Die inklusive Schule

Der langsame Weg zum kooperativen Lernen

Von Rose Beyer

„Wer Inklusion will, sucht Wege. Wer sie verhindern will, findet Begründungen.“ Anton Grafwallner, Gmunder Gemeinderat und Behindertenbeauftragter im Landkreis, bringt das Thema auf den Punkt.

Seit dem laufenden Schuljahr gilt auch an den Schulen im Tal der Grundsatz der Inklusion. Das heißt: Wenn Eltern es wünschen, müssen Kinder mit erhöhtem Förderbedarf oder Behinderungen an Regelschulen aufgenommen werden. Doch wie soll das funktionieren? Die Schule, „die alle willkommen heißt“, ruft auch Zweifler auf den Plan.

Das Recht auf allgemeine Bildung von Anfang an

Gerade kommt die blinde Vreni im Kreuther Pausenhof an. Die Eltern bringen sie die kurze Strecke von zu Hause. Wäre sie nicht hier aufgenommen worden, hätte die Neunjährige vermutlich die Blindenschule in Unterschleißheim besuchen müssen.

Alle Kinder haben ein Recht auf eine nicht behindernde Erziehung und Bildung, so lautet der Grundsatz der Inklusion. Unabhängig von der schulischen Leistungsfähigkeit, von der körperlichen Ausstattung, vom Geschlecht, von der sozialen Herkunft, von der Herkunftssprache, von der Nationalität. Fünf Prozent der bayerischen Schüler haben einen erhöhten Förderbedarf. Beispielsweise wegen sprachlicher Defizite, Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten.

Die Kreuther Schulkinder kennen es nicht anders, als Vreni beim Turnunterricht einfach an die Hand zu nehmen und Fangspiele zu zweit zu machen. Sie ist mittendrin und gilt als „ganz normal“ – und das schon seit dem Kindergarten.

Auch hier ist Vreni keine Sonderwege gegangen, sondern besuchte die dörfliche Einrichtung, die gleich neben der Schule liegt. Deshalb ist ihr der Schulweg seit Langem vertraut. Die Eingangstür. Die wenigen Schritte bis zur alten Holztreppe, die in den ersten Stock führt, wo sich das Klassenzimmer befindet. Die Toiletten.

Förderkinder haben ein Recht auf besondere Unterstützung

„Damit sie ihre Sachen gleich findet, hat Vreni eine eigene Garderobe“, erzählt Klassenlehrerin Dagmar Voigt, die die Schülerin seit diesem Jahr unterrichtet. Das ist auch eine Regel, die die Inklusion fordert: Kinder mit Behinderung haben ein Recht auf besondere Unterstützung, die ihre Teilhabe nicht einschränkt. Und davon braucht Vreni etliche.

Eine Schulbegleiterin kümmert sich ausschließlich um das blinde Mädchen. Diesen Job teilen sich zwei Frauen während der Woche. Täglich von der 1. bis zur 4. Stunde wird die Schülerin beim Schreiben, Rechnen und Lesen unterstützt.

Lernen kann jeder nur selbst. Und Vreni ist laut ihrer Klassenlehrerin eine sehr gute Schülerin. Doch die Lehrsituation muss für Inklusionskinder so gestaltet werden, dass sie Lernen ermöglicht. Zu diesem Zweck benutzt Vreni auch spezielles Lehrmaterial. Sie lernt viel über Anfassen, liest viel am Rechner.

„Man muss mehr erklären und den Stoff anders aufbereiten“, erklärt Voigt. Beispielsweise Geometrie am Steckbrett statt auf Papier. Das geforderte Material muss die Lehrerin auch extra beantragen. In einer Übersetzungsstelle wird dann der Lehrstoff von der sogenannten Schwarzschrift – das ist die, die Sehende sehen – in die „Punktschrift“ oder „Braille-Schrift“ – für Nichtsehende – übertragen. Gerade hat Voigt das Material für die vierte Klasse bestellt.

Kleine Klassen in Kreuth – ein Vorteil für Vreni

„Das Geheimnis vom Dachboden.“ Dieses Buch lesen die Drittklässler über ein paar Wochen. Für Vreni steht es in zahlreiche Blättern in Braille-Schrift übersetzt in zwei dicken Ordnern auf ihrem Platz. Gerade schreiben die 18 Schüler eine Kurzprobe in Rechnen.

Dass die Klasse so klein ist, kommt Vreni zugute, denn so haben die Lehrer mehr Zeit für den Einzelnen. Fünf Rechenaufgaben sind auf dem Blatt in Braille-Schrift gefordert. Die Schülerin liest sie mit ihren Händen ab. Dann rechnet sie sie aus und tippt das Ergebnis nach und nach an ihrer Schreibmaschine ein.

Gleich daneben steht ein spezieller Computer, der mit einer Tastatur in Braille-Schrift ausgestattet ist. Auf dem Bildschirm erscheinen Vrenis Eingaben in Schwarzschrift. „Sodass ich es lesen kann“, sagt Voigt.

Auf diese Art funktionieren auch die Hausaufgaben, die unter anderem per E-Mail geschickt werden. Zusätzlich haben Vrenis Eltern für zu Hause einen Braille-Drucker gekauft, auf dem die Aufgaben übersetzt ausgegeben werden können.

