„Ich glaube an den schnellen Atomausstieg“

Von Redaktion

Wasser, Wind und Sonne - für regenerative Energie gibt es im Tal viele Möglichkeiten

Glühlampen werden verboten. Atomkraftwerke abgeschaltet. Ökostrom boomt. Mit der Energiewende Oberland wird auch bei uns einiges versucht, um in Zukunft alles besser zu machen.

Bis zum Jahr 2035 soll der gesamte Landkreis Miesbach energieautark werden. Insgesamt etwa 50 Beteiligte – Vertreter der Gemeinden und andere Akteure ‒ haben das Konzept bereits vor einiger Zeit auf den Weg gebracht. Landkreisentwickler Toni Scherer wacht über die Umsetzung in den einzelnen Kommunen und zeigt sich dabei sehr optimistisch:

„Ich glaube fest daran, dass wir mit unserer eigenen Energie auch unseren eigenen Verbrauch decken können.“ Allerdings sei dazu auch notwenig, dass „wir unsere Art und Weise, wie wir leben, ändern“. Wir müssen uns wieder in Mäßigkeit üben, anstatt in Saus und Braus zu leben, davon ist der Kreisentwickler überzeugt. Dass alle zusammenarbeiten, sei der Grundgedanke des Konzepts, deshalb heiße es „integriert“.

Im Gespräch mit E-Werk Direktor Dr. Norbert Kruschwitz

Dass sich auch die Bürger in den Tal-Gemeinden stärker engagieren, darauf hofft der Kreisentwickler. Denn nur durch tatkräftiges und durchdachtes Handeln kann der Klimawandel auch im lokalen zielgerichtet angegangen werden.

Ob die Ziele der Energiewende realistisch sind und was unter anderem der Atomausstieg für die Strompreise im Tal bedeutet, haben wir Dr. Norbert Kruschwitz, Direktor des Elektrizitätswerks Tegernsee gefragt.

Im Gespräch: Dr. Norbert Kruschwitz

Tegernseer Stimme: Herr Dr. Kruschwitz, glauben Sie an den schnellen Atomausstieg?
Dr. Norbert Kruschwitz: Ja. Was Deutschland angeht, bin ich davon überzeugt. Aber wir sind von Ländern mit Nuklearanlagen umgeben. Dort ist der Ausstiegswille eher unterentwickelt.

Atomstrom gilt als billig. Heißt das also, dass wir in Zukunft einen höheren Strompreis akzeptieren müssen?
Was heißt in Zukunft? Diese Entwicklung haben wir ja schon. Seit es im März hieß, dass sechs Atomkraftwerke im Moratorium abgeschaltet werden sollen, ist der Strompreis auf den Großhandelsmärkten um 20 Prozent gestiegen. Das ist in dieser Deutlichkeit bloß beim Bürger noch nicht angekommen. Unsere Verträge sind über mehrere Jahre festgeschrieben. Aber in ein bis zwei Jahren wird sich das deutlich auf die Strompreise auswirken.

Mit diversen Verboten versucht der Staat Energie zu sparen. Bringen uns Energiesparlampen aber wirklich weiter?
Der Anteil, den das Licht an der Strommenge ausmacht, wird immer überschätzt. Er liegt nur bei etwa 10 Prozent. Die paar Haushaltslampen machen nicht viel aus.Und dass die EU quecksilberbelastete Enerigesparlampen vorgeschrieben hat, die darüber hinaus auch noch andere giftige Stoffe abgeben, halte ich für einen ökologischen Treppenwitz. Da ist wenig eingespart worden.
Am meisten Energie im Haushalt verschlingt die Heizung und Geräte wie Spülmaschinen, Kühlschränke, Waschmaschinen. Hier energieeffiziente Geräte einzusetzen, macht Sinn.

Wie sieht es denn bei uns aus – ist der Landkreis Miesbach bis 2035 wirklich energieautark?
Ach, wissen Sie, Horizonte bis 2035 kann man durchaus visionär eröffnen. Aber für den Landkreis Miesbach alleine habe ich da meine Zweifel. Autark können wir nur werden, wenn wir über den Landkreis hinaus die regenerativen Energiequellen ausnutzen: Wasserkraft und Windkraft zum Beispiel. So kann sicherlich eine höhere Abdeckung erreicht werden. Nur auf örtlicher Ebene wird das schwierig.

Ist es für Sie überhaupt möglich, sich auf die Energiewende Oberland einzustellen?
Das ist nicht die entscheidende Frage. Die Ratschläge sind sicher gut gemeint. Aber ob man damit Autarkie erreicht, ist fraglich.

Was müsste man also tun, um den Ausbau erneuerbarer Energien wirklich zu beschleunigen?
Nur auf den Ausbau regenerativer Energien zu setzen ist zu einseitig. Am meisten gewinnen wir mit dem Ausbau der Energieeffizienz: Wärmedämmung in Altbauten, an Dächern, Fenstern, Türen und Wänden. Auch mit moderner Straßenbeleuchtung ist viel zu machen. Alte Laternen brauchen noch 120 Watt, die neuesten Entwicklungen liegen bei etwa 10 – 15 Watt.

Insgesamt braucht es aber auch einen ausgewogenen Energiemix: Wind, Wasser, Sonne und Biomasse. Vor Einseitigkeit will ich aber warnen. Am Tegernsee wird beispielsweise traditionell viel mit Holz geheizt. Würden dazu noch viele große Hackschnitzelheizungen errichtet, bekommen wir ein Problem mit der Luftqualität. Das gefährdet langfristig auch das „heilklimatische“ Prädikat im Tal.

Was ist Ihre persönliche Prognose für die Zukunft des Energiemarktes?
Der Markt geht eindeutig in Richtung erneuerbare Energien. Man wird aber bald erkennen, dass das nicht ausreicht. Und da die Atomkraft langfristig abnehmen wird, werden andere Kraftwerks-Typen wie Gas-, Kohle- oder Wasserkraftwerke eine Renaissance erleben. Bis hin zum Bau von neuen Kraftwerken. Ob man sie haben will oder nicht, wir (ver-)brauchen nun mal eine Menge Energie. Eine andere Möglichkeit wäre, man schafft per Gesetz alle Kraftwerke ab und wir nehmen in Kauf, dass wir ab und zu im Dunkeln sitzen. Das wäre vielleicht manchmal ganz heilsam.

Herr Dr. Kruschwitz, wir Danken für das Gespräch!


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