Olaf Gulbransson Museum:
Gerhard Richter am Tegernsee

Beim Soft Opening von „Gerhard Richter. Werk im Plural. Aus der Sammlung Olbricht“ am Sonntag im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee standen die Besucherinnen und Besucher Schlange. Nach „Marc Chagall“, „Von Renoir bis Jawlensky“ und „Hodler, Dix, Kiefer, Cahn und weitere“ ist diese neue Sonderausstellung auf Weltkunstniveau am Tegernsee in aller Munde.

Das Soft Opening im Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee. / Foto: Stefan Schweihofer

„Hurra!“, strahlte Michael Beck am Sonntag mit der Märzsonne um die Wette. Der Galerist und Vorsitzende der Olaf Gulbransson Gesellschaft Tegernsee konnte es noch immer kaum fassen, dass der Kunstsammler Thomas Olbricht seine Anfrage nach einer Retrospektive des weltweit bekanntesten lebenden Künstlers am Tegernsee mit Ja beantwortet hatte. Er freut sich und bedankte sich bei Thomas Olbricht dafür, dem Museum diese Ausstellung „geschenkt“ zu haben:

Es ist eine Sternstunde für das Olaf Gulbransson Museum, einen Maler zu präsentieren, der sich schon zu Lebzeiten in die Kunstgeschichtsbücher eingeschrieben hat.

Die Ausstellung ist in der Tat eine Sensation. Gerhard Richter am Tegernsee – es klingt beinahe unwirklich. Aber es ist geschafft!

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Wie bereits bei den hochkarätigen Ausstellungen zuvor ist es dem Kunstnetzwerk des Galeristen Michael Beck zu verdanken, dass die umfangreiche Leihgabe aus der Olbricht Collection nun in Tegernsee zu sehen ist. Die Werke des 92-jährigen Gerhard Richter erzielen Höchstpreise und der ganze Kunstmarkt jagt ihnen hinterher. Wie konnte es Thomas Olbricht gelingen, ein derart lückenloses Werk zusammenzutragen? „Ich bin ein manischer Sammler“, erläuterte der Leihgeber lächelnd im Gespräch mit den Gästen des Soft Openings. Seine besondere Leidenschaft gilt dem Werk Richters. Mittlerweile besitzt seine Institution weltweit als einzige das vollständige Werk der Editionen Richters, weshalb ihn der Künstler sogar als seinen „Sammler im Plural“ bezeichnet.

Aus den lückenlosen 187 Editionen und Multiples Gerhard Richters von 1965 bis 2023 sowie zahlreichen Originalen konzipierte der Sammler mithilfe seiner Kuratorin Sarah Sonderkamp die Ausstellung für das Olaf Gulbransson Museum. Insgesamt 88 Offsetdrucke, Künstlerbücher, Tapisserien, übermalte Schallplatten und überrakelte Fotografien mit Unikatcharakter zeugen in den nächsten Monaten in Tegernsee vom extensiven Schaffen des Künstlers.

Die außergewöhnliche Ausstellung ist Kunstsammler Thomas Olbricht und Michael Beck, Vorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft (v.l.), zu verdanken. / Foto: Ines Wagner

Œuvre radikal verschiedener Ansätze

1961 hatte Gerhard Richter das enge Korsett des sozialistischen Realismus, der jegliche Art von Abstraktion ablehnte, hinter sich gelassen. Seine Übersiedelung in die Bundesrepublik stellte einen Befreiungsschlag dar, der sein gesamtes späteres Werk radikal prägte. Schon früh leistete er einen Beitrag zur Neuausrichtung figurativer Kunst. Seither erscheint Richters Œuvre voller Widersprüche und Diskontinuitäten: zwischen fotorealistischen Naturdarstellungen, unscharfen Gemälden nach Fotografien, Werken höchster Abstraktion, aufregender Farbmalerei bis hin zu Glas- und Spiegelobjekten sowie Installationen.

Die Ausstellung zeigt nun in ganzer Bandbreite dieser Komplexität, Wandelbarkeit und Experimentierfreude von Gerhard Richters Lebenswerk. „Jede Arbeit hat einen unikatären Charakter“, erläuterte Kulturjournalistin Sonja Still, die regelmäßig freitags durch die Ausstellung führen wird. Serielle Arbeiten gäbe es durchaus auch bei anderen Künstlern: „Picasso übermalt das Vorhergehende“, so Michael Beck. „Richter bezieht den Zufall mit in die Komposition ein.“

Vollständig: von „Hund“ (1965) bis „PAMUL“ (2023)

So ist das Einzigartige dieser Ausstellung die enorme Vielfalt, die sich – beginnend mit Gerhard Richters erstem Editionswerk „Hund“ aus dem Jahr 1965 – bis zu „ROCYN“ und „PAMUL“ aus dem Jahr 2023 erstreckt. Nachdem der Künstler 2017 offiziell sein Werk für beendet erklärt hatte, fügte er im vergangenen Jahr diese beiden grafisch bearbeiteten digitalen Tintenstrahldrucke hinzu, die jetzt in Tegernsee zu sehen sind und vermutlich noch nicht den letzten Punkt hinter seinem Lebenswerk bilden.

