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Tiefpunkt des Holzkirchner Einzelhandels: Ein Kommentar

Haben sich die Ortsplaner verspekuliert?

Von Marius Mestermann

Holzkirchen wächst in alle Richtungen, das ist unübersehbar. Schneller, höher, weiter lautet das Motto. Doch innerlich kommt die Marktgemeinde dem Herzinfarkt nahe. Durch die Schließung zahlreicher Traditionsgeschäfte im Ortskern bestätigt sich, was viele schon vor Jahren vorhersahen: Das Einzelhandelskonzept ist gescheitert.

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Christina Heiler will ihren Blumenladen schließen. Ihr Ziel: Konzentration auf Lieferservice und Internet.

Ein Kommentar von Marius Mestermann
Wenn Geschäfte schließen, kann das viele Gründe haben. Persönliche, finanzielle oder infrastrukturelle etwa. In Holzkirchen war in den letzten Monaten die gesamte Bandbreite zu beobachten: Der Bekleidungsladen „Ella Young Fashion“ am Oskar-von-Miller-Platz schloss angeblich aus gesundheitlichen Gründen – doch Besitzer Thomas Fremerey übte auch Kritik am verkehrsbelasteten Standort. Das von seinem Sohn geführte Geschäft, „AlexF“, ist schon seit September zu – man munkelt, dass sich der Laden schlicht nicht rentierte.

Die Geschwister Angelica und Egmont Ernst vom gleichnamigen Juweliergeschäft, direkte Nachbarn von „Ella“, wollen sich indes „neuen Herausforderungen stellen“. Und Hans Linse, der am Oskar-von-Miller-Platz bis Ende November ein Schuhhaus betrieb, musste wegen der Konkurrenz des Onlinehandels und der Nähe zu München schließen. So weit, so schade. Mit einem Schuss Naivität könnte man sagen, dass das alles nur ein ganz blöder Zufall ist. Schließlich hatten viele der nun geschlossenen Läden eine Gemeinsamkeit – sie waren mindestens 20 Jahre vor Ort.

Nimmt die Gemeinde die Gefahren nicht ernst?

Ist es also einfach ein Phänomen der natürlichen Fluktuation, und schon bald ist Holzkirchens Zentrum wieder eine prächtige Einkaufsmeile? Wohl kaum. Bereits im vergangenen Sommer zeigten Recherchen der Holzkirchner Stimme, dass vielen Händlern die Situation in der Marktgemeinde Bauchschmerzen bereitet. Als größte Herausforderung für den Einzelhandel gelten gemeinhin das „Holzkirchner Einkaufsparadies“ (HEP), die Nähe zu München und der bisweilen hohe Durchgangsverkehr im Ort.

Auf Seiten der Marktgemeinde war man jedoch stets bemüht, diese Faktoren herunterzuspielen. „Die Kommunikation mit den Geschäftsleuten ist da“, sagte Eva-Maria Schmitz von der Standortförderung im August. Und dem „Holzkirchner Merkur“ versicherte sie jüngst, dass die gehäuften Schließungen zwar schade seien, durch neue Geschäfte aber stets auch neuer Schwung in den Ort komme. Doch genau hier liegt der Fehler. Die Frage ist nämlich nicht, ob sich Interessenten für die leerstehenden Räume finden. Vielmehr muss man fürchten, dass sich Läden im Ortszentrum in Zukunft immer schwerer tun werden, sich überhaupt zu halten.

Bezeichnend ist das Beispiel von Christina Heilers Blumenladen am Marktplatz. Das Geschäft soll noch in diesem Halbjahr seine Türen schließen und deutlich verkleinert werden. Die Besitzerin wolle sich künftig stärker auf den Lieferservice per Telefon und Internet konzentrieren, heißt es in einem Bericht des „Merkur“. Im Gegensatz zu den anderen Händlern nimmt Heiler jedoch kein Blatt vor den Mund. Es sei oft nichts los, es gebe keine Parkplätze vor der Tür – was beim Kauf von Blumenkübeln nicht gerade trivial ist – und die Abwanderung der Kunden zum HEP ist mehr als nur ein diffuses Gespenst.

Wiederbelebung wird schwer

Klar ist aber auch: Die Holzkirchner „Einkaufs-Hölle“ wurde nicht nur durch das HEP entfacht. Großer Druck kommt auch vom Onlinehandel. Nun könnte man argumentieren, die Händler sollten sich dann eben neu ausrichten und das Internet verstärkt nutzen. So, wie es beispielsweise der Schreibwarenladen Strohmeier mit seinem Büchershop plant, die Domain ist schon registriert. Doch das Problem für den Holzkirchner Ortskern bleibt.

Gegen die Schließungswelle werden die Argumente von der Parkplatzfülle und den Vorteilen eines regen Durchgangsverkehrs für die Händler nicht mehr helfen. Die Gemeinde wird ihren bisherigen Ansatz der Ortsplanung und Standortförderung hinterfragen müssen. Denn während der Außenbereich boomt, stirbt der Ortskern aus.

Die Chance dazu dürfte sich im Rahmen der fortschreitenden Planungen für ein ganzheitliches Mobilitätskonzept bieten. Zwar wird der Wunsch vieler Geschäftsleute nach einer zentralen Fußgängerzone wohl nicht zu erfüllen sein. Dafür klingt der Vorschlag vielversprechend, verschiedene Treffpunkte und Standorte stärker zu verbinden und das Verkehrsaufkommen so besser zu verteilen. Die Verantwortung des Marktgemeinderates ist in dieser Sache immens, die Debatte darf gerne hart werden. Denn der Status Quo ist keine Option mehr.

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