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Im Gespräch mit Sebastian Franz, Holzkirchens jüngsten Gemeinderat

„Jugend ist meine Lobby“

Von Daniela Otto

Macht die Kommunalpolitik zu wenig für Jugendliche? Sebastian Franz, gelernter Konditor und derzeit Abiturient, muss es wissen. Der 24-Jährige ist der jüngste Gemeinderat Holzkirchens. Ein Gespräch über die Notwendigkeit, der Jugend eine Stimme zu verleihen.

"Ich sehe mein junges Alter als Vorteil, wobei natürlich Jugend allein keine Kompetenz ist" - Sebastian Franz will der Holzkirchner  Jugend eine Stimme verleihen.
Sebastian Franz will der Holzkirchner Jugend eine Stimme verleihen.

Holzkirchner Stimme: Sie haben während der Wahl ein spezielles „Wahl-Eis“ kreiert.

Sebastian Franz: Ja, man konnte sich sozusagen die Lieblingskoalition im Eisbecher selber zusammenstellen. Im Verkauf hatten wir alle Parteien angeboten. Für die CSU gab es ein schwarzes Schokoladen-Sorbet, für die SPD ein rotes Erdbeer-Käsekuchen-Eis und für die Grünen haben wir ein veganes „Grünes Smoothie-Sorbet“ entworfen.

Holzkirchner Stimme: Ist das ein klarer Fall von kulinarischer Wählerbestechung?

Sebastian Franz: (lacht) Nein, wir wollten, dass die Politiker mehr Eis essen und sich die Eisesser mehr mit Politik beschäftigen und wählen gehen.

Holzkirchner Stimme: Und welche Partei ist als Sieger hervorgegangen?

Sebastian Franz: Schwer zu sagen. Eistechnisch waren die Freien sehr gefragt – das war Mango-Maracuja.

Holzkirchner Stimme: Woher kommt Ihr Interesse für Politik?

Sebastian Franz: Gute Frage. Es wäre zu einfach zu sagen, dass es durch meinen Großvater kommt, der war 24 Jahre lang im Gemeinderat tätig. Aber natürlich ist mein politisches Interesse dadurch geweckt worden. In die Politik zu gehen war aber alleine meine Entscheidung. Und diese beruht vor allem auf meiner Neugier, die Hintergründe kennenzulernen, meiner Lust am gesellschaftlichem Engagement und der Liebe zur Diskussion.

Holzkirchner Stimme: Sie sind 24. Man wirft ja der Jugend oft vor, dass sie politikverdrossen sei. Wie beurteilen Sie das?

Sebastian Franz: Ich würde das nicht so sagen, die Jugend ist nicht politikverdrossen. Aber viele haben vielleicht Angst, sich auf eine politische Richtung festzulegen. Sie denken, dass sie sich durch politische Anteilnahme in ihrer Meinung einschränken müssen, also quasi so argumentieren müssen wie die Partei. Natürlich muss man in der Politik eine Meinung haben, zu der man steht und die man in der Öffentlichkeit vertritt. Ich denke, dass sich manche durch diese Notwendigkeit zur klaren Positionierung abschrecken lassen. Dabei bietet politisches Engagement so viele Gestaltungsmöglichkeiten, vor allem in der eigenen Heimatgemeinde.

Holzkirchner Stimme: Sind die jungen Leute also einfach entscheidungsschwach?

Sebastian Franz: Nicht unbedingt entscheidungsschwach, aber man ist vielleicht etwas bequem. Wir halten uns gerne Möglichkeiten offen, das macht es im Leben oft einfacher. Aber letztendlich hat ja jeder eine eigene Meinung zu gewissen Themen, aber sie wird vielleicht zu wenig verfolgt bzw. reflektiert. Positionen machen immer angreifbar. Das gilt auch im Gemeinderat: Man muss für oder gegen etwas sein. Enthaltungen gibt es nicht.

„Ich sehe mein junges Alter als Vorteil“

Holzkirchner Stimme: Wo wir schon beim Gemeinderat sind: Die meisten Ihrer Kollegen sind nicht nur älter, sondern auch schon länger dabei. Wie behauptet man sich da?