Integration wirft Fragen auf

Integration funktioniert offenbar in Vrenis Fall. Ingesamt aber wirft sie zahlreiche Fragen auf: Sind die Schulen behindertengerecht? Wie viele Schulbegleiter stehen für die Betreuung zur Verfügung? Wer soll den Mehraufwand finanzieren? Das spezielle Lehrmaterial? Die Kosten für den Schulweg?

Anton Grafwallner, überzeugter Anhänger der Inklusion, hatte anlässlich der UN-Behindertenrechtskonvention Ende vergangenen Jahres einen Vortrag gehalten, der die Finanzierung infrage stellt. Laut Grafwallner gebe es keinen konkreten Ausbau- und Finanzierungsplan zur Umsetzung einer inklusiven Beschulung in Bayern. Es fehlten jegliche Regelungen zu den hierfür notwendigen personellen, finanziellen und sächlichen Ressourcen.

Jubelstimmung herrschte dagegen im Bayerischen Landtag zum fraktionsübergreifenden Zuspruch zur beschlossenen Inklusion im vergangenen Jahr. Auch Alexander Radwan, Mitglied des Bayerischen Landtags (CSU), befürwortet die Idee der Inklusion. Jedoch, so sagt er, könne man beim Vorgehen nichts erzwingen.

Für die nächsten beiden Schuljahre sind zusätzliche 200 Förderlehrer angekündigt – auf den Landkreis Miesbach entfallen für die Grund- und Mittelschulen 32, für Gymnasien 4 und für den Mobilen Sozialpädagogischen Dienst 64. Der Anteil der Planstellen an der Gesamtzahl der Lehrkräfte beträgt damit 0,07 Prozent. An Gesamtstunden an Grund- und Mittelschulen pro Jahr entspricht das 896. Doch reicht das aus, um die Schüler zu betreuen?

Grafwallner sieht das skeptisch: „Allein um im deutschlandweiten Ranking einen Mittelfeldplatz zu erreichen, wären zusätzlich weitere 2.000 Lehrer in dieser Schulart notwendig.“

Finanzierung und Personal

Die Förderschulen werden laut Radwan allerdings weiterhin gebraucht, auch wenn sich Eltern dafür entscheiden, ihre Kinder auf die Regelschule zu schicken. Reine Inklusionsschulen – das sind die mit mehr als zehn förderungsbedürftigen Kindern – gibt es im Landkreis bisher keine. Sogenannte Kooperationsklassen – mit jeweils bis zu fünf Förderkindern -, wie beispielsweise die 3. Klasse in Kreuth, gebe es dagegen etliche im Landkreis. Radwan betont, dass die Einzelfallentscheidung kindgerecht getroffen werden müsse.

Dabei ist die Finanzierung für den einen oder anderen Typ klar geregelt: Die Personalkosten trage der Freistaat Bayern. Sachaufwandsträger – also zuständig für Sachmittel und Schulweg – seien bei Grundschulen die Gemeinden, für höhere Schulen der Landkreis. Sie könnten sich aber laut Radwan ans Land wenden, wenn eine Finanzierung nicht möglich wäre.

Grafwallner ist diese Aussage zu wenig konkret. „Wer Inklusion will, der muss Geld in die Hand nehmen und genügend Lehrer bereitstellen und darf die kommunalen Schulaufwandsträger nicht zum Ausfallbürgen bestimmen.“ Der Verweis auf die Haushaltsgesetzgebung sei nicht gerade hilfreich, wenn es um den Aufbau einer inklusiven Schullandschaft gehe.

Der langsame Weg zum kooperativen Lernen

Die Integration aller Kinder von Anfang an erfordert einen gewissen Mehraufwand. Bringt im Gegenzug aber auch Vorteile. Beispielsweise können Mädchen wie Vreni später ein selbstbestimmtes Leben führen. Regelkinder lernen im sozialen Bereich viel dazu. Wichtige Erfahrungen für die Zukunft in einer sich verändernden Gesellschaft.

Für Grafwallner liegen die Vorteile für alle Beteiligten klar auf der Hand: Menschen mit Behinderung bringen neue Ideen, andere Sichtweisen, vielfältige Talente, zusätzliches Engagement ein. Das gesellschaftliche Leben wird reicher und vielfältiger.

Doch der Mehraufwand, um das Ziel zu erreichen, betrifft alle Beteiligten. Zwei Mal war Klassenleiterin Dagmar Voigt bereits auf einer Fortbildung. Auch der Alltag ist intensiver. Es ist ein Kunststück, nicht nur die Inklusionskinder zu fördern, sondern auch die „Normalen“.

Vreni ist kein typisches Beispiel für Inklusion. Aber ein wirksames. Ein gutes Beispiel dafür, dass Inklusion funktionieren kann. Weil alles passt und alle mithelfen, um sie möglich zu machen.

Eine Einschränkung, wie Vreni sie hat, ist anders zu sehen als die von Kindern, die mit Verhaltensauffälligkeiten oder geistiger Behinderung die Klasse stören. Die Kreutherin ist außerdem ein sehr offenes Kind, bemüht und positiv.

Dazu kommt, dass nicht nur Lehrer wie Voigt viel persönliches Engagement aufbringen, um die Gemeinschaft zu tragen. Auch der Schulverband und die Gemeinde zeigen eine hohe Bereitschaft, die Belange behinderter Menschen ernst zu nehmen, und schaffen die Basis, um die Integration auch finanziell zu ermöglichen.

Dass man – im Moment jedenfalls noch – Förderschulen braucht, ist Grafwallner klar. „In Finnland hat funktionierende Inklusion 30 Jahre gedauert.“


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