Leben und Arbeiten zwischen Deutschland und Österreich
Eine Kreuther Grenzgängerin erzählt

von Rose Beyer

„Vom Gesetz her bin ich Grenzgängerin, steuerrechtlich gesehen Grenzpendlerin,“ erzählt Sarah Reiter (Name geändert). Täglich legt sie die 70 Kilometer ins österreichische Wattens zurück. Ihr Ziel: Ihre Arbeitsstelle, ein großes Schmuck-Unternehmen, in dem sie als Marketingmanagerin tätig ist. Abends geht es dann wieder zurück nach Kreuth.

Um sechs Uhr klingelt Sarahs Wecker. Um sieben Uhr steigt sie in ihren Audi A3. Um 8 Uhr sollte sie an ihrem österreichischen Schreibtisch sitzen. Meistens gelingt es ihr. Nur an drei bis vier Tagen pro Jahr macht ihr frisch gefallener Schnee einen Strich durch die Rechnung und sie kommt zu spät in die Arbeit. „Der letzte Winter ging aber gut,“ berichtet sie.

Ungefähr seit einem Jahr hat die 27-Jährige ihren Arbeitsvertrag – und damit das grenzenlose Arbeiten – in der Tasche. Mit integriert sind die Erfahrungen, die einen als Grenzpendler respektive –gängerin erwarten.

Im Winter muss die Bundesstraße zwischen Kreuth und österreichischer Grenze ab und an gesperrt werden.

Als Grenzgänger bezeichnet man offiziell die Personen, die zwischen dem Land, in dem sie leben, und dem Land, in dem sie arbeiten, pendeln. Sie sind im Inland wohnhaft und einkommensteuerpflichtig, aber im Ausland unselbständig erwerbstätig und suchen täglich oder mindestens einmal wöchentlich ihren inländischen Wohnsitz auf.

Diese Definition, die neben der Fahrt vom Wohnsitz zur Arbeitsstätte über eine Grenze hinweg die tägliche oder wöchentliche Rückkehr an den Wohnsitz verlangt, gilt jedoch nur für den sozialen Schutz der betreffenden Arbeitnehmer in der Europäischen Union.

Verantwortliche denken nur bis zur Grenze

Pendler gibt es ja viele im Tal. Auch Sarahs Freund muss täglich den Arbeitsweg nach München zurücklegen. Er ist in etwa gleich lang unterwegs wie seine Freundin, verfährt ebenfalls rund 1.500 Euro Sprit pro Jahr. Doch Sarah muss sich wesentlich mehr kümmern als er. Außerdem hat sich manche Dinge einfach doppelt: Einmal in deutscher und einmal in österreichischer Version.

Sarah benützt beispielsweise über zwei Handys: Grenzüberschreitendes Telefonieren wäre auf die Dauer zu teuer. Sie verfügt über zwei Bankkonten. Ihr Arbeitgeber möchte ihr Gehalt nur auf ein österreiches Konto überweisen. Das Leben bestreitet sie jedoch meist aber von ihrem deutschen Konto.

Die Sache mit der Steuererklärung

Außerdem hat sie eine aufwändigere Steuererklärung auszufüllen. Wo die Steuern abzuführen sind, ist ebenfalls klar geregelt. Der Begriff „Grenzgänger“ ist im Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Österreich erklärt. Als solche gelten Personen, die in Deutschland in Grenznähe wohnen, in Österreich in Grenznähe arbeiten und regelmäßig pendeln.

Das Abkommen definiert die Grenzzone, als die alle Orte gelten, die weniger als 30 Kilometer Luftlinie vom nächsten Grenzpunkt entfernt liegt. Grenzgänger müssen täglich an ihren Wohnort zurückkehren. Ausnahmsweise an 20 Prozent der Arbeitstage, höchstens aber an 45 Tagen im Jahr dürfen sie im Land, in dem der Arbeitsort ist, über Nacht bleiben. Ansonsten verlieren sie ihren Grenzgänger-Status. Wäre Sarah allerdings im öffentlichen Dienst in Österreich beschäftigt, so müsste sie dort ihre Steuererklärung abgeben.

Grenzüberschreitend soziale Sicherheit

Sarah hat außerdem zwei Krankenkassen. Denn auch hier gibt es Regelungen. Grundsätzlich ist man dort krankenversichert, wo man arbeitet. Da Sarah aber hauptsächlich in Deutschland zum Arzt geht, möchte sie auch eine deutsche Krankenkasse haben. Sie wird also in zwei Kassen „verwaltet“. Zwischen beiden besteht ein Grenzüberschreitendes Abkommen. So wird dann mit dem konsultierten Artz, der Apotheke, dem Krankenhaus oder dem Therapeuten abgerechnet.

Jede Menge Verwaltungsaufwand also für Sarah, der zum täglichen Pendeln dazukommt. Wie lebt man damit im Alltag? „Noch ist es für mich kein Problem,“ behauptet die Kreutherin. Bereits das Studium habe sie ja schon in Österreich absolviert. Sie ist dieses Leben also gewohnt.

Wie stark das ständige Aus-dem-Koffer-leben nerve, gerade wenn man mal bei Freunden in Österreich übernachtet, wird sich in ein paar Jahren zeigen, meint sie. Dann wird sich herausstellen, ob es für sie zukunftsfähig ist. Noch ist sie mit ihrer Situation sehr zufrieden, kann sich derzeit auch nicht vorstellen, nicht in Kreuth zu leben und in Österreich zu arbeiten. Noch.


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