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Holzkirchner Geburtshelferinnen bangen um ihren Beruf

„Für die Geburt gibt es kein Rezept“

Von Cornelia Schramm

Weil sich Hebammen bald ihre Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten können, fordern sie bundesweit mehr staatliche Unterstützung. Auch in Holzkirchen gestaltet sich die Lage für viele Hebammen nicht besser. Dagmar Hofmann wünscht sich mehr Anerkennung für ihren Beruf. Ohne Entgegenkommen, befürchtet die erfahrene Hebamme, wird sich die gesamte Gebärlanschaft im Landkreis verändern.

Hebamme Dagmar Hofmann gründete die "Hebammerey" in Holzkirchen.
Hebamme Dagmar Hofmann gründete die „Hebammerey“ in Holzkirchen.

Nach dem Abitur war für Dagmar Hofmann klar: Nur ein Beruf, in dem sie Menschen in einer besonderen Lebenssituation begleiten könne, komme in Frage. Sie besuchte eine Hebammenschule und begleitete Ärzte und erfahrene Hebammen im Alltag. Nachdem sie in Harlaching auf der Entbindungsstation tätig war, machte sie sich als Hebamme in Holzkirchen selbstständig und gründete „Die Hebammerey“.

Vor, während und nach der Geburt begleitet sie Frauen in und um Holzkirchen. Jede Geburt ist für Dagmar Hofmann immer wieder aufs Neue ein „unglaubliches Erlebnis und ein ganz heiliger Moment“. Aber die erfahrene Hebamme weiß, „für die perfekte Geburt gibt es kein Rezept“.

Individuell müsse jede Frau entscheiden, ob sie sich bei der Geburt in den Händen einer Hebamme wohler fühle oder in einer Klinik. Eine Hausgeburt biete allerdings mehr Kontinuität, glaubt Hofmann. Mit der Hebamme, die einen in der ganzen Schwangerschaft begleitet hat, wäre man sehr vertraut.

Individuelle Betreuung wird großgeschrieben

Die Schwangerenvorsorge durch eine Hebamme impliziere nicht automatisch eine Hausgeburt, klärt Hofmann auf. Jede Frau entscheide nach ihren eigenen Bedürfnissen. Am Ende liege es am subjektiven Sicherheitsgefühl, erklärt sie.

Durch meine Hausbesuche entsteht eine Nähe, die man auch in die Geburt oder ins Wochenbett transportieren kann. Man kennt sich eben. So kann ich die Frau besser einschätzen, auf sie eingehen und früher spüren, wenn etwas nicht im Lot ist.

Hofmann führt pro Woche bis zu 25 Hausbesuche durch. So auch bei einer jungen Mutter in Steingau. Ihre Tochter ist gerade ein paar Wochen alt, ihr Sohn zwei. Hofmann untersucht Mutter wie Kind. So erspart sie der Mutter, anders als beim Arztbesuch, viel Zeit und Stress. Mit der Hebamme könne man auch Kleinigkeiten besprechen, die einen Arzt zu lange aufhielten. Sie verschaffe einem mehr Sicherheit im Umgang mit dem Neugeborenen.

Hofmann betont, dass Hebammenkunst nicht als „Vorteil“ gegenüber einer ärztlichen oder klinischen Betreuung gesehen werden kann. Aber als Alternative. Die Schwangerenvorsorge läuft je nach Vorliebe der Patientin entweder ganz in den Händen der Hebamme oder in abwechselnder Kontrolle mit einem Gynäkologen. Sobald größere Unregelmäßigkeiten auftreten sollten, verweist die Hebamme ihre Patientin weiter in ärztliche Betreuung. Grundsätzlich liege ihr an einer soliden Zusammenarbeit mit Ärzten und Kliniken, erklärt Hofmann.

Viel Verantwortung – wenig Geld

Als Hebamme muss sie richtig „ackern“. Viel Verantwortung und ungünstige Arbeitszeiten treffen auf Minimalgehalt, gesteht Dagmar Hofmann. Ab Sommer 2016 wird sich die berufliche Situation der Hebammen noch einmal drastisch verschlechtern. Eine merklich teurere Haftpflichtversicherung müssen die Geburtshelferinnen dann abschließen. „An sich ist der Tarif nicht teuer, nur im Verhältnis zu unserem Verdienst“, weiß Dagmar Hofmann.

Die Hausgeburtenrate liegt in Deutschland bei rund einem Prozent. Pro Geburtsbetreuung verdient eine Hebamme knapp 700 Euro. Allein um die Haftpflichtversicherung berappen zu können, müsste eine Hebamme rund zehn Frauen im Jahr betreuen. Und dann hätte sie noch nichts zum Leben verdient, rechnet Hofmann vor. Deshalb der Aufruf der erfahrenen Hebamme: „Es ist bereits fünf nach zwölf – unser Beruf steht vor dem Aus“.

Hebamme Dagmar Hofmann nimmt sich viel Zeit für Mutter und Kind.
Hebamme Dagmar Hofmann nimmt sich viel Zeit für Mutter und Kind.

Für viele freiberufliche Hebammen, die im Landkreis auf Geburtstationen tätig sind, würde dies das Aus bedeuten. Die Petition des Hebammenverbands e.V. läuft derzeit, sowie die Verhandlungen mit dem Gesundheitsminister. Hofmann würde sich auch von Kommunalpolitikern mehr Interesse wünschen. Wie immer mahlen die politischen Mühlen langsam, weiß die Holzkirchner Hebamme. Die Situation würde nicht als dringlich empfunden.

Was die Politiker scheinbar nicht sehen wollen: Im schlimmsten Fall könnte sich die gesamte Gebärlandschaft im Landkreis verändern. Kleinere Geburtstationen müssten schließen und Frauen müssten zur Geburt weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. Die Zahl an Krankenwagengeburten sowie der nicht betreuten Geburten würde zunehmen. Ein Rückschritt für den Landkreis, der geburtshilfetechnisch derzeit viel zu bieten habe, erklärt Dagmar Hofmann. „Das Thema sollte jeden interessieren, der Kinder kriegen will oder der Kinder hat“, schließt die Hebamme.

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