Gerhard Richters kleine Retrospektive

Die Ausstellung umfasst 45 Unikate und 35 unikatäre Werke aus Gerhard Richters Editionen, darunter viele bekannte Meilensteine seines vielfältigen Schaffens. Das größte Werk, das bisher in den Räumen der Sonderausstellung gezeigt werden konnte, ist das textile Objekt „Iblan“ – „weil es sich wie ein Teppich einrollen ließ“, wie Michael Beck erleichtert erklärte. 2009 hatte Gerhard Richter ein Ölgemälde durch mehrfache digitale Spiegelungen neu komponiert und in einer mechanischen Jacquardweberei in Flandern vier Tapisserien davon fertigen lassen. Die Dreidimensionalität des Gewebes scheint die Betrachtenden regelrecht hineinzuziehen.

Werkbeispiele von Richters Farbfeldmalerei sind in der Sonderausstellung ebenso zu sehen wie zwei Bilder der berühmten STRIP-Serie, die wie eine Spektralanalyse ihrer Ursprungsgemälde wirken. Richter-Liebhaber werden zu schätzen wissen, dass auch die berühmten Porträts ausgestellt sind – von Mao über die junge Queen Elizabeth bis zu der noch heute vielfach widersprüchlich interpretierten Ulrike Meinhof-Serie. Gleich eingangs verdeutlicht die 3er-Gruppe der berühmten Kerze die Vorgehensweise des Künstlers: Das markant signierte Ölgemälde als Ursprung, begleitet von zwei mit schwarzer Farbe überrakelten Offsetdrucken, die dem Kerzenlicht eine weitere Ebene hinzufügen und Figuration mit Abstraktion konfrontieren.

Schlüsselwerke in Tegernsee

Gerhard Richters Tochter „Betty“ in einer rot geblümten Jacke, das zu den fünf beliebtesten Kunstmotiven weltweit zählt, fehlt ebenso wenig wie der überlebensgroße Akt von „Ema“. Die Serien „War Cut I“ und „War Cut II“ zeigen die Beschäftigung mit dem Irak-Krieg – in einer Serie übermalter FAZ-Artikel und unikatärer Künstlerbücher. Einen Farbrausch bilden auch die „Goldberg-Variationen“ – Richters Ölmalerei auf Langspielplatten mit Bach-Werken.

Zu den Lieblingswerken des Sammlers Thomas Olbrichts gehört das Bild „Schädel“ – eine zwischen stark spiegelndem Glas und Plexiglas aufgezogene Fotografie. „Wer das Bild betrachtet und sein Gesicht in dem Totenschädel darin gespiegelt sieht“, erläuterte er beim Soft Opening, „erlebt ein momento mori – sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“. Das Bild sei in einem gemeinsamen Prozess zwischen Künstler und Sammler entstanden – ein ungewöhnliches Zusammenspiel in der Kunstwelt. Thomas Olbricht ist nicht nur Sammler, er hat auch in Chemie und Medizin promoviert. Als Endokrinologe beschäftigt ihn das Thema „momento mori“ seit Jahrzehnten.

Michael Beck, nach seinem Lieblingswerk der Ausstellung befragt, nennt die zwei Bilder „Fuji“ aus dem Jahr 1996. In seiner Düsseldorfer Galerie habe er einmal die Gelegenheit gehabt, eines der Bilder aus dieser Serie zu verkaufen: „Sie hier in der Ausstellung zu haben, macht mich außerordentlich glücklich.“

Glücklich preisen dürfen sich auch die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, zu deren Zweiggalerien das kleine Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee gehört: Ohne Michael Beck, der sich als Vorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft in privatem Engagement derart für die Kunst in seiner Heimat stark macht, würde es derart hochkarätige Ausstellungen nicht gegeben und auch das Museum kaum den Bekanntheits-Booster der letzten Jahre erlebt haben. Olaf – wer? … würden sich noch immer viele Tegernsee-Besucher fragen. Auch der norwegische Maler und Karikaturist ist prominenter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. 

Die Ausstellung „Gerhard Richter. Werk im Plural. Aus der Sammlung Olbricht“ ist bis zum 28. Juli täglich außer Montag im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm aus Führungen, Face-to-Face Gesprächen sowie Filmvorführungen in Kooperation mit dem Kino am Tegernsee.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Online-Magazin KulturVision am 05.03.2024 | Ein Beitrag von Ines Wagner.

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