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Angespannte Ausbildungssituation im Landkreis

Wenn Azubis fehlen

Von Lydia Dartsch

In zehn Tagen beginnt für viele Jugendliche im Landkreis der vielbesungene „Ernst des Lebens“ – aber immer seltener mit einer Berufsausbildung. Auch heuer wird es viele „Leerstellen“ geben. Davon sind nicht nur Berufe in der Gastronomie und der Hotellerie betroffen. Einige Lehrstellen könnten allerdings mit Asylbewerbern besetzt werden. Eine Rottacher Firma geht voran.

Mit Blumen zu arbeiten ist eine schöne Sache. Aber viele Bewerber wissen nicht, worauf sie sich bei ihrer Berufswahl einlassen, berichten die Ausbildungsunternehmen. Foto/Archiv
Mit Blumen zu arbeiten ist eine schöne Sache. Aber viele Bewerber wissen nicht, worauf sie sich bei ihrer Berufswahl einlassen, berichten die Ausbildungsunternehmen / Archivbild

Bei Blumen-Baier in Rottach-Egern wird heuer die Lehrstelle zum Floristen beziehungsweise zur Floristin eine Leerstelle werden. Etwa alle drei Jahre bietet das Geschäft eine davon an, berichtet eine Mitarbeiterin auf Anfrage, deren Name nicht genannt werden soll. Die letzte Auszubildende sei super gewesen, sagt sie: „Die hat einen super Abschluss gemacht.“

Doch heuer ist der Wurm drin: „Die Herrschaften, die sich beworben haben, waren nicht geeignet“, sagt die Mitarbeiterin. Die Einen hätten nicht an Samstagen arbeiten wollen. Die Anderen hätten nicht gewusst, worauf sie sich beim Beruf des Floristen einlassen. Die Stelle wird wohl frei bleiben, sagt sie.

Bewerber ohne Wissen über den Beruf

Arbeiten, während andere Wochenende haben und sich vergnügen: Das ist auch im Hotel- und Gastronomie-Gewerbe der Fall. Daher sind Berufe wie Koch, Restaurant- und Hotelfachleute traditionell wenig beliebt bei Bewerbern. Daran hat sich auch heuer nichts geändert, heißt es seitens der IHK: „Es könnten schon mehr Bewerber sein“, sagt Daniela Böhm, Personalleiterin bei den Egerner Höfen.

Vier neue Azubis hat sie in diesem Jahr eingestellt. Immer noch sind Ausbildungsplätze in den drei Berufen ausgeschrieben. Jeweils eine würde sie gerne noch besetzen – bei besonders qualifizierten Bewerbern auch eine weitere. Doch genau an der Qualität mangele es, sagt sie: Viele haben zu wenig Wissen über und Interesse an dem Beruf, sagt sie.

Zu wenig Bewerber auch bei dafür untypischen Berufen

Eigentlich bewirbt man sich bereits bis zu einem Jahr vorher auf eine Ausbildung und tatsächlich sind im Lehrstellenportal der Industrie- und Handelskammer (IHK) schon erste Ausbildungsplätze für 2016 ausgeschrieben, mit Fristen ab November 2015. Bei Oberlandjobs findet man auch noch Ausbildungsplätze, die schon in diesem Jahr beginnen.

Ob alle gebotenen Lehrstellen auch besetzt werden, steht auf einem anderen Blatt: Mitte Juni waren im Landkreis Miesbach noch 312 Ausbildungsstellen unbesetzt. 181 Jugendliche hatten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Platz gefunden. Die IHK geht davon aus, dass am Ende des Monats weit über 100 Plätze unbesetzt bleiben werden. Im vergangenen Jahr waren es 208.

In diesem Jahr könnte auch der Ausbildungsplatz zum Zahntechniker frei bleiben, den KS Dentaltechnik in Rottach-Egern anbietet. Roman Kowalski, einer der beiden Geschäftsführer, glaubt nicht mehr daran, heuer noch jemanden zu finden: „In der Regel bewerben sich zu diesem Zeitpunkt noch diejenigen, die sonst nirgends untergekommen sind. Und die sind meist nicht geeignet“, sagt er. Die bisherigen drei Azubis hätten einen sehr guten Abschluss gemacht.

Fehlende Azubis heute sind fehlende Fachkräfte morgen

Die Leerstellen machen den drei Unternehmen noch keine Sorgen, heißt es bei ihnen auf Anfrage. Anders sieht das bei der IHK aus: Der Negativ-Trend der vergangenen Jahre setze sich fort, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher der bayerischen IHKs: „Die fehlenden Azubis von heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen.“

Ein Grund für die fehlenden Bewerber ist, dass immer mehr Jugendliche ein Studium anstreben, statt einer Ausbildung. Gleichzeitig sei die Quote der Studienabbrecher derzeit am höchsten: „Ich könnte mir vorstellen, dass da das eine oder andere Talent in der beruflichen Ausbildung besser aufgehoben wäre und da karrieremäßig durchstarten könnte“, sagt er.

Sind sie die Lösung beim Mangel an Auszubildenden: Asylbewerber in Tegernsee. Foto/Archiv
Sind sie die Lösung beim Mangel an Auszubildenden: Asylbewerber in Tegernsee. Foto/Archiv

Eine Chance, dem Bewerber- und künftigen Fachkräftemangel entgegen zu wirken sieht Schöffmann in der Ausbildung Asylsuchender. Dafür fordert die IHK die Umsetzung des sogenannten „3+2-Modells“, das dem Azubi ein Bleiberecht für die Dauer der Ausbildung und zwei Jahre darüber hinaus zusichert, um Berufserfahrung zu sammeln.

Der ausbildende Betrieb und der Auszubildende hätten damit ausreichende Planungssicherheit. Sollten die Fachkräfte danach doch abgeschoben werden, würden sie das Erlernte in ihr Land mitnehmen – also das Wissen exportieren und Deutschland in guter Erinnerung behalten, stellt Schöffmann sich das vor. Ein Teil der Forderung sei bereits umgesetzt, indem die Azubis nach dem neuen Bleiberecht zumindest für ein Jahr geduldet werden, sagt er.

Auch die Zahntechnikfirma KS will mit Flüchtlingen zusammenarbeiten. Ab September werde einer von ihnen ein Praktikum in der Firma beginnen, sagt Roman Kowalski: „Am Ende des Praktikums könnte der Ausbildungsvertrag zum Zahntechniker stehen“. Während des Praktikums könnte der Mann, der in seinem Herkunftsland Abitur gemacht hat, zeigen, dass er dafür geeignet ist. „Das machen wir auch mit deutschen Bewerbern“, so Kowalski. Das wichtigste, neben dem Verständnis für Naturwissenschaft, sei bei Asylbewerbern, dass ihre Deutschkenntnisse gut genug sind, um der Ausbildung zu folgen.


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