Konzert im Pfarrsaal: Das Tal feiert musikalische Asylbewerber
Jant Bi and friends: Auf einer Wellenlänge

von Marius Mestermann

So gelöst sieht man sie selten: Beim Konzert der senegalesischen Trommlergruppe gestern Abend in Tegernsee war zu spüren, dass etwas Besonderes geschieht. Das Publikum war begeistert von den Musikern, die sich wiederum sehr über die ausgelassene Stimmung freuten. Sehen Sie die Highlights des außergewöhnlichen Abends mit einigen Überraschungsgästen – nur bei der Tegernseer Stimme.

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Eva-Maria Fricke ist gerade auf dem Weg der Genesung von einem Krankenhausaufenthalt. Ihre ehemaligen Schützlinge wollten deshalb nicht, dass sie am Donnerstag zum Konzert nach Tegernsee kommt. Doch für Fricke ist es eine Herzensangelegenheit: Sie fährt von Inning am Ammersee ins Tal, um die Darbietung des senegalesischen Trommler-Ensembles „Jant Bi“ zu erleben.

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Und sie ist nicht allein. Kurz vor 18 Uhr ist der Pfarrsaal der evangelischen Kirche in Tegernsee schon randvoll, weit über hundert Zuschauer sind dem Ruf der Asylbewerber gefolgt und warten gespannt auf das, was kommt. Das außergewöhnliche Konzert geht auf die Initiative von Dr. Agnes Wagner und Arwen Haase zurück. Die beiden Frauen haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Afrikanern, die so gerne musizieren würden, ihren Wunsch zu erfüllen.

Auftritt in Tegernsee – Besuch aus Inning

Seit einigen Wochen probten deshalb rund ein Dutzend Senegalesen mit geliehenen „Djembés“ für den großen Auftritt. Bereits im vergangenen Sommer waren sie gemeinsam aufgetreten, um den Bürgern von Inning am Ammersee für ihre Unterstützung zu danken. Damals war Eva-Maria Fricke (im Video am hellblauen Pullover zu erkennen) verantwortlich für das Zustandekommen. Jetzt besucht sie die Asylbewerber, die ihr sehr nahe stehen, eben in Tegernsee.

Doch damit nicht genug: Neben dem angekündigten Auftritt von „Jant Bi“ überraschte eine nigerianische Tanzgruppe das Publikum mit ihrer Darbietung. Zudem hatten Mitglieder der Band „afasia music“, die der Haushamer Ludwig Pschierl unter anderem mit der Gitarre begleitet, einen Gastauftritt.

Den Zuschauern gefielen Musik und Tanz so gut, dass sie am Ende sogar mit den Asylbewerbern zur Musik tanzten. Auch der Nigerianer Emmason, den viele als Chorsänger kennen, ließ sich diese Show nicht entgehen. Auf Facebook schreibt Zuschauer Thomas Barnstorf: “SUPER !!! Das ist gelebte Integration in Tegernsee. Der Saal war super aber zu klein. Viele standen vor der Tür aber der gute Sound war auch draußen bestens zu hören 😃” Und Claudia Walch, eine Helferin aus Kreuth, beschreibt ihre Eindrücke:

Es ist eine tolle Sache, dass die Asylbewerber die Gelegenheit bekommen so ein Konzert zu geben. Und sie bekommen ja auch Bestätigung für ihr fröhliches Musizieren. Mich hat das ganz stark berührt – man gibt ihnen die Möglichkeit, mal anders aufzutreten als als Bittsteller.

Der 37-jährige Senegalese Ibrahima Sane, der als Leiter der Gruppe „Jant Bi“ gilt, wurde vor kurzem nach Warngau in die neuen Wohncontainer verlegt. Dennoch kommt er so oft wie möglich nach Tegernsee, um mit seinem Kollegen zu trommeln und zu singen. Sane bedankt sich in einer Rede nicht nur bei den Bürgern, sondern ausdrücklich auch bei Bürgermeister Johannes Hagn.

Doch eine Sache liegt ihm auch an diesem fröhlichen Abend sehr am Herzen. Ibrahim Sane will, dass die Deutschen verstehen, warum sich so viele Senegalesen auf den Weg nach Deutschland machen, wo doch im Heimatland kein Krieg herrscht. In eindringlichen Worten erklärt der ausgebildete Erzieher, dass im Senegal teils prekäre Verhältnisse und große Armut herrschen, denen er und seine Landsleute entfliehen wollen:

Wir Senegalesen sind offen, aber auch ruhig. Wir wollen uns integrieren, wir lernen Deutsch und wollen gerne arbeiten.

Eva-Maria-Fricke beschreibt Ibrahim als das „Herz“ der Gruppe. Ihre Verbundenheit mit den Afrikanern ist durch die Musik noch stärker geworden. So ausgelassen wie an diesem Donnerstagabend hat auch Fricke ihre Freunde selten gesehen.

Auch Organisatorin Arwen Haase zeigt sich vom Konzertabend begeistert und berichtet von ersten erfreulichen Konsequenzen: “Eine Dame hat uns ihre Trommel geschenkt. Es ist schön, dass unser Publikum das Potenzial der Künstler erkennt und dass es deren Talent fördern möchte.” Doch es gebe auch noch einiges zu verbessern:

Nach wie vor denke ich, dass die Band regelmäßig proben müsste. Nicht nur mit Hinblick auf ein Konzert, sondern für sie selbst. Durch die Musik können sie sich kreativ entfalten, das Musizieren schafft eine Insel in der Zeit, die fern von ihrem Alltag in der Halle samt Zukunftssorgen ist. Zudem schweißt es die Gruppe zusammen. Wir suchen derzeit noch nach einem Raum nahe der Asylunterkunft, wo einmal die Woche eine Band-Probe stattfinden könnte.

Der Ausklang des Abends war dann auch mit einigen Emotionen verbunden, schildert Haase: “Nach all der Euphorie und Ausgelassenheit kam dann ein Moment der kleinen und großen Abschiede. Mittlerweile sind wir wie eine große Familie.

Das Trommel-Konzert hat alle wieder zusammengebracht: Den Band-Leader, Ibrahima Sane, der im Dezember nach Warngau transferiert wurde und die ehemalige Betreuerin aus der Asylunterkunft in Inning am Ammersee. Ein dutzend unterschiedliche Menschen vereint derselbe Wunsch: Zusammen Musik machen und nie wieder getrennt werden.”

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