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Gutachten zum Mobilfunknetz in Holzkirchen vorgestellt

Löchriges Netz: Vodafone zieht um

Von Marius Mestermann

Die Smartphone-App, Geißel der Menschheit: Weil Handys immer mehr Datenvolumen brauchen, muss auch der Ausbau der Mobilfunknetze stetig vorangetrieben werden. In Holzkirchen braucht Vodafone zwei neue Standorte, und die Gemeinde hat erstmals ein echtes Mitspracherecht. Nun soll ein Kompromiss gefunden werden zwischen guter Netzabdeckung und der Minimierung von Strahlung.

So kann es aussehen, wenn das Umweltinstitut München seine Immissionsanalysen visualisiert - im Gutachten für Holzkirchen sind dutzende solcher Karten enthalten. / Quelle: Beispielbild Umweltinstitut München
So kann es aussehen, wenn das Umweltinstitut München seine Immissionsanalysen visualisiert – im Gutachten für Holzkirchen sind dutzende solcher Karten enthalten. / Quelle: Beispielbild Umweltinstitut München

Mitten in einer wichtigen Sitzung passiert es: Jemand hat vergessen, sein Smartphone stummzuschalten, und so durchbricht ein Hagel von Klingeltönen die konzentrierte Atmosphäre. Möglich ist das nur, weil ein Mobilfunkmast in der Nähe die nötigen Daten für WhatsApp und Co. übermittelt. Im Sitzungssaal des Holzkirchner Gemeinderats ist der Empfang bestens – mit etwas Glück zeigt das Handy sogar „LTE“.

Und so wussten am Dienstagabend einige Gemeinderäte schon vor dem Ende der Sitzung, dass das Länderspiel in Hannover wegen einer Terrorwarnung abgesagt worden war – keine Eile also bei der Fahrt nach Hause, Datenverkehr per Mobilfunk sei Dank. Die Mobilfunkversorgung in Holzkirchen wird im Wesentlichen durch drei Konzerne gewährleistet: Die Deutsche Telekom, Vodafone und E-plus, das mittlerweile zum spanischen Unternehmen „Telefónica“ gehört.

Vorübergehend schlechte Versorgung: Vodafone sucht zwei neue Standorte

Vor exakt einem Jahr gab der Gemeinderat ein Gutachten bei Hans Ulrich vom Umweltinstitut München e.V. in Auftrag. Kostenpunkt: Rund 20.000 Euro. Als Vermittler trat Karl Bär (Grüne) auf, der selbst im Institut aktiv und für Freihandelsabkommen sowie Agrarpolitik zuständig ist. Geplant ist von Gemeindeseite ein sogenanntes „Mobilfunkvorsorgekonzept“, das nicht nur die Wünsche der Netzbetreiber berücksichtigt, sondern auch dem Gemeinderat einen gewissen Entscheidungsspielraum lässt.

Hintergrund ist eine gesetzliche Änderung am bayerischen „Mobilfunkpakt“, der mehr Einfluss für die Kommunen vorsieht. Im aktuellen Fall geht es um zwei Vodafone-Standorte. Einer der Funkmasten befindet sich im Gewerbegebiet, der entsprechende Vertrag ist schon ausgelaufen. Daher gibt es aktuell eine schlechte Versorgung. Der andere Standort ist auf dem Gebäude des Gasthofs zur Post in der Ortsmitte zu finden – der Vertrag endet ebenfalls bald.

Um Strahlungsimmissionen zu minimieren, aber trotzdem eine gute Abdeckung zu sichern, will die Gemeinde die Nachfolge-Standorte sorgfältig auswählen. Grundsätzlich soll jeder Netzbetreiber weiterhin drei Standorte in Holzkirchen selbst haben. Im Rahmen der „umfangreichen Untersuchungen“, so erklärt Hans Ulrich vom Umweltinstitut München, habe man insgesamt 40 mögliche Standortvarianten untersucht, 22 davon kämen für Vodafone in Frage.

Bis zu 30 Prozent weniger Immissionen

Während auf der Leinwand hinter ihm etliche Folien mit Messergebnissen und visualisierten Immissionen im Schnelldurchlauf erscheinen, erklärt der Experte für Elektrosmog, dass Vodafone durch zwei elliptische Bereiche eine weitere Eingrenzung vorgegeben habe. In diesen Gebieten kann die Gemeinde nun, auch auf Basis des vorgestellten Gutachtens, zwei neue Standorte vorgeben. Ein dialogisches Verfahren sei „auch in diesem Falle relativ aussichtsreich“, so Hans Ulrich.

Thematisiert wurde im Gemeinderat vor allem der Mobilfunkmast im Ortszentrum: Ulrich empfiehlt, ihn auf dem Dach des Oberbräu-Komplexes anzubringen – diese Variante sei am „immissionsgünstigsten“. Würden die Antennen genau entgegengesetzt ausgerichtet, so addierten sich die Strahlen nur geringfügig, so Ulrich. Die Folge: „Man kann das Doppelte auf denselben Standort packen.“ Bis zu 30 Prozent weniger Immissionen seien möglich. Dieser Wert liegt allerdings am unteren Ende der möglichen Reduktionsspanne.

Mobilfunk: ja. Strahlung: nein, danke. Die Gemeinde Holzkirchen hat ein Mitspracherecht. Quelle: Umweltinstitut München.
Mobilfunk: ja. Strahlung: nein, danke. Die Gemeinde Holzkirchen hat ein Mitspracherecht. Quelle: Umweltinstitut München.

Bürgermeister Olaf von Löwis bezeichnet die Ergebnisse des Gutachtens als „eindrucksvoll“. Man habe als Gemeinde „ein Instrument an die Hand bekommen, mit dem wir mehr Mitspracherecht haben.“ Vermittler Bär zeigte sich ebenfalls zufrieden und plädierte gleich für den Standort am Oberbräu. Wichtig sei vor allem, die Hoheit über die Verträge zu behalten – umso besser, wenn die Masten auf Gebäuden der Gemeinde stehen.

Daher sind als Standort im Gewerbegebiet auch die Gemeindewerke im Gespräch. Die Strahlungsimmissionen dürften unabhängig vom Standort zwar über dem bayerischen Mittelwert von 1,66 V/m (Volt pro Meter) liegen, so Ulrich. Höher als 5,1 V/m sind sie jedoch in keiner der untersuchten Varianten. Im Ortszentrum erscheint ein Wert um 3 V/m realistisch. Als Hauptursachen für den hohen Bedarf an Mobilfunkmasten nennt Hans Ulrich den ungeheuren Datenhunger von Smartphone-Apps.

Die Infrastruktur sei schon jetzt überbelastet. Besonders kritisch sieht er Musik-Streaming: „Das schaufelt die Netze zu.“ Für die folgenden Generationen rät er daher zu einer restriktiven Erziehung: 300 MB-Flats statt zwei oder gar fünf Gigabyte. Zu eventuellen gesundheitlichen Risiken der Mobilfunkstrahlung bietet das Umweltinstitut ausführliche Informationen an – natürlich im Internet.

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