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Im Gespräch mit Schriftsteller Martin Calsow

„Holzkirchen hat das Zeug zum Thriller“

Von Daniela Otto

Das Grauen sucht den Landkreis heim: Auch in seinem zweiten Regionalthriller „Quercher und der Volkszorn“ hinterfragt der Wiesseer Schriftsteller Martin Calsow die vermeintliche Idylle der oberbayerischen Region penibel. Ein sadistischer Kinderentführer treibt sein Umwesen und das zornige Volk fordert die Folter. Dabei spielt der Krimi nicht nur im Tegernseer Tal – auch Holzkirchen hat das Potential zum dramaturgischen Setting.

"Ich will nicht den Trugbildern einer Postkartenidylle ein weiteres hinzufügen" - Martin Calsow beobachtet seine Heimat genau.
„Ich will nicht den Trugbildern einer Postkartenidylle ein weiteres hinzufügen“ – Martin Calsow beobachtet seine Heimat genau.

Holzkirchner Stimme: In Ihrem Buch steht der Satz „Kurz hinter Holzkirchen beginnt das Paradies“. Jetzt sind wir ein bisschen gekränkt. Hat Holzkirchen nicht das Potential zum himmlischen Idyll?

Martin Calsow: Das Gegenteil ist richtig. Vom Tal aus gesehen, ist Holzkirchen der erste Ort, der für junge Familien erschwinglich und verkehrsgünstig liegt. Ab Holzkirchen wird es immer älter und teurer. Der Markt Holzkirchen hat zudem Gewerbe. Das wiederum macht ihn nicht so abhängig vom Tourismus wie das Tal. Aber in einem Punkt haben sie Recht. Von wo man auch immer kommt: passiert man auf der A8 die Ausfahrt Holzkirchen, kann man in diesen Tagen das Fenster öffnen und den Geruch vom frisch gemähten Heu einatmen. Das Leben wird leichter.

Ein Rechtspopulist steigt auf

Holzkirchner Stimme: Herr Calsow, ihr zweiter Provinzkrimi vom Tegernsee ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Sie haben diesmal einen schweren Brocken angefasst: Einerseits die Entführung von vier Kindern aus dem Tal, andererseits den Aufstieg eines Rechtspopulisten. Ist das eine unverhohlene Anspielung auf die AFD?

Martin Calsow: Nein, es ist nicht die AFD, aber ich beschreibe die Mechanismen dieser neuen Protestbewegungen. Sie haben ja meist als Kern „Angst“ und „Unzufriedenheit“. Bei mir ist es der Unwillen und das Unverständnis vieler Bürger mit der deutschen Rechtsprechung. Sie hat sich vom Verständnis vieler Menschen entfernt, wirkt unnahbar, zuweilen nachgerade arrogant: Urteile, speziell im Strafrecht, können viele Menschen kaum nachvollziehen. Es wird auch nicht mehr erklärt. Da hat sich eine eigentümliche Allianz aus Juristen, Sozialarbeitern und Gutachtern eine eigene Welt geschaffen. Das ist der Nährboden für meine fiktive Bewegung.

Holzkirchner Stimme: Sie beschreiben diesen Aufstieg vor dem Hintergrund eines Medienhypes um die Entführung. Sie selbst haben lange Jahre im Boulevard-TV gearbeitet, eine Art Sühne?

Martin Calsow: Ja, vielleicht nicht Sühne. Aber rückblickend erkenne ich die Mechanismen und sehe auch meine Arbeite in diesem System kritisch. Ob Wulff, Edathy oder Mollath – immer gleichen sich die Erhitzungen, die kurzen Aufwallungen. Der Weg, den die Medien zur Zeit, auch unter größter Existenzangst, gehen ist nicht hilfreich dabei.

Das Tal als „Gottes Warteraum“

Holzkirchner Stimme: Wie auch in Ihrem ersten Buch gehen sie mit den Einwohnern nicht zimperlich um. Man möchte glauben, dass es sich um eine Ansammlung von fiesen Reichen, dumpfen Ureinwohnern und resignierten Dagebliebenen handelt. Da ist die Beschreibung des Tals als „Gottes Warteraum“ noch glimpflich.

Martin Calsow: Naja, wie bereits angedeutet: es ist unbestritten, dass das Tal überaltert. In meinem Heimatort liegt der Altersschnitt bei Mitte 50. Dem örtlichen Gymnasium gehen die Schüler aus, und der Zuzug von jungen Familien wird auch nicht oder nur wenig forciert. Bis auf Gmund ist da keine Gemeinde bereit, nachhaltig gegenzusteuern. Ich beschreibe lediglich eine Entwicklung. Ich will nicht den Trugbildern einer Postkartenidylle ein weiteres hinzufügen.

Das Böse treibt sein Umwesen - Martin Calsows neuer Roman räumt mit dem Klischee der heilen Landkreiswelt auf.
Das Böse treibt sein Umwesen – Martin Calsows neuer Roman räumt mit dem Klischee der heilen Landkreiswelt auf.

Holzkirchner Stimme: Wer das Tal kennt, erkennt im „Volkszorn“ ja auch einige lebende Figuren wieder. Absicht oder nur Spielerei?

Martin Calsow: Mir ging es nie um reale Figuren, eher um Muster. Prototypen wie den alten Verleger, den gierigen Immobilienmakler, den ehrgeizigen Polizisten oder auch der wahnsinnigen Extremsportlerin. Mit denen spiele ich.

„Holzkirchen bietet viel Stoff“

Holzkirchner Stimme: Gutes Stichwort. Extremsport ist nicht ihrs, so wirkt es jedenfalls.

Martin Calsow: Ich habe mit Extremen grundsätzlich meine Probleme. Wenn ich die verbissen dreinschauenden Mountainbiker sehe, die Skifahrer, die abseits der Pisten in Lawinen zu Tode kommen, ist mir das fremd. Das stimmt. Aber so lange sie das in einem für die Allgemeinheit erträglichen Rahmen machen, ist es mir wurscht. Mich stört, dass sie als Helden zuweilen gefeiert werden. Das sind sie wirklich nicht.

Holzkirchner Stimme: Werden Sie in Ihrem nächsten Quercher-Krimi weiterhin thematisch im Tal bleiben oder ist auch einmal Holzkirchen Kulisse?

Martin Calsow: Ich werde garantiert aus dem Tal gehen. Holzkirchen bietet sich ja mit einigen Dingen auch an. Die Fernstraße vor der Tür, ein internationaler Pharmakonzern und Praktiken ehemaliger Kommunalpolitiker. Da ist viel Stoff!

Holzkirchner Stimme: Letzte Frage: Welche Kritik würde Sie besonders treffen?

Martin Calsow: „Sein Buch ist eine leichte Urlaubslektüre !“ (lacht)

Neugierig geworden? Martin Calsow kommt nach Holzkirchen. Die Lesung findet am Donnerstag, den 25. September 2014 um 20 Uhr in der Holzkirchner Bücherecke statt.

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