Tradition trifft auf Tierschützer und genervte Anwohner
Kuhglocken-Streit: Viel Lärm um nichts?

von Marius Mestermann

Bimmelnde Kuhglocken gehören traditionell zum Bergidyll, das ist in Bayern nicht anders als in der Schweiz. Nun schwappt jedoch auch die Debatte um ein Verbot der Glocken aus der Alpenrepublik nach Süddeutschland. Im Vordergrund die Frage: Leidet das Vieh unter dem klangvollen Gehänge? Auch schlaflose Nachbarn hatten sich über Kuhglocken beschwert, nicht weit vom Tegernseer Tal.

Auf der Königsalm tragen die Kühe nach wie vor Glocken.
Auf der Königsalm tragen die Kühe nach wie vor Glocken.

Die Debatte um Kuhglocken hat auch den Landkreis Miesbach begonnen. Ausgelöst wurde der Wirbel von Nancy Holten in der Schweiz. Die gebürtige Niederländerin sieht sich als Tierschützerin und gründete die Facebook-Gruppe „Kuhglocken out“. Holten befürchtet, dass die Glocken den Kühen schaden und ihr Verhalten negativ beeinflussen. Mit ihrer Initiative erzielte sie große öffentliche Aufmerksamkeit.

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Auslöser war eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur vom gestrigen Morgen. Dort wurde der bayerische Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes mit der Forderung zitiert, Kuhglocken abzuschaffen. Auf Nachfrage der Tegernseer Stimme stellte die Präsidentin Nicole Brühl jedoch richtig, dass man ein Verbot nur im Falle nachweisbarer Schäden für die richtige Lösung halte.

Eine im Juni veröffentlichte Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich legt nahe, dass das Verhalten von Kühen durch das Tragen von Glocken um den Hals gestört wird. Weniger Kau- und Kopfbewegungen sowie kürzere Liegezeiten der Tiere waren das Ergebnis eines dreitägigen Experiments. Die Forscher verwendeten allerdings fünfeinhalb Kilo schwere Kuhglocken.

GPS statt Glocken?

„Es gibt bislang nur diese eine Studie. Solange noch keine anderen wissenschaftlichen Resultate vorliegen, fordern wir auch kein Verbot“, so die Tierschützerin Nicole Brühl. Als Alternative zur Glocke wird immer wieder GPS-Technologie ins Spiel gebracht. Mithilfe satellitengestützter Ortung sollen die Tiere vom Bauern geortet und problemlos gefunden werden können.

Eigentlich eine nette Idee, aber Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayerns, hält nicht viel davon. Die Glocken seien unabdingbar, um die Kühe orten zu können, vor allem beim Almauf- und abtrieb. „Da geht man im Nebel fünf Meter an der Kuh vorbei und sieht sie nicht“, so Mair weiter. Kuhglocken seien zudem Teil einer jahrhundertealten Tradition in der Almwirtschaft: „Das haben schon die Kelten gehabt.“ Der Landwirt hat selbst an Tests zur GPS-Technologie teilgenommen, sieht sie jedoch kritisch:

Vergessen Sie’s! Die Technologie ist noch in der Entwicklung. Da gehen einem ständig die Akkus leer. Und am Ende ist es auch eine Kostenfrage.

Er halte die Diskussion über ein Verbot von Kuhglocken für „absoluten Quatsch“. Mair führt selbst einen Zuchtbetrieb und sieht seine Kühe durch die Glocken nicht gefährdet – weder durch den Lärm, noch durch das Gewicht. „Man muss das in Relation setzen: Das durchschnittliche Weidetier wiegt bis zu 700 Kilo und trägt eine Glocke, die zwischen ein und zwei Kilo schwer ist.“ Die Kühe seien daran gewöhnt, bestätigt auch Ruediger Obermaier vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen.

Einstweilige Verfügung: Streit um Kuhglocken in Holzkirchen eskaliert

„Bis jetzt hat es noch nie Erfahrungen gegeben, dass bei den Kühen seelische oder körperliche Schäden durch Glocken am Hals entstehen. So eine Glocke trägt schließlich auch zu einem ausgewogenen Charakter des Tiers bei“, so Obermaier. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen sei er generell vorsichtig. Obermaiers Kollegin Susanne Krapfl weist zudem darauf hin, dass es unterschiedliche Glockengrößen gibt:

Die einen sind normale Gebrauchsglocken, die sind kleiner und leichter. Die schwereren Schmuckglocken werden den Kühen nur nach erfolgreichem Almabtrieb umgehängt.

Georg Mair hat indes auch von dem Zwist zwischen einer Bäuerin aus Holzkirchen und ihrem Nachbarn erfahren. Ein Anwohner beschwerte sich über den Lärm der Kuhglocken von der benachbarten Weide, der ihn am Schlafen hinderte. Medienberichten zufolge erließ das Amtsgericht Miesbach als Reaktion auf die Beschwerde des Nachbarn eine einstweilige Verfügung gegen die Holzkirchner Bäuerin.

Zwischen 19 und 7 Uhr dürfen die Kühe nun in einem Abstand von 100 Metern zum Grundstück des Klägers nicht mehr weiden. Ohne Glocken wird es für die Landwirtin allerdings schwerer, ihre Tiere wiederzufinden, sollten diese einmal ausbüxen. Mair appelliert daher an alle Weidebesitzer, unter solchen Umständen doch einfach leisere Glocken zu nehmen. Denn mit Lautstärken um die 100 Dezibel werden Kuhglocken gerne mit Presslufthammern verglichen.

Die Debatte um Kuhglocken könnte daher auch im Tal weiter Fahrt aufnehmen, wenn sich wie in der Schweiz die Traditionalisten regen. Nancy Holtens Facebook-Seite „Kuhglocken out“ steht mittlerweile eine Initiative „Pro Kuhglocken“ gegenüber – mit fünfmal so vielen Fans. Auch eine Online-Petition gegen ein Verbot wurde gestartet, einige Deutsche haben bereits unterzeichnet. Eine ähnliche Seite namens “Kuhglocken unsere Tradition” erhält auch Zulauf aus dem Tegernseer Tal. Die Diskussionen zur Kuhglocke werden jedenfalls äußerst herzhaft geführt – in allen Ländern.

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