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„Skrupellos und gefährlich“

„Glänzende Aussichten“: Dubiose Geschäftsmodelle am Tegernsee

Von Redaktion

Gold und Diamanten für Kapitalanleger, Yachten und Luxusjets für Scheichs: Das Geschäft mit dem großen Geld scheint glänzend zu laufen. So gut sogar, dass dubiose Firmen und ihre Partner „ständig motivierte Mitarbeiter“ suchen. Zum Beispiel über Kleinanzeigen im Internet oder der Zeitung.

Vor allem am Tegernsee sei noch viel Potential, hören wir aus diversen Quellen. Also bewerben wir uns bei einer dieser Firmen. Telefonisch. Für was genau wir uns da allerdings bewerben, das bleibt lange sehr wage.

Über Umwege geraten wir an eine Ansprechpartnerin, früher wohnhaft am Tegernsee, heute in Unterhaching. Uns wird schnell klar: Die Dame arbeitet als eine von „mehreren hundert“ Handelspartnern, die im Auftrag der AGLH GmbH unterwegs sind. Eine renommierte Münchner Anwaltskanzlei bereitet derzeit mehrere Strafanzeigen gegen das Unternehmen vor.

Gold, Diamanten, schnelle Autos: Wer träumt nicht davon? Eine dubioses Unternehmen geht auch im Landkreis Miesbach auf Kundenfang.

Wir werden zurückgerufen. Den ersten Anruf verpassen wir, am Samstag Vormittag klappt es dann. Die Vertrieblerin scheint großes Interesse an einem neuen Partner zu haben, obwohl Sie von uns eigentlich so gut wie nichts weiß. Egal: Ich suche einen Job und Sie hat ein attraktives Angebot.

Das Tegernseer Tal ist eine Goldgrube

Es geht um teure Autos, Platin, Yachten – Luxusgüter. Die Gesprächsatmosphäre am Telefon ist entspannt. „Wie viel könnten Sie investieren?“, fragt die engagierte Dame und fängt an ein paar Daten von uns aufzunehmen.

„Unsere Branche umfasst die schönsten und werthaltigsten Dinge dieser Welt. Und wir sind in einem der wachstumsstärksten Märkte tätig“, preist Sie ihr Geschäft an. Die Umsetzung unserer einzigartigen Handelsplattform ist gelungen. Wir vereinen sieben Geschäftsfelder in einem. Hört sich das nicht gut an?“

„Sie müssen nur die Kontakte zu potentiellen Kunden herstellen“, macht Sie uns klar: „Den Rest übernimmt unser Expertenteam.“ Diese Kunden wählt man „strikt nach den vorgegebenen Kriterien“ aus und man hat bei der Auswahl „unterschiedliche Methoden“ anzuwenden.

„Das Tegernseer Tal ist eine Goldgrube, wenn Sie die Sache richtig angehen.“ In weniger als drei Monaten hat man das Handwerkszeug drauf, versichert uns ein anderer Handelspartner. Vorkenntnisse sind nicht notwendig.

„Ein unschlagbares Geschäftsmodell“

Die Vertrieblerin ist am Samstagvormittag ganz in ihrem Element. „Dieses Geschäftsmodell ist einfach unschlagbar“, sagt Sie. Man organisiert Yachten oder Sportwägen für Scheichs, Geschäftsleute und andere Reiche und Schöne. „Wer hier motiviert ist, der kann einfach gutes Geld verdienen,“ sagt sie und kommt ins schwärmen.

Ob wir uns hier im Tal nicht in die Quere kommen würden, wenn es schon Handelsvertreter in der unmittelbaren Umgebung gibt? „Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Es gibt mehr als genug Kunden“, sagt die ehemalige Tegernseerin.

Auf der Webseite der Firma schlägt einem der pure Luxus entgegen. Exklusive Luxusvillen, Sportwagen, Gold und Diamanten scheinen hier irgendwie angeboten zu werden – zum Verkauf oder zur Vermittlung. Man weiß es nicht so genau.