Sebastian Franz: Ich sehe mein junges Alter als Vorteil, wobei natürlich Jugend allein keine Kompetenz ist. Aber sie ist meine Lobby, die ich vertrete. Neue Perspektiven beleben den Gemeinderat. Ich betrachte viele Punkte aus einem anderen Blickwinkel als meine erfahrenen Kollegen und kann sicher frischen Wind in die ein oder andere festgefahrene Diskussion bringen. Vielleicht muss man am Anfang aber auch so manchen frech reinbringen. Ich sehe mein Alter also nicht als Hindernis, sondern als große Chance. Und ich denke nicht, dass ich Durchsetzungsprobleme haben werde. Auch wenn man man am Anfang noch ein Wissensdefizit hat.

Holzkirchner Stimme: Und wie wollen Sie das beseitigen?

Sebastian Franz: Natürlich muss ich mich in viele Themen erst einmal einarbeiten. Aber die wichtigsten Infos bekommt man in Gesprächen und durch Nachfragen – und da erweisen sich meine Kollegen als sehr geduldig. Wichtig ist mir überhaupt ein überparteilicher Konsens, statt Zäune um die eigene Fraktion zu ziehen

Holzkirchner Stimme: Jugend ist ein wichtiges, aber vielleicht noch unterbelichtetes Thema in Holzkirchen, mit dem auch wir uns als Redaktion zukünftig intensiver beschäftigen werden. Rein altersbedingt, fühlen Sie sich bei dem Thema angesprochen?

Sebastian Franz: Natürlich. Ich kann mich aufgrund meiner 24 Jahre mit typischen Jugendproblemen identifizieren. So zum Beispiel, wenn ich nach einer Feier von München nach Hause fahren will: Die letzte S-Bahn fährt zu früh, die erste zu spät. Hier wäre ein Nachtzug wichtig. Aber ganz unabhängig vom Alter sollte das Thema Jugend für alle Gemeinderäte eine große Rolle spielen. Immerhin war ja jeder mal in dieser Lebensphase gewesen, das sollte man nie vergessen.

Holzkirchner Stimme: Sie sind hier aufgewachsen. Wie war Ihre Jugend in Holzkirchen?

Sebastian Franz: Bis ich 19 war, habe ich in Hartpenning gewohnt. Ich habe viel Zeit mit Fußball spielen und in der Natur verbracht. Hartpenning ist ja noch abgeschiedener als Holzkirchen. Der Schulbus fährt heute noch lange hin, weil er erst Roggersdorf und die anderen Dörfer abklappert. Man hat sich hier halt zu helfen gewusst, zur Not bin ich auch mal nach Hartpenning gelaufen.

Holzkirchner Stimme: Wie lange läuft man da?

Sebastian Franz: So eine Dreiviertelstunde etwa. Es sind halt manchmal kreative Lösungen gefragt.

„Ich hatte viele Freiräume“

Holzkirchner Stimme: Und Ihr Bezug zu Holzkirchen in jungen Jahren?

Sebastian Franz: Ich habe auch viel Zeit in der Konditorei meiner Eltern verbracht. Dort habe ich schon früh viele Gespräche am Stammtisch verfolgt, nebenbei Hausaufgaben gemacht und mich mit zunehmendem Alter auch mehr daran beteiligt. Stammtische sind etwas typisch Bayrisches und auch heute wird hier noch politisch debattiert, mal mehr und mal weniger gewinnbringend.

Holzkirchner Stimme: Welches Gefühl assoziieren Sie mit Ihrer Jugend? Gibt es so etwas wie den „Holzkirchner Teen Spirit“?

Sebastian Franz: Ich verbinde ein gutes Gefühl mit meiner Jugend. Ich hatte viele Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Sicher hat da auch eine gewisse ländliche Geborgenheit eine Rolle gespielt.

Sebastian Franz verbindet ein gutes Gefühl mit seiner Jugend - und will, dass es den Jugendlichen in Holzkirchen genauso geht.
Franz verbindet ein gutes Gefühl mit seiner Jugend – und will, dass es den Jugendlichen in Holzkirchen genauso geht.

Holzkirchner Stimme: Wie nehmen Sie die Jugend derzeit im Ort wahr?

Sebastian Franz: Ich habe den Eindruck, dass die Jugendlichen die Möglichkeiten, die sie hier haben, immer mehr nutzen. Sie drängen nach draußen, wollen sich bewegen und die Zeit gemeinsam verbringen. Das zeigen zum Beispiel der Skatepark oder der neue Beachvolleyballplatz, die, sobald das Wetter halbwegs mitspielt, immer stark besucht sind.

