Kurzzeit-Pflegefamilie
Ein Herz für Kinder

von Melanie Süss

Eine Familie aus Fischbachau hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern ohne Eigenheim ein Zuhause auf bestimmte Zeit zu geben. Die Kleinen kommen aus allen Schichten und aus allen erdenklichen Gründen. Eine Reportage.

Eine Pflegefamilie aus Fischbachau schenkt Kindern ohne Eigenheim auf eine bestimmte Zeit ein liebevolles Zuhause.

Die Tür öffnet sich und der Flur des Hauses in Fischbachau ist von Kinderstimmen erfüllt. Hier lebt Familie Eder (Anm. der Redaktion: alle Namen geändert) mit ihren momentan vier Pflegekindern Julia, Ali, Sibel und Lukas. Lukas ist der Kleinste mit eineinhalb Jahren.

Das Haus wirkt sehr gemütlich und einladend. Im Wohnzimmer flackern die Flammen im Ofen. Eine Kindersendung läuft, während die vier gemütlich im Fernsehstuhl Platz gefunden haben. Die Pflegeeltern führen in die Küche, um ungestört von den Hintergründen ihrer ungewöhnlichen Familienzusammensetzung zu reden. Warum sie kleinen Menschen in größter Not ein Heim geben, warum sie sich in einer individualisierten Welt um Andere, Schwächere kümmern. Kurz: Warum sie Mitmenschen sind.

Seit sieben Jahren schenken sie Kindern ein Zuhause

Zwei eigene Söhne haben die beiden. Einen großen im Alter von 28 Jahren, ist bereits ausgezogen ist. Der Jüngere, 17 Jahre, lebt noch daheim. “Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir Kurzzeitpflegeeltern werden, hätte ich ihn angeschrien und gesagt: Niemals!”, erzählt Karin. Seit inzwischen sieben Jahren nehme das Ehepaar Kinder für eine bestimmte Zeit auf. Für den jüngsten eigenen Sohn sei es von Anfang an eine Bereicherung gewesen. Mit der ersten Pflegetochter, welche damals 17 Jahre alt war, sei es von Beginn an ein enges freundschaftliches Verhältnis gewesen.

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Kurzzeitpflege bedeute, dass man Kinder für eine gewisse Zeit in die eigene Familie aufnimmt. Die Dauer reicht von drei Tagen bis zu mehreren Jahren. “Wir können auch jederzeit sagen, dass wir ein Kind dauerhaft aufnehmen möchten, wenn es für uns passt”. Ein Wechsel in eine Vollzeitpflege ist jederzeit möglich. Karin fühlt sich mit einer plötzlichen Situation am wohlsten: Wenn sie einen Anruf bekomme, indem es heiße, sie müsse innerhalb einer Stunde wo sein und einem Kind helfen. “Da bleibt mir keine Zeit, großartig zu überlegen, sondern ich muss einfach handeln”.

Kinder kommen aus allen Schichten

Kommen die Kinder immer aus den randständigen Gesellschaftsschichten? Nein, da liegen die meisten Menschen völlig falsch, erzählen die beiden. Natürlich habe man Kinder von Eltern mit Drogen- oder Alkoholproblemen oder auch Missbrauchsfällen. Es stockt einem der Atem, wenn die beiden von einem pubertierenden Mädchen berichten. Sie sei von der eigenen Mutter und dem Stiefvater sexuell missbraucht worden. Wie geht man mit solch belastenden Schicksalen um? Hans erklärt darauf: “Natürlich ist es belastend, aber man muss Stärke zeigen und eine Struktur vorgeben. Das brauchen sie”.

Aber es gebe auch Fälle, wo beispielsweise ein Tegernseer Millionär für die Unterbringung seiner Tochter bezahle, da er mit ihr nicht klarkomme. Oder Kinder, welche in Pflegefamilien untergebracht werden müssen, weil die Scheidung der Eltern in einen einzigen Rosenkrieg ausarte und sich die beiden nur gegenseitig beschuldigen. “Wir hatten in all den Jahren auch Pflegekinder von Ärzten. Es betrifft alle Schichten unter uns”.

“Man tut einfach etwas Gutes”

Das Ehepaar habe in all den Jahren schon viel erlebt. Karin erinnert sich an einen Autisten aus einer geschlossenen Anstalt, welcher sich drei Monate lang nicht geduscht habe. “Als mein Sohn nach Hause kam, hat er gesagt: Mama, da stinkt es”, lacht sie. Oder sie erzählt, wie die beiden Schutzhauben tragen mussten. Der springende Grund: Läuse bei einem Pflegekind. Oder wie sie einmal insgesamt vier Babys hatten, inklusive junger Mutter. Es wurde eng im Haus, aber dennoch war es für einige Zeit eine sichere Heimat.

