Schulverpflegung im Tal

Zwischen Burger und Blattsalat

Von Rose Beyer

„Mensa-Burger mit Pommes Frites“. Damit habe ich nicht gerechnet, als ich die Schulkantine des Tegernseer Gymnasiums besuche. Denn Burger klingt erstmal ungesund. Muss es aber nicht sein. Wenn man das meiste davon selber macht.

Denn was Fast Food ungesund macht, sind die oft versteckten Inhalte: Fette, Zusatzstoffe, Zucker und Salz. Zu Burger und Pommes gibt es einen Salat aus der frisch angerichteten Bar. Als Nachspeise einen Apfel.

Für Rolf Ziesing, der für die Mensa kocht, müssen gesunde Nahrung und eine leckere Mahlzeit kein Widerspruch sein. Den Schülern gesunde Produkte anbieten, die gut aussehen, gut riechen und gut schmecken – damit ausgewogene Ernährung auf einem guten Weg.

Falsche Ernährung beginnt früh

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat ermittelt, dass Vierjährige hierzulande im Schnitt maximal 75 Gramm Gemüse statt der empfohlenen 200 Gramm pro Tag auf den Teller bekommen. Sie essen aber viel zu viel Fett und Zucker. Morgens Schokoflakes, mittags Döner, abends Lasagne und zwischendurch Schokolade, Chips und Cola.

Was als süßer Babyspeck beginnt, wächst sich bei immer mehr Kindern in Deutschland zum schwergewichtigen Problem aus. In Deutschland ist jedes fünfte Kind, und sogar jeder dritte Jugendliche, übergewichtig. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der übergewichtigen Kinder verdoppelt.

Als wir die Fotos zum Artikel schießen, sehen wir fast nur schlanke Menschen. Ziesing kennt viele beim Vornamen. Weiß auch um ihre Essensvorlieben. Der gelernte Koch ist beliebt bei Schülern und Lehrern. Stets hat er gute Laune und einen lustigen Spruch auf der Lippe.

Das erklärt auch, dass die Facebook-Gemeinde der Mensa aktuell 838 Freunde zählt. Etliche stehen schon an der Essensausgabe, andere haben sich an der Kasse aufgereiht. 4 Euro bezahlt man für die Burgermahlzeit. Die Alternative „Spinat mit Rührei und Kartoffeln“ ist mit 3,70 Euro etwas günstiger. Dazu gibt es Süßes für Auge und Gaumen: bunte Donuts, Obstküchlein und Süßigkeiten.

Essen als Event

Wo fängt gesundes Essen für Heranwachsende an? Wenn es nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und den Verbraucherzentralen geht, gehören zu einer kindgerechten Ernährung dreimal täglich Gemüse, zweimal täglich Obst, viel Brot, Reis und Kartoffeln. Zuckerhaltige Getränke und Naschkram sowie tierische Lebensmittel wie Fleisch sollte nicht täglich auf den Tisch kommen.

Was serviert wird, ist entscheidend. Aber erst der Gesellschaftsaspekt macht den Erfolg eines gelungenen Essens aus. „Essen soll ein Event sein,“ findet Ziesing. Täglich ein Highlight will er den Schülern bieten. Er legt Wert auf Abwechslung und ein vielseitiges Angebot.

Täglich gibt es andere Suppen und Salate. Häufig steht vormittags eine Müslibar parat. Auch der Pausenverkauf ist in der Hand des Ziesing-Teams. Das Konzept geht offenbar auf: vor nichtmal zwei Jahren war die tägliche „Essensausgabe“ auf 30 gesunken. Dann übernahm das neue Team. Mittlerweile gehen bis zu 200 Essen pro Tag über die Theke.

Viele Eltern haben – wenn die Kinder größer werden – immer weniger Zeit, sich um die Ernährung ihrer Kinder zu kümmern. Und spätestens ab der fünften Klasse verbringen Schulkinder einen Großteil ihres Tages in der Schule. Da ist es von hoher Bedeutung, was sie den ganzen Tag über so zu sich nehmen.

Gerade, wenn sie von vornherein als Ganztagsschule konzipiert ist, wie die Realschule Gmund, ist Schulspeisung ein entscheidendes Thema. Denn die Schüler verbringen nach dem Mittagessen um 13 Uhr nochmal etliche Stunden in der Schule. Derzeit lernen die Realschüler noch in den Wiesseer Containern, bis sie in die geplante Schule in Gmund umziehen können.

Schulverpflegung als Erziehungsauftrag

Für den Wiesseer Lehrer und Verpflegungsbetreuer Tobias Schreiner ist Schulverpflegung ein echter Erziehungsauftrag. Mittags in der Schule essen. Das sollte mehr sein als nur das Verspeisen von Nahrung. Zum geglückten kulinarischen Erlebnis gehören die unterschiedlichsten Aspekte: die Vorfreude auf das bestellte Essen. Das gemeinsame Sitzen an einem schön eingedeckten Tisch. Zivilisierte Umgangsformen. Das Abräumen der Tische.

Natürlich unterliegt die Schulverpflegung im Vergleich zur privaten Verpflegung in der Familie erheblichen organisatorischen und finanziellen Begrenzungen. Dennoch ist Schreiner bemüht, das Angebot in kleinen Schritten zu verbessern, beispielsweise durch die Einführung des Mensa-Onlinebestellsystems.

Jetzt rücken an die 30 hungrige Schüler an. „Gemüselasagne mit kleinem Salat“ für 1,80 Euro steht heute auf dem Speiseplan. Das Essen kann man nach dem Baukasten-System zusammenstellen. Eine Suppe für 40 bis 50 Cent, dazu das Hauptgericht für 1,80 bis 2,30 Euro plus Dessert von 40 bis 50 Cent.

Der Geschmack ist entscheidend

Alle Speisen sind auch einzeln bestellbar. Schreiner ist froh, dass es der Catering-Partner „Seniorenresidenz Wallberg“ erlaubt, ein sehr preisgünstiges Mittagessen anzubieten. Denn schülerfreundliche Preise sind Eltern sehr wichtig.

Das ist auch im Schulverbund der Grund- und Mittelschule Rottach-Egern/Kreuth/Tegernsee so. 20 bis 30 Ganztagsschüler versammeln sich täglich im „Schinnerhaus“ zum Essen. Auch für sie hat der Koch der „Seniorenresidenz Wallberg“ ein Schulmenü zusammengestellt. „Bratwurst mit Kartoffeln und Sauerkraut“ lassen sich die Schüler schmecken. Vorher wird Geflügelcremesuppe aus den großen Suppenterrinen geschöpft. Danach ein Fruchtjogurt gelöffelt.

Dass die Kinder beim Eindecken und Abräumen zusammenhelfen, ist für Betreuerin Anna Koch selbstverständlich. Der kindliche Tischdienst ist also wechselnd dafür zuständig, dass Teller und Besteck parat sind und nachher alles wieder abgeräumt und der Tisch sauber verlassen wird.

Die Schulverpflegung böte noch viel mehr Chancen, wäre man preislich nicht so sehr eingeschränkt: Gesundheitserziehung, kulturelle Bildung, Erfahrung neuer Gerüche und Geschmäcker, Lebensmittelkunde. Die Heranbildung eines Qualitätsbewusstseins bei Lebensmitteln und mehr.

In der Realität muss sie sich meist jedoch einem Mittelweg zwischen Anspruch und sozialverträglicher Preisgestaltung beugen. Wichtig ist in erster Linie, dass das Essen bei den Schülern ankommt. Denn ansonsten würden sie es gar nicht anrühren.


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