Grillen bei Güllegestank – Die Antwort vom Landwirtschaftsamt

Von Redaktion

Anmerkung vom 08. Juli 2010 / 10:15 Uhr:
Die Diskussion zum Thema „Grillen bei Güllegestank“ entwickelt sich langsam. Inzwischen sind wir auf ziemlich gutem und sachlichem Niveau angekommen. Damit die Diskussion nicht auf irgendwelchen Unterseiten verloren geht, holen wir den Beitrag und den letzten Kommentar einfach nochmal nach oben (mehr Kommentare zum Thema sind am Ende des Artikels oder auch im ersten Artikel):

Zunächst mal vielen Dank an Herrn Obermaier für die detailierte Stellungnahme.

Während ich Ihnen in manchen, v.a. technischen Punkten nicht zustimmen kann, weil die technologische Entwicklung mittlerweile deutlich fortfeschritten ist, stimme ich Ihnen in einem Punkt ganz deutlich überein: eine bäuerlich geprägte und gepflegte Kulturlandschaft ist ein ungemein positiver Beitrag für alle Bewohner des Tegernseer Tals.

Genau diese Aufgabe (das Pflegen der Kulturlandschaft) kann aber nur dann erfüllt werden, wenn die Existenz der Bauern langfristig gesichert ist. Eine wie derzeit betriebene Mono-Wirtschaft mit Milchvieh wird angesichts der Liberalisierung des Milchmarkts mit einhergehendem massivem Preisdruck nicht mehr das Überleben der Bauern im Tal sichern können. Das müssen alle Beteiligten einsehen. Auch regionale oder nationale Lösungen (z.B. Mindestpreis) helfen nicht: Wenn die “Chiemgauer Bauernmilch” in “Frische Alpenmilch” umbenannt wird, liegt das daran, dass die Molkerein so auch billige Milch aus den billigeren Alpenländern Österreich, Italien und Frankreich verwenden können.

Der Druck auf den Milchpreis wird auch weiter steigen. Die einzige strategische Chance, die die lokalen Bauern haben ist Diversifizierung und Differenzierung. Das heißt, zusätzliche Standbeine aufbauen und Nichenmärkte besetzen. Ein sehr guter Schritt in diese Richtung ist z.B. das Projekt “Tegernseer Landkäserei”. Weitere Diversifizierungsfelder sind Tourismus (Ferienwohnung, Hüttenvermietung, etc.) und eben ganz besonders die Energiegewinnung. Mit einem Solardach und einem genossenschaftlich betriebenem Biogaskraftwerk können die Bauern eine zusätzliche und stabile Einkommensquelle für sich erschließen. Der verminderte Geruchsbelastung ist hier quasi nur ein positiver Nebeneffekt.

Meiner Meinung nach ist es hier sehr gefährlich, sich der neuen Technologie zu verwehren und die nunmal reale Entwicklung in der Landwirtschaft zu ignorieren – am Ende führt das vom Bauernpräsidenten Sonnleitner schon immer prognostizierte Bauernsterben auch im Tegernseer Tal dazu, dass die bäuerliche Kulturlandschaft mit all ihren Vorzügen für Einwohner und Touristen gänzlich verschwindet.

Ein genossenschaftlich betriebenes Biogaskraftwerk kann dazu beitragen, dieses Szenario zu verhindern.

Ursprünglicher Artikel vom 02. Juli 2010 / 14:23 Uhr:
Das Thema Grillen bei Güllegestank haben wir gestern als Leserstimme online gestellt. Daraufhin haben sich einige Personen in die Diskussion eingeschaltet. Heute nun kommt die Reaktion von Rüdiger Obermaier. Er ist Leiter der ländlichen Strukturentwicklung beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Miesbach. Und somit ein ausgewiesener Experte in diesem Bereich.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sicherlich kann es zu unangenehmen Situationen kommen, wenn im Rahmen einer Grillparty sich der Essensduft mit Gülle-Gerüchen vermengt.
Allerdings halten wir es übertrieben, dass davon jeder zweite Tag im Sommerhalbjahr betroffen ist. Denn die Felder werden immer nach einer Nutzung gedüngt, um dem Folgeaufwuchs die notwendige Nahrung zu geben, wie den Menschen die Grillmahlzeit. Die Bauern versuchen vor einem Regen, um die Nährstoffe in den Boden einzuwaschen und effizienter zu verwerten, vor jedem Aufwuchs kleine Gaben, aber dafür möglichst zu jedem Aufwuchs die Gülle bzw. Jauche auszubringen.

Die angeblich erheblich eingeschränkte Lebensqualität durch landwirtschaftliche Emmissionen (Lärm und Gerüche) wird doch gerade im Tegernseer Tal durch eine bäuerlich geprägte und gepflegte Kulturlandschaft mehr als kompensiert. Wie würde sich die Landschaft verändern, wenn es keine oder noch weniger Bauern gäbe, die die Wiesen über den Wiederkäuermagen verwerten? Der Duft frisch gemähten Grases oder das Bild weidender Kühe wird doch Unannehmlichkeiten weniger Tage im Jahr vergessen lassen.