Das Besondere sei für Hans und Karin, dass es für niemanden eine Bereicherung darstelle. Es ist eher der Versuch, für eine bestimmte Zeit den Kindern etwas Gutes mitzugeben. Das Geschenk bestehe darin zu sehen, dass sich nach einer gewissen Zeit ein Erfolg einstelle. Am meisten helfe man den Kindern damit, ihnen einen Alltag und eine Struktur zu geben.

Will die Mutter nicht mal nach sieben Jahren ihre Ruhe haben? Karin schüttelt den Kopf: “Ich hatte einmal vier Monate Pause und im Vorfeld dachte ich mir: In den vier Monaten machst du einfach alles, was du willst. Das Fazit war, dass ich nichts gemacht habe, sondern überglücklich war, als ich wieder ein Pflegekind hatte”.

Viel Unterstützung durch Jugendamt

Eine Pflegefamilie ist nicht auf sich alleine gestellt. Staatliche Stellen unterstützen. Abgesehen von der finanziellen Unterstützung wie Essen-, Kleidungs- sowie Erziehungsgeld für die Pflegeeltern, ist das Jugendamt jederzeit bei Problemen verfügbar. Auch gebe es viele Gespräche und gegenseitigen Austausch. “Egal, was den Kindern passiert ist: Die Eltern haben nach wie vor Besuchsrecht in der Elternberatung. Mit den leiblichen Eltern muss man sich arrangieren”, sagt Karin.

Schwierigkeiten gebe es natürlich. Hans erzählt, dass gerade die Sauberkeit bei den weiblichen Pubertierenden ein großes Problem darstelle. Gerade bei Flüchtlingskindern gehe das Trauma der Flucht nicht spurlos vorüber. “Die Kinder sind die Ärmsten, die nehmen vieles von den Eltern an”, sagt Hans.

Sauberkeit als wichtigste Voraussetzung

Was ist die wichtigste Voraussetzung für Pflegeeltern? “Sauberkeit”, antworten die beiden schlagartig. Man muss gerne die Wäsche waschen und das Haus putzen. Das Wichtigste sei für die Pflegekinder Ordnung, Sauberkeit und eine Struktur. “Denn das haben die meisten nie gelernt”, äußert Hans. Das Schwierigste sei, aus den Kindern die alte Struktur entweichen zu lassen. Aber auch Gewaltfreiheit, familiäre Zuneigung und für einige Zeit Geborgenheit sei entscheidend.

Ansonsten muss der Familienzusammenhalt absolut stimmen. Die Kinder kommen überwiegend aus zerrütteten Familienverhältnissen. Sie sollen durch ihre Kurzzeitpflegeeltern vor allem kennenlernen, was Familie bedeutet.

Kinder stehen zu ihren leiblichen Eltern

Dann ist da noch ein interessanter Punkt: So sehr auch die Kinder in die neue Pflegefamilie integriert seien: Das Ehepaar erzählt, dass die Kinder, egal, was ihnen passiert, nach wie vor zu den Eltern halten – selbst bei Missbrauchsfällen.

In besonderer Erinnerung bleibt die kleine Sibel mit ihren zehn Jahren. Sie hat eine geistige Behinderung und spricht ihre eigene Sprache. Doch sie versteht ihr Gegenüber, wenn man laut und deutlich mit ihr spricht. Bei der Verabschiedung kommt sie auf die Redakteurin zu, umarmt sie und schließt den Reißverschluss ihrer Jacke, damit sie gut behütet zum Auto gehen kann. Auf Sibel wartet ein Heimplatz.

Pflegeeltern werden

Der Fachbereich Jugend und Familie am Landratsamt Miesbach sucht laufend neue Pflegefamilien, die Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen bei sich aufnehmen können. Pflegefamilien bieten Kindern und Jugendlichen, die aufgrund verschiedener Umstände nicht bei ihren Eltern bleiben können, einen sicheren Rückzugsort und ermöglichen einen normalen Familienalltag, bis eine Perspektive für sie gefunden wurde.

Die Kinder oder Jugendlichen bleiben in der Regel höchstens sechs bis acht Wochen bei ihrer Bereitschaftspflegefamilie. Es können Säuglingen bis annähernd Volljährige von einer solchen Krisensituation betroffen sein. 

Interessierte können sich gerne unverbindlich unter der Telefonnummer 08025 704 4201 informieren.

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