird damit die hinter dem Stall befindliche Biogasanlage – das dritte Standbein der Familie – befeuert. Die bei der Vergasung anfallende Abwärme nutzen die Kochs dann wiederrum für die Bodenheizung des Hühnerstalls.

So greift ein Standbein ins andere. Obwohl man angesichts der großen Anzahl der Hennen den Eindruck bekommen müsste, hier geht es um industrielle Fertigung, kann man sich bei einer Besichtigung vom Gegenteil überzeugen.

Ein einigermaßen glückliches Leben auf dem Bauernhof. Die beiden Gockel haben sogar Namen: „Jackl“ und „Xare“ heißen sie. „Allen Hühnern Namen zu geben wäre dann doch zuviel gewesen,“ sagt Veronika mit einem Lächeln.

„Das Ei mit Besuchsrecht.“ Damit wirbt die Familie auf ihren Flyern, die man sich beim Eierholen aus dem kleinen Verkaufshäuschen vor dem Hof mitnehmen kann. Auch von gentechnikfreiem Futter ist die Rede. „Wir kaufen es beim regionalen Landhändler,“ erzählt der Bauer. 25 Cent kostet ein Freiland-Ei. Egal in welcher Größe. Laut der Bäuerin reißen die Leute den Kochs die Eier geradezu aus den Händen.

Deutsche importieren 40 Prozent

In Deutschland herrscht Eier-Engpass, seit einige EU-Staaten das europaweite Verbot der konventionellen Käfighaltung immer noch nicht umgesetzt haben. Bereits im Jahr 1999 hatte die EU beschlossen, dass Hühner in Käfighaltung mehr Platz bekommen sollten. Außerdem sind ein Scharrbereich, Sitzstangen, Streu und Nester für die Tiere Pflicht.

Eigentlich hatten die Betriebe zwölf Jahre Zeit für den Umbau. Doch viele Halter kamen mit dem Umbau nicht hinterher. Etliche mussten schließen. Andere dürfen ihre Eier nicht in andere EU-Staaten exportieren. Weil viele Betriebe auch in Deutschland schlossen, muss Deutschland nun rund 40 Prozent der Eier aus dem Ausland kaufen, hauptsächlich aus Holland.

Auch die Eier der Kochs sind meistens am frühen Nachmittag schon vergriffen. Deshalb wollen sie jetzt noch mehr Hühner. In Dürnbach, wo die Familie über ein zweites kleines Anwesen verfügt, sollen weitere 700 Hühner gehalten werden. Dann hofft die Bäuerin, die große Nachfrage befriedigen zu können. Auch von einer eigenen Packstelle, in der die Eier gestempelt und dann in umliegenden Geschäften verkauft werden, träumt sie. Die Eier würden dann eine „1“ – den Code für die in Freilandhaltung lebenden Hennen – tragen.

Stabile Preise, gute Margen

Eier verkaufen, ein Hoffnungsschimmer für so manchen Landwirt? Fakt ist, dass es sich beim Ei um eines der wenigen landwirtschaftlichen Produkte handelt, mit dem man immer noch einen guten Preis erzielen kann. In allen anderen Bereichen – Milch, Fleisch, Obst, Gemüse – sei maximal eine Seitwärtsbewegung auf einem niedrigen Niveau zu verzeichnen.

Viele Betriebe in der Gegend können sich offenbar nur halten, weil sie nicht allein auf die Milchproduktion angewiesen sind. Dabei kann sich wie bei den Kochs die Eierproduktion als interessantes zweites Standbein etablieren.


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