Immer in Balance bleiben – Vom Leben und Laufen des Damian Zmudzinski

Von Rose Beyer

Nachmittags halb drei in Weißach. Zügig joggt ein Läufer den Damm entlang. Vor sich einen dieser dreirädrigen Kinderwägen. Was ein wenig verwundert, ist der eckige, leicht pendelnde Gang.

„Das kommt durch die Krankheit“, erzählt Damian Zmudzinski im Gespräch. Der 36-Jährige leidet seit rund zehn Jahren am unheilbaren Morbus Bechterew, einer chronisch entzündlichen rheumatischen Erkrankung mit Schmerzen und Versteifung von Gelenken. Das Leiden betrifft vorwiegend die Lenden- und Brustwirbelsäule und die Kreuzbeingelenke. Außerdem kann es zu Entzündungen der Augen kommen.

Die Krankheit hat ihre Spuren hinterlassen. Ernst sieht er aus. Trotzdem blitzen seine Augen voller Tatendrang. Er will laufen, sagt er. Für ihn sei das wie eine Therapie zum Überleben. „Den Schmerz muss man lieben und akzeptieren“, sagt er. Die Ärzte hätten die Krankheit im Griff. Medizinisch sei erwiesen, dass Ausdauersport und Krankengymnastik sich positiv auf Rheumakranke auswirken.

Doch die Gelenke sind nicht mehr voll belastbar. Deshalb sieht der Laufstil etwas eigentümlich aus. Bergabpassagen sind vom Trainingsplan gestrichen. Die Strapazen für Knöchel, Knie und Hüfte wären zu groß. Am Knöchel muss er wegen einer Entzündung gespritzt werden. Zusätzlich zu den regelmäßigen Medikamenten, die ihm sein Leben erleichtern.

Von 68 auf mehr als 90 Kilo

Er holt die Packung Einmalspritzen aus dem Kühlschrank. „6.000 Euro.“ Alle zwei Wochen verabreicht er sich selbst eine der Dosen in den Bauch. Alle drei Monate muss er nach München zum Gesundheitscheck. Immunsystem und Blutwerte werden geprüft. Gegebenenfalls wird die Dosis neu eingestellt.

Zmudzinskis Patientengeschichte bis zur Entdeckung der richtigen Medizin – eine Odyssee. 2003 wurde die Krankheit diagnostiziert. Bis dahin wanderte der im polnischen Gleiwitz geborene Koch von einer Praxis zur nächsten. Eine Zeitlang wurde er mit Kortison behandelt. Nahm von 68 Kilo bis auf mehr als 90 Kilo zu. Das scheinbare Aus für das vielversprechende Marathontalent.

„Ich sitze gern in der Sauna wie eine Katze“, erzählt er. In der kalten Jahreszeit trifft man ihn mehrmals die Woche im Badepark, wo er die Wärme genießt. Jetzt, wo das Rottacher Warmbad geschlossen ist, weicht er nach Bad Wiessee aus, um im Wasser zu trainieren. Aquajogging ist schonend für die Gelenke, und die Wärme tut ein Übriges, um die Schmerzen zu lindern.

Immer in Balance bleiben

Sein Leben ist ein ständiges Balancehalten geworden. Um die Schmerzen zu ertragen. Das wirkt sich auf seinen Alltag aus. Er meidet es, unter Leute zu gehen – aus Angst, sich eine Erkältung einzufangen. Und tariert ständig seine Trainingszeiten aus. „Ich laufe nur, wenn es geht“, erzählt er. Er hat gelernt, auf seinen Körper zu hören. Und manchmal geht es eben mal einen ganzen Monat gar nicht.

Balance halten. Auch im Berufsleben. Das dauerhafte Stehen als Koch sei sehr anstrengend, sagt er. Zehn Stunden am Stück im Hotel in der Küche. Dazu die Kälte-Wärme-Schocks durch den Gang zum Kühlhaus. Ein ständiges Aufpassen. Die dauernde Vorsicht. Eine aufreibende Angelegenheit. Durch die körperliche Belastung versteifen die Gelenke. Der runde Rücken zeige die Krankheit, verrät er.

Um vier Uhr steht er morgens auf. Um fünf Uhr beginnt die Schicht beim Hotel Bachmair am See. „Meiner Familie zuliebe mache ich Frühschicht“, sagt er. Frühstücksbuffet für Personal und Gäste vorbereiten. Gegen 14 Uhr ist der Arbeitstag meist beendet. Dann kann er sich um seine Frau Ewa und den dreijährigen Jacob kümmern.

Den Tegernseelauf als Sechzehnter absolviert

Beim Tegernseelauf

Die ideale Kombination: das Training mit dem Sohn verbinden. Früher klappte das prima. Und Ewa konnte nachmittags problemlos arbeiten. Beide haben keine weiteren Verwandten in der Nähe.

Als Baby schlief der Junge seine ein bis zwei Stunden im Jogger, bis Papa seine Runden gelaufen war. Jetzt sei das schon schwieriger, sagt Zmudzinski. Das Sitzenbleiben im Wagen erfordere Überredungskunst. „Meistens gibt’s dann in Wiessee eine Bretzn.“

Die Strecke um den See: Zmudzinski kennt jede kleine Steigung, jede Wegbiegung. Auch den Tegernseelauf hat er schon mitgemacht. Ist Sechzehnter geworden. „Ich hätte auch Fünfter werden können“, berichtet er.

Aber da sei wieder die Geschichte mit der Balance. Wenn er sich zu sehr anstrenge, fordere der Körper dafür seinen Tribut. Eine Erkältung oder eine Grippe würde folgen. Die Abwehr sei geschwächt, sagt er. Die ständige Angst vor einem Husten oder Schnupfen verfolge ihn.

“Das sei wie die Krankheit zu besiegen”

„Ich plane nicht.“ So lautet seine Antwort auf alle Frage, die die Zukunft betreffen. Seine Krankheit zwinge ihn dazu. Das betrifft vor allem seine läuferischen Ziele. Wenn es geht, läuft er mit. So wie beim Comrades Marathon, dem wohl traditionsreichsten und teilnehmerstärksten Ultramarathon weltweit. Er wird zwischen den südafrikanischen Städten Durban und Pietermaritzburg ausgetragen. Die Streckenlänge misst 89 Kilometer.

Auch einen weiteren Traum, die Teilnahme am sogenannten Otter Trail, hat er sich bereits erfüllt. Der Otter Trail gilt als die beeindruckendste Wanderroute in Südafrika und ist sehr beliebt bei Touristen und Einheimischen. „Normale“ Menschen durchlaufen die 42 Kilometer lange, bergige Route in fünf Tagen.

Für viele Trail Runner ist dieses Rennen im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung (The Otter Run und The Otter Rumble) der „Heilige Gral“ schlechthin. Die technischen und läuferischen Anforderungen sind extrem hoch. Das Laufen gibt Zmudzinski eine gewisse Freiheit zurück. Sich bei einem derartigen Lauf durchzubeißen, das sei, wie die Krankheit zu besiegen.

Beim Otter Trail im vergangenen Jahr
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