Jägerin aus Leidenschaft

Von Rose Beyer

Freitag mittags um zwölf Uhr auf einer Waldlichtung am nördlichen Ende von Waakirchen. Es sind Momente, die Marianne Bromme liebt. Eingepackt in warme grüne Kleidung draußen auf dem Hochsitz zu sein, um das Naturerlebnis zu genießen.

Hier am Fuchsloch endet ihr Jagdrevier. „Die halbe Straße gehört noch mir.“ Drüberhalb beginnt das Reich der Reichersbeurer Jäger. Straßen und Bahnlinien bilden die Grenzen.

„Ich habe mein Leben um die Jagd herum aufgebaut“, erzählt die gebürtige Gmunderin. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, wurde Marianne Bromme schon früh mit dem Leben im Wald konfrontiert.

Immer wieder kamen Jäger auf den Hof, um ihrem Vater geschossenes Wild vorzuzeigen. Sie sei da einfach hineingewachsen. Das Naturerlebnis fasziniere sie. Das sei damals schon so gewesen. Und hätte bis heute nicht nachgelassen. Für sie sei es ganz normal, jetzt auch auf die Jagd zu gehen, erzählt sie.

Die Brommes sind Jäger – durch und durch

Die Luft riecht wild und würzig. Sonnenstrahlen brechen durch den Fichtenstand an diesem Dezembertag. Von Wild ist jetzt nichts zu sehen. Wenn man nicht daran denkt, worum es eigentlich bei der Jagd geht, könnte man glatt ein wenig verklärt werden.

Erst in den Abendstunden oder am frühen Morgen spüren die Jäger ihre Beute auf. Manchmal auch nachts, wenn die Sichtverhältnisse das zulassen, beispielsweise bei Vollmond.

Ein Geländewagen steht vor einer Doppelhaushälfte in Waakirchen. Es ist der schwarze Wagen der Brommes. Das Jägerleben wird schon von außen sichtbar. Geweih an der Garage. Sitzende Rehskulptur am Treppenabsatz. Neben dem Hauseingang eine Holzhütte. „Das ist der ganze Stolz meines Mannes“, erzählt die Jägerin. Blitzblanke, weiße Fliesen darin. Ein großer Kühlschrank und eine Kühltruhe. Die sogenannte „Zerwirkkammer“ von Georg Bromme ist der Raum, in dem das Fleisch gelagert wird, bis es einen Abnehmer gefunden hat.

Die grün-weiße Holztüre lässt weiteres Jagdutensil im Hausinneren erwarten. Beim Eintreten begrüßt einen „Bessy“, die aufmerksame Draathaarhündin der Familie.

Mit ihren elf Jahren ist sie schon ein wenig in die Jahre gekommen, sagt die Hausherrin. Trotzdem eine wertvolle Helferin auf der Jagd. Ein gut ausgebildeter Jagdhund ist aus Tierschutzgründen laut Gesetz vorgeschrieben.

Jagdpflicht und Jagdrecht

In Deutschland ist das Jagdrecht seit 1850 an das Grundeigentum geknüpft. Und es darf nur in Jagdbezirken ausgeübt werden, deren zusammenhängende land-, forst- und fischereiwirtschaftlich nutzbare Fläche eine bestimmte Größe aufweist.

Aber es besteht auch Jagdpflicht. Schalenwild – also jagbare Huftiere wie Rot-, Elch-, Dam-, Sika-, Reh-, Gams-, Stein-, Muffel- oder Schwarzwild sowie Wisent – muss im Rahmen von Abschussplänen erlegt werden.

„Eine ordentliche Jagd ist mir wichtig“, beteuert Marianne Bromme. Dazu gehöre ein geregelter Plan, der Tierschutz ohne langes Leiden, aber auch genügend Ruhe für die Tiere. „Wenn wir an einem Platz gejagt haben, gehen wir erstmal woanders hin.“

Groß genug ist ihr Jagdrevier, das sie vor sechs Jahren übernommen hat. Über 700 Hektar erstreckt es sich. Vom Fuchsloch bis hinüber nach Riedern. Eine große Fläche, noch dazu für eine Frau.

40 Hochsitze stehen im Revier. Meist stehen sie gut getarnt in den zugewachsenen Haagen. Nur jetzt in der vegetationslosen Zeit sieht man die Verschläge, die fast alle Georg Bromme – Mariannes Ehemann – gebaut hat.