Holzkirchner Stimme: Reichen diese Plätze wirklich aus? Während der Recherchen zu dem Thema haben mir viele Jugendliche unabhängig voneinander genau das erzählt, nämlich dass ihnen ein Ort zum Verweilen fehlt. Holzkirchen wächst ja auch, ist ein Schulzentrum geworden – quasi ein Ballungszentrum für die Jugend. Verschläft die Politik die damit einhergehenden Bedürfnisse der Jugendlichen?

Sebastian Franz: Holzkirchen hat in den letzten Jahren wirtschaftlich viel nachgeholt. Plätze wie der Skatepark sind nicht selbstverständlich, im Prinzip ist das schon ein gewisser Luxus, über den wir uns freuen sollten. Die Sportplätze und Freiflächen für die Jugend gilt es zu bewahren und nicht durch zu strenge Öffnungszeiten einzuschränken.

Zwischen den Generationen braucht es Vermittler

Holzkirchner Stimme: Die Jugendlichen klagen aber trotzdem über zu wenig Platz.

Sebastian Franz: Es gibt sicher noch viele Flächen, die man hier besser nutzen könnte. Gegenüber dem alten Krankenhaus zum Beispiel ist ein Park, der quasi ungenutzt ist. Ich könnte mir hier zum Beispiel einen „Trimm Dich Pfad“ vorstellen, eine Art Hindernis-Parcours. Oder auch ein Freibad, das könnte man auch wieder ins Spiel bringen.

Holzkirchner Stimme: Wo stellen Sie sich das vor?

Sebastian Franz: Eine Möglichkeit wäre beim Moorhölzl, Richtung Hartpenning raus.

Holzkirchner Stimme: Bleiben wir beim Thema Wachstum. Holzkirchen ist städtisch geworden. Viele Politiker beschwören die heile Welt und betonen, wie schön es hier ist. Diese Idylle lässt sich nicht abstreiten. Aber schaut man genauer hin, ist in Holzkirchen gewiss nicht alles Gold was glänzt. Es gibt auch hier Jugendliche mit wirklich erschütternden Problemen – Alkohol ist nur die Spitze des Eisbergs. Verschließen wir als Bürger – aber auch die Politiker – vor diesen Wahrheiten schlichtweg die Augen?

Sebastian Franz: Nein, aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten. Die jugendliche Lobby in Holzkirchen weißt noch einige Defizite auf. Da gehören Vermittler her. Wir haben in Holzkirchen beispielsweise auch einen sehr aktiven Streetworker, Christian Probst. Den sehe ich zum Beispiel als eine solche Vermittlerfigur an. Der hat auch einen unglaublichen Stand bei den Jugendlichen und leistet wirklich gute Arbeit.

Holzkirchner Stimme: Aber das Vorurteil der „schlimmen Jugend“ hält sich.

Sebastian Franz: Ich weiß nicht, ob ich das so bestätigen kann. Oft wird von wenigen auf viele geschlossen. Wir haben hier in Holzkirchen keine großen Randale und die meisten Jugendlichen pflegen einen sehr respektablen Umgang miteinander. Hier müssen Freiräume für die Jugend geschaffen werden, an denen sie sich abends aufhalten können.

Die Bedeutung des Jugendgemeinderats

Holzkirchner Stimme: Dass vieles gut läuft, ist begrüßenswert. Aber haben Erwachsenen die Probleme der Jugendlichen wirklich genug auf dem Radar?

Sebastian Franz: Da ist was dran. Es ist klar, dass man sich mit Problemen nicht so gern beschäftigt. Viele wissen auch nicht dass es hier überhaupt einen Streetworker gibt. Man sollte hierfür – auch medial – ein besseres Bewusstsein schaffen, eine Sensibilisierung für diese Themen herbeiführen.

Holzkirchner Stimme: Wie genau lässt sich die Kommunikation zwischen Jugendlichen und Erwachsenen fördern?

Sebastian Franz: Politisch gesehen ist es wichtig, dass verschiedene Altersklassen im Gemeinderat vertreten sind. Wichtig ist auch der Jugendgemeinderat. Den gibt es in vielen großen Städten, wo er fest im Gemeinderat etabliert ist. Hier in Holzkirchen wurde er vor drei Jahren ins Leben gerufen.

