Waakirchen wehrt sich gegen Rassismus-Stempel des BR

„Haben Sie was gegen Ausländer?“

Von Lydia Dartsch

„Haben Sie was gegen Ausländer?“, fragt Ariane Alter vom Bayerischen Rundfunk (BR) die Menschen in der Münchner Innenstadt. Und weil die Leute dort „Nein“ sagen, fährt sie nach Waakirchen auf der Suche nach rassistischen und fremdenfeindlichen Aussagen: Im Kegelstüberl wird sie fündig. Der Bürgermeister ist entsetzt.

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„Diese Neger passen nicht zu uns“, sagt der Mann, der im Waakirchner Kegelstüberl sein Bier trinkt, der Reporterin Ariane Alter vor laufender Kamera ins Mikrofon. Er stellt sich vor als „Josef aus Schaftlach“. Der Nachname wird ausgepiepst.

Die Reporterin hat ihn gerade gefragt, was er davon hält, dass nebenan Asylbewerber untergebracht sind. Der Beitrag wurde am 19. Juni in der Sendung „Puls“ gezeigt und ist seitdem auf dem YouTube-Kanal der Sendung abrufbar.

Auf der Suche nach Ausländerfeindlichkeit

„Ich sage lieber nicht, was ich gedacht habe, als ich das gesehen habe“, sagt Bürgermeister Josef Hartl auf unsere Nachfrage. Er hoffe, dass der Alkohol aus dem Mann gesprochen habe. Hartl setzt sich vehement für die Flüchtlinge ein: „Alles feine Burschen, die sogar auf Bayerisch grüßen“, wie er immer wieder betont. Dafür musste er sich mit Schmähbriefen und Rücktrittsforderungen auseinandersetzen. Hartl ist entsetzt über die Aussage von Josef aus Schaftlach.

Den Josef kenne er gut, sagt Hartl und er habe sich bereits mit einem der Männer die an dem Abend im Kegelstüberl waren unterhalten: Der Josef habe sich einen Spaß erlaubt und sich nichts dabei gedacht. Zudem habe er an dem Abend ein bisschen viel getrunken, habe Joseph zugegeben. Und in der Tat wirkt der Mann in dem Beitrag schon deutlich alkoholisiert.

Doch Hartl regt sich vor allem über den BR und das Reporter-Team auf: Ariane Alter war auf der Suche nach Menschen, die rassistisch und fremdenfeindlich eingestellt sind. Auf 20 Prozent der Deutschen treffe dies zu, das habe die Studie „Die stabilisierte Mitte – Rechtsextremismus in Deutschland 2014“ der Universität Leipzig ergeben. 33 Prozent der Menschen in Bayern seien rassistisch eingestellt, steht dort.

Helferkreis Asyl passt nicht in Rassismus-Suche

Als sie auf dem Marienplatz in München niemanden findet, der sich rassistisch äußert, fährt das Team nach Waakirchen, „weil ich weiß, dass es dort Menschen mit einer ausländerfeindlichen Einstellung gibt“, sagt die Reporterin. Einige Leute dort wollen ihre öffentlichen Toiletten nicht mit den Flüchtlingen teilen, erklärt sie im Beitrag mit Verweis auf die Tegernseer Stimme.

„Eine halbe Stunde haben sie mich interviewt“, sagt Bürgermeister Hartl. In dem Beitrag ist davon nichts zu sehen. Nur der Josef aus Schaftlach wird gezeigt. Bürgermeister Hartl und der Helferkreis, der mehr Personen zählt als Asylbewerber in Waakirchen untergebracht sind, werden nicht gezeigt.

„Eine bodenlose Frechheit“

„Ich habe wohl nicht das gesagt, was sie hören wollten“, sagt Hartl. Bestimmt war das so: Schließlich war Alter auf der Suche nach ausländerfeindlichen Äußerungen. Doch die Gemeinde bekommt – einmal mehr – den Rassisten-Stempel aufgedrückt. „Und das in ganz Bayern. Das ist furchtbar“, sagt Hartl.

Der Beitrag sei ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich ehrenamtlich im Helferkreis engagieren, die Sprachkurse geben, Fahrdienste anbieten. Für die Schule neben dem Kegelstüberl, die sie zum Sommerfest eingeladen hatten. Für die Mitglieder des Sportvereins, die mit den Flüchtlingen ein Fußballturnier veranstalten – nur zur Gaudi, wie Hartl sagt.

Journalistisch auf Bild-Niveau

Über all das spricht Alter in dem Beitrag nicht und stellt Waakirchen auf diese Weise als Rassisten-Gemeinde dar. Alter spricht auch nicht über die Nachbarn der Asylbewerber, die sich im zitierten Artikel ausnahmslos positiv über die Männer geäußert hatten.

Journalistisch ist diese Arbeitsweise unsauber, weil sie Fakten bewusst verschweigt: „Bild-Niveau“, wie Hartl sagt. Er will sich jetzt gegen diese Darstellung seiner Gemeinde in der Öffentlichkeit wehren. Den zuständigen Redakteur habe er bereits angeschrieben, sagt er. Er überlegt, ob er auch den Rundfunkrat und den Ministerpräsidenten deswegen anschreibt.

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Auch der Fußballverein wehrt sich. Gemeinsam mit dem Fernsehsender Sport 1 hat der SV Waakirchen-Marienstein nun ein Video gedreht, in dem die andere Seite gezeigt wird: Menschen, die miteinander Fußball spielen und gemütlich beieinander sitzen. Teshemi, der aus Eritrea geflüchtet ist, sagt darin, wie herzlich er in der Gemeinde aufgenommen worden sei und bedankt sich bei den Menschen.

Das Video ist als Reaktion auf den Beitrag des BR entstanden, schreibt Sebastian Krüger auf seinem YouTube-Kanal, in dem das Video veröffentlicht wurde. Krüger ist Mitglied der Fußballmannschaft und des Helferkreises. Er wollte „den Menschen da draußen zeigen, dass Waakirchen kein Dorf der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus ist. Hier wird mehr geholfen, als so mancher denkt.“


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