„Jeder macht das, was er am besten kann“, berichtet die 60-Jährige. Die schweren Arbeiten gebe sie gerne ab – das Bauen der Hochsitze oder das Tragen der rund 10 Kilo schweren Salzsteine, die gerade im Frühjahr für die weiblichen Tiere so wichtig seien. Kurz bevor der Nachwuchs angesagt sei – im Mai.

Gerade am Anfang des Jagdjahres im April gäbe es mehr als genug Arbeit. Dann müssten die Hochsitze kontrolliert und ausgebessert werden, manche zugewachsene Stellen geschnitten und das Wild beobachtet oder Pirschwege gefegt werden.

Da trifft es sich gut, dass Mann und Sohn Sebastian beide ausgebildete Jagdaufseher sind und im Revier mitjagen. Auch Tochter Anna ist gerade damit beschäftigt, den Jagdschein zu machen.

„Das Jagen macht mir einfach Freude“

Die Jagd gehört bei Brommes mit zum Alltag. Auch die Wochenenden werden damit zugebracht. Entweder ist man mit dem eigenen Revier beschäftigt oder es steht ein Ausflug in andere Reviere oder ein Jagdessen an. Für die Familie gehört das mit dazu zum Leben.

„Mir macht es einfach Freude“, gibt Marianne zu. Im Haushalt wird das waidmännische Leben deutlich sichtbar. Zahlreiche Bilder mit Wildtieren an den Wänden. Das Geschirr mit dem grünen Hirschen als Motiv. Oder die bestückten Gams-Trophäen auf dem Schreibtisch.

Jede Trophäe bekommt eine individuelle Aufschrift. „Wir schreiben auf, wann und wo wir das Tier gefunden haben“, erzählt Bromme. Denn jedes Stück erzählt seine persönliche Geschichte. So wie die von dem Hirschen, den sie „den Blinden“ genannt habe. Das sei ein Tier gewesen, das seinen Kopf immer ein wenig schief hielt – ein Zeichen, dass er auf dem einen Auge nichts gesehen habe.

Der Wald hat Vorrang für die Waidmannsfrau. Und für das Leben im Tegernseer Tal ist er ein wichtiger Faktor. Das schließt für sie nicht aus, dass es für Wald und Wild ein gutes Nebeneinander gibt. Trotzdem erwärmt sie sich für das Beutemachen. „Sonst könnte ich ja einfach so spazieren gehen oder mit dem Fotoapparat unterwegs sein.“

Wer wird den kapitalen Hirsch schießen? Der uralte Jagdinstinkt wird zwiespältig gesehen.

In der Bevölkerung ist das Jagen nicht unumstritten. „Der Wald ist die Schießbude der Jäger.“ Solche Sprüche hören Jäger nicht gerne. Sie selbst sehen sich nicht als bloße Richter über Leben oder Tod.

Das ausgewogene Verhältnis zwischen Waldwuchs und Wild sei schon eher die eigentliche Aufgabe der grünen Zunft. Es geht um Abschusszahlen. Und die sorgen häufig für heiße Diskussionen zwischen Waldbesitzern und Jägern.

Während die einen den Waldverbiss beklagen, geht es manch anderem darum, so wenig wie möglich zu schießen. Gefühlsduselei um Bambi und Co. sei jedenfalls fehl am Platz. Und jedes Waldgebiet anders strukturiert, erläutert Marianne Bromme.

In Kreuth gäbe es beispielsweise mehr Rotwild, das naturgemäß mehr Verbiss anrichtet als das in Waakirchen beheimatete Rehwild. Insgesamt gibt es 350.000 Jäger in Deutschland, knapp 50.000 davon in Bayern. Und manch einer – so die Kritiker – sieht es offenbar als gute Gelegenheit, die schöne Naturerfahrung mit dem Nützlichen – der Erlegung eines schmackhaften Wildbrets – zu verbinden.

Auch immer mehr Frauen pirschen sich an eine der letzten Männerbastioen heran. Rund 20 Prozent beträgt die Frauenquote. Für Bromme selber spielt es keine Rolle, dass sie eine Frau sei. Können und Erfahrung lassen das Geschlecht in den Hintergrund treten, ist sie sich sicher.


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