Der Vorschlag der Verwertung der Gülle über Biogasanlagen, um die Geruchsemmission zu reduzieren, ist leider nicht möglich. Einem solchen Vorhaben steht, gerade für kleinere Betriebe, eine mangelnde Wirtschaftlichkeit solcher Investitionen entgegen. Gras allein, ohne zusätzliche Beigaben, wie Mais oder sonstige energiereiche Pflanzen, vermindert die Gasausbeute. Eine solche Anlage kann zwar die Gerüche etwas reduzieren, dafür riecht sie etwas anders. Außerdem sollte man wissen, dass bei der anaeroben Vergärung zu Biogas die organische Substanz von den Mikroorganismen weitgehend abgebaut wird, die wir ansonsten dem Boden wieder zurückführen und zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit beiträgt.

Aus unserer Sicht eignen sich in solchen Fällen bestens freundlich gehaltene Gespräche zwischen Nachbarn, in diesem Fall zwischen städtisch orientierten Anwohnern und Bauern. Ein gegenseitiges, tolerantes Informationsgespräch mit gegenseitiger Rückmeldung, rückt die Angelegenheit sicherlich wieder in ein anderes Licht.

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger Obermaier
AELF Miesbach

Hier noch der ursprüngliche Beitrag mit der Leserstimme. Wer auch die Kommentare dazu lesen möchte, sollte direkt auf den Artikel gehen:

Grillen bei Güllegestank? Nicht jedermanns Sache! So auch für einen „Anonymen Informanten“, der uns gestern eine Mail geschrieben hat. Für ihn ist es ein ziemliches Ärgernis, dass die Bauern im Tal die Felder mit Mist düngen – als Alternative wird eine Biogasanlage vorgeschlagen. Wir geben die Email einfach unkommentiert weiter und verweisen hiermit auf die Möglichkeit, dass jeder seine eigene Meinung entweder in den Kommentaren hinterlassen darf oder uns auch eine Mail schreibt an: info@tegernseerstimme.de

Das ist die Email, wie sie uns erreicht hat:

Hallo,

bei dem schönen Wetter in den letzten Tagen tritt folgendes Szenario bei einigen Talbewohner immer wieder auf. Die Sonne scheint, es ist warm und die Metzger-Theken sind prall gefüllt mit Grillfleisch und anderen Leckerein – was liegt näher als einen schönen Grillabend mit Freunden zu verleben?

Problem dabei: die örtlichen Bauern verteilen wieder einmal fleißig Gülle über die Wiesen und Felder, was zu einer massiven Geruchsbelästigung führt. Das gemütliche Grillen und draußen auf Terasse oder Balkon sitzen kann man vergessen. Und da jeder Bauer einen individuellen Zeitplan verfolgt, um seine Felder zu düngen, kann man durchaus von April bis Oktober damit rechnen, dass an 4 von 7 Tagen mindestens einer der zahlreichen angrenzenden Bauern Gülle verteilt und es gehörig stinkt.

Für mich eine mittlerweile massive Beeinträchtigung der Lebensqualität im Tegernseer Tal!

Umwelt-technisch ist das Düngen mit Gülle ebenfalls eine Katastrophe, weil die Wiesen einseitig mit Amoniak und anderen sauren Verbindungen angereichert werden – alle Gräser und Wiesenblumen sterben ab – über bleibt nur das Sauergras und Löwenzahn.

Zugegeben, die Gülle muss ja irgendwohin – im Stall kann sie nicht bleiben. Aber im 21. Jahrhundert gibt es eine Möglichkeiten die Gülle sinnvoll, umweltschonend und wirtschaftlich attraktiv zu nutzen: Biogas-Anlagen. Diese wandeln von örtlichen Bauern herbeigebrachte Gülle in Biogas um, das entweder ins lokale Gasnetz eingespeist werden kann oder mit einem Mini-Kraftwerk direkt elektrische Energie erzeugt. Eine Biogasanlage, die Strom ins Netz einspeist, rentiert sich langfristig durch die garantierten Preise, die der Gesetzgeber nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den alternativen Stromerzeugern garantiert. Von den Einnahmen können die Landwirte hochwertigen Dünger kaufen, der die Erträge der Wiesen erhöht und gleichzeit die natürliche Beschaffenheit des Bodens wiederherstellt.

Meiner Meinung nach wäre bringt eine derartige Anlage für das Tegernseer Tal eine deutliche Steigerung der Lebensqualität mit sich, sie ist umweltfreundlich und innovativ, und sie berücksichtigt dabei die Bedürfnisse der örtlichen Landwirte.

Weiterführende Informationen finden sich u.a. hier: http://www.goethe.de/ges/umw/dos/ene/bio/de1593254.htm

Vielleicht ist das Thema ja einen Eintrag unter „Tal21“ wert? Über eine entstehende sachliche und interessante Diskussion auf tegernseerstimme.de würde ich mich auf jeden Fall sehr freuen.

Viele Grüße


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