Erst im Kleingedruckten findet man ein verantwortliches Unternehmen: Die Allgemeine Gold und Luxusgüter Handelsgesellschaft mbH, kurz: AGLH, mit Sitz in Vaterstetten im Landkreis Ebersberg. Ein Blick ins Handelsregister zeigt eine bewegte Firmengeschichte.

„Skrupellos und gefährlich“

Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hatte die Gesellschaft viele verschiedene Namen. ADFM GmbH und Riverblue GmbH waren die letzten. „Skrupellos und gefährlich“, nannte die Münchner Anwaltskanzlei Lachmair und Kollegen die ADFM im Jahr 2006.

Eine „aggressive Kloppertruppe“ sei da am Werk, die mit „höchst anstößigen Vertriebspraktiken“ Interessenten und vermeintliche Bewerber um ihre Lebensversicherungen und andere Kapitalanlagen bringt. Dubiose Finanzprodukte, etwa unter dem Namen „Bavaria Fonds“ waren es, die seinerzeit vertrieben wurden. Die angebotenen Fonds werden nach Informationen der Kanzlei derzeit abgewickelt.

Mitarbeitersuche per Handzettel an Bahnhöfen.
Mitarbeitersuche per Handzettel an Bahnhöfen.

Zur Gründung unseres eigenen Franchiseunternehmens müssten wir rund 7.000 Euro investieren. „Sie sind dann Ihr eigener Chef und wir stellen Ihnen zusätzlich für 30 Euro im Monat unser Know-How, eine eigene Internetseite – also die Plattform in die Welt und vieles mehr zur Verfügung. Sie können die Investitionssumme auch in Raten zu 100 Euro abbezahlen“, gibt uns die Vertrieblerin zu verstehen. „Im Preis mit inbegriffen sind auch spezielle Schulungen.

Dabei winkt das große Geld. „Bis zu 30 Prozent Provision sind für Sie drin. Und Sie vermitteln und verkaufen Luxusgüter im Wert von mehreren Millionen Euro.“

Wir sind etwas skeptisch, aber unser Interesse ist ungebrochen. Wir müssen eigentlich nichts können, nur Kontakte zu „geldigen“ Menschen am Tegernsee herstellen. Davon gibt es bekanntlich im Tal mehr als genug. Also ohne großen Aufwand tausende von Euros verdienen.

Noch dazu können wir uns die Arbeitszeit selbst einteilen.„Kontakte knüpfen. Visitenkarten verteilen. Bei Veranstaltungen präsent sein“, gibt man uns zu verstehen. „Da ist eigentlich schon alles. Und eloquent und ein selbstsicheres Auftreten sollten Sie noch mitbringen.“

Bei der AGLH, für die wir uns bewerben, scheinen sich im Vergleich zur ehemalige ADFM allenfalls Name und Produktpalette geändert zu haben. Man macht jetzt – zumindest nach außen hin – mehr in Gold. Doch unabhängig von Namen und Produkten, es ist nach wie vor dieselbe Firma. Und die Praktiken scheinen sich nicht geändert zu haben. „Wir bereiten gerade einige Klagen gegen dieses ausgesprochen unseriöse Unternehmen vor“, sagt Rechtsanwalt Wilhelm Lachmair.

„Wie viel könnten Sie investieren?“

„Nehmen wir mal an, wir beide würden ein Geschäft gründen – wie viel könnten Sie dann investieren?“, fragt uns die Dame. Eine schwierige Frage. Aber wir wollen den Job. Unbedingt. Also stappeln wir etwas hoch. „Bis zu 20.000 Euro.“ Da gibt es noch einige Rücklagen. Sie könnten also 20.000 investieren, fragt die Vertrieblerin nochmal, bevor Sie die Summe zu notieren scheint.

„Wir sehen unser Ziel darin, möglichst vielen Menschen glänzende Aussichten zu verschaffen“, heißt es auf der Internetseite der Firma. Man sucht ständig „motivierte Mitarbeiter“: „Interessante Menschen, Visionäre, Selbstständige, neue Geschäftspartner…“, steht bei Facebook.

Was ich denn nun genau machen muss in diesem Job? Vermittle ich nun Luxusgüter? Oder soll ich sie verkaufen? Fragen, die die Dame etwas wortkarg werden lassen. „Wir werten jetzt erst einmal ihren Daten aus“, erklärt Sie mir ausweichend.

