Der Glöckner von Gmund kommentiert
Lage, Lage, Lage

von Guido von Gmund

Alternder “Adabei” – vor allem im Tegernseer Tal lässt sich diese Spezies beobachten. Unser neuer Kolumnist hat sie ausfindig gemacht, als er von der Spitze seines Gmunder Kirchturms blickte.

Hier sitzt er, der Glöckner von Gmund. Hier sieht und hört er alles. Hier verliert sich – zwischen Glockengeläut und Nebel – der eine oder andere Gedanke.

Guido “der Glöckner” von Gmund:
Kaum jemand kennt ihn. Er sitzt im Turm der Gmunder Kirche und sorgt für das Geläut. Manche glauben, er sei der uneheliche Sohn eines verarmten Landadeligen, der hier sein Leben fristet. Andere meinen, ein Stoderer, der am Gasteig zu lange im Stau stand, habe ihn hier vergessen. Der Glöckner weiß alles und kommentiert es. Er braucht keinen Besen, um durchs Tal zu kommen. Er sieht und hört auch so noch gut.

Der Glöckner von Gmund kommentiert:
Das Alter ist grausam – auch zu mir. Das Aufstehen fühlt sich an wie zwei Jahre Tellerwaschen beim Käfer in Kaltenbrunn. Jede Bewegung führt zu einem Geräusch. Wer wüsste das nicht besser als der Talbewohner? Gottes Wartezimmer kennt vielfältige Versionen des Vergehens. Da nehme ich zum Beispiel jene, die ihre reichhaltige Tagesfreizeit in einer Tagesbar verbringen.

Da ist zum Beispiel der Tal-Hagestolz. Ich nenne ihn Immo-Ingo, sah ihn das erste Mal nach dem Mittagsgeläut in seinem Mercedes Coupé im Stau am Gasteig stehend. Er hielt sein Handy vor seiner Nase und redete hinein. Vor ein paar Jahren hatte ihn die Immobilienwelle von München oder Hamburg hergeschwemmt. Auf Sylt sei nichts mehr zu holen, erzählte er jedem. Da sei alles verkauft, und der Nebel im Winter ginge in die Knochen. Also blieb Immo-Ingo im Tal, hofft auf willige Kundschaft oder eine reiche Witwe. Die findet er hier oder drüben im Golfklub – beim perfekten Schnitzel vom Schröter Michi oder beim Waldfest in Ostin.

Er hat Fußballern mit Sprachfehlern und Schraubenfabrikanten aus Nordhessen zum Grundstück verholfen. Er kennt sich aus, ist eng mit den üblichen Talarchitekten. Sein bester Freund ist Blogger bei der FAZ, quasi seine Nabelschnur zur Hochkultur.

Wozu einen Spiegel, wenn es die eigene Frau auch tut?

Sein Gang ist schon ein wenig stockbeinig, die Hände zwar manikürt, aber die ersten Friedhofsblumen sind da. Das Haar hinten lang, vorn etwas dünn. Die Menükarte wird, so weit der Arm reicht, weggehalten. Aber es hilft nichts. Es bleibt verschwommen. Es gibt Abhilfe: Mode und Farbe sind die Stichwörter. Irgendwo und irgendwann hat seine Frau Immo-Ingo gesteckt, dass eine rote Hose besser kommt als eine Jeans bis zum Bauchnabel. Die ist zwar jetzt eine Spur zu eng im Schritt, aber das ist egal.

Dazu wird das schmale, sehr grüne Steppjäckchen getragen, der Truthahn-Hals wird vom Hermés-Halstuch verdeckt. Der Hagestolz sitzt und trinkt – meist einen Hugo oder Spritz oder Cappuccino mit Schuss. Er hofft auf Opfer. Junge Damen, denen er die Welt erklären kann, Spezln, mit denen er weitertrinken darf. Große Uhr, schnelle Autos und überschaubare Bildung („Hey, Mut zur Lücke, hahaha“).

Der Immo-Ingo ist ein Alles-Checker. Er weiß, wo was wie abgeht. Am Abend tippt er gern Haßkommentare gegen Gemeinderäte, die ihm nicht flott genug die Bauanträge durchwinken oder taucht bei Magnum-Champagner Partys auf, bis jemand fragt, ob er seine Tochter abholen wolle. Wer ihn mal sehen will: Er sitzt im Bräustüberl in Rufnähe eines Promi-Stammtischs, lacht mit, wenn dort gelacht wird. Hofft auf Aufmerksamkeit. Denn auch im Bräu gilt sein Motto: Lage, Lage, Lage.


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