Holzkirchner Stimme: Aber man hört nichts davon.

Sebastian Franz: Während des kommunalen Wahlkampfs waren wir bewusst nicht aktiv. Ich vergleiche den Jugendgemeinderat Holzkirchen gerne mit einer Pflanze. Die Gemeinde hat damals die Samen gesät, die Pflanze ist seitdem stetig gewachsen und hat neue Blätter bekommen. Jetzt wird es Zeit die Früchte zu ernten.

Holzkirchner Stimme: Und er braucht Dünger?

Sebastian Franz: Ja, nur manche Teile des Gemeinderates haben noch Vorbehalte gegen einen Jugendgemeinderat. Sie stören sich vielleicht an dem Begriff „Gemeinderat“.

Holzkirchner Stimme: Warum? Weil es zu mächtig klingt?

Sebastian Franz: Wahrscheinlich. Vielleicht wäre „Gremium“ ein passender Begriff. Die „gelebte Bürgerbeteiligung“ war im Wahlkampf ja ein großes Thema und der Jugendgemeinderat wäre genau das. Ich sehe diesen auch mehr als Ideenwerkstatt, ähnlich wie den runden Tisch „Rad“. Dort entwickeln engagierte Bürger, Fachleute und Marktgemeinderäte gemeinsam Ideen, um Holzkirchen für Radfahrer sicherer und angenehmer zu machen. Diese Ideen werden dann an die gemeindlichen Ausschüsse weitergeleitet und dort beschlossen. Hier gibt es noch viel zu tun. Vielleicht braucht der Jugendgemeinderat einen anderen Rahmen, das wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls sollte ein solches Organ, das die Interessen der Jugendlichen vertritt, fest in der Holzkirchner Kommunalpolitik vertreten sein. Auch haben wir zurzeit keinen Jugendbeauftragten in der Gemeinde.

Twittern Holzkirchens Gemeinderäte zukünftig?

Holzkirchner Stimme: In Berlin twittern die Abgeordneten inzwischen fleißig. In Holzkirchen noch kaum ein Gemeinderat, dabei hängen viele Jugendlichen permanent am Handy. Eine vertane Chance, die Jugend für Politik zu begeistern?

Sebastian Franz: Klar, jede Generation hat neue, eigene Kommunikationswege, die sie nutzt. Auch im Marktgemeinderat stellt das eine Herausforderung da. Während der Älteste im Gemeinderat die Informationen noch per Fax bekommt, kommunizieren wir Jungen per WhatsApp. Ich werde auf Facebook über meine Arbeit im Marktgemeinderat von Holzkirchen berichten, ein entsprechendes Profil besteht schon und Anfang nächsten Monat wird es veröffentlicht. Ob ich dann auch noch twittere wird sich zeigen.

Holzkirchner Stimme: Was diese Kommunikationswege angeht, ist noch viel Luft nach oben. Die Internetseite der Gemeinde Holzkirchen ist, nun ja, nicht gerade ansprechend.

Sebastian Franz: Da besteht auf jeden Fall Nachholbedarf, aber die Gemeindeverwaltung arbeitet gerade daran.

Holzkirchner Stimme: Aber das Spielchen ist doch relativ einfach, wie man die meisten Leute erreicht – per Internet. Auf der Gemeinde-Website findet man sogar die öffentlichen Sitzungen nur recht schwer. Versteht Holzkirchens Politik das Spiel einfach zu schlecht?

Sebastian Franz: Ich würde hier niemandem einen Vorwurf machen. Früher hat man einfach anders kommuniziert und sich informiert. Der Generationenwechsel ist im vollen Gange und unser neuer Bürgermeister ist ziemlich fit im Umgang mit den neuen Medien.

Holzkirchner Stimme: Zumindest der Idee eines Livestreams aus den Sitzungen hat Olaf von Löwis in dieser Legislaturperiode eine Absage erteilt. Aber vielleicht wird das ja noch was mit den twitternden Holzkirchner Gemeinderäten. Welchen Hashtag würden Sie denn für Holzkirchen einführen?

Sebastian Franz: #daumenhoch

Holzkirchner Stimme: Herr Franz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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