Auf unserem Bewerbungsbogen kann eigentlich nicht mehr stehen als meine Adressdaten, eine erste Gehaltsvorstellung, die Investitionsmöglichkeiten („20.000 Euro“) und mein aktueller Beruf. Aber wenn diese Auswertung abgeschlossen sei, „dann entscheiden wir, wo wir Sie einsetzen können“.

Näheres dazu kann man uns vorher nicht sagen. Das müssen Sie verstehen. „Aber wenn wir Sie nehmen, dann erfahren Sie bei einem Gespräch in unserer Firmenzentrale in München mehr.“

Von Tegernsee bis Baldham: „glänzende Aussichten“

Ob nun in Unterhaching oder Holzkirchen: Immer wieder findet man dieselben schönen Fotos von Goldbarren, Villen, Schmuck und Yachten. Überall dieselben, wohlklingenden und gleichzeitig nichtssagenden Texte. Nur die „Handelspartner“, wie unsere Ansprechpartnerin eine ist, sind jeweils andere.

Sucht man etwas länger, stellt man fest, dass diese „Handelspartner“ zwar kaum um Kunden, dafür aber umso mehr um „motivierte Mitarbeiter“ werben. Mal nennen sich die „Handelspartner“ „Luxury-Seller“, mal „Gold Diamanten Luxusgüter International (GDLI)“. Diese Namen spielen allerdings keine Rolle, diese Unternehmen gibt es nicht. Die Geschäftsbedingungen diktiert die AGLH.

Geschäftsführerin der AGLH ist seit einigen Jahren eine gewisse Dagmar Klausing. Sie hat bereits diverse Namenswechsel des Unternehmens mitgemacht. Klausing war schon verantwortlich für Vertriebspraktiken, die von der Anwaltskanzlei Lachmair als „höchst anstößig“, „offensichtlich wettbewerbswidrig“ und „für die Betroffenen regelmäßig mit einem erheblichen Schaden verbunden“ beschrieben werden. Ist einer der Firmennamen verbraucht, gibt man sich einfach einen neuen.

Von „sektenartige Motivations- und Aquisitionsveranstaltungen“ ist in einer Pressemitteilung der Kanzlei die Rede, von „Money-Coach-Meetings“, in denen man darüber unterrichtet werde, wie man es – durch den Vertrieb der wechselnden Produktpalette des Unternehmens – in sieben Jahren zum Millionär bringe.

Als Geschäftszweck der AGLH sind solche Trainings ausdrücklich aufgeführt – nicht bei der öffentlichen Bewerbung, aber im Handelsregister. Dass das alles etwas kostet, davon ist auszugehen. In Landshut gibt es ein eigenes Unternehmen, das Visitenkarten, Broschüren und Bekleidung für die „Handelspartner“ von Frau Klausing anbietet. Zu recht stolzen Preisen.

Daten müssen ausgewerten werden: „Ich melde mich.“

Ob die Vertriebler nun ein Opfer dieses Unternehmens sind oder Profiteure der Praktiken? Es ist in unseren Gesprächen schwer festzustellen. Die Dame scheint auf jeden Fall ebenso Verkäuferin zu sein wie auch Vertrieblerin. Nach einer halben Stunde beendet Sie das Telefonat und verrät uns: „Demnächst werden wir unser Unternehmen erweitern und noch weitere Produkte anbieten. Das wird das Geschäft weiter ankurbeln.“

Bald will Sie sich wieder melden, um uns einen Termin in der Zentrale in München mitzuteilen. Ob wir zu einem weiteren Gespräch eingeladen werden, wollen wir noch wissen. Das wird sicher genau geprüft. Vor allem wohl, wieviel wir in unser neues Geschäft investieren würden. Mit unseren 20.000 liegen wir aber sicher gut im Rennen und warten nun gespannt auf einen Anruf.

Wer sich über weitere Betrugsmaschen, wie beispielsweise Kleinanzeigen-Betrug bei Ebay, informieren will, kann in diesem Artikel bei techfacts mehr nachlesen.

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