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Verantwortliche in Agatharied warnen vor der Überbelastung

Medizinische Versorgung vor dem Kollaps?

Von Sabiene Hemkes

Rund 30 Prozent der Behandlungskapazitäten fehlen seit 2019 pandemiebedingt im Krankenhaus Agatharied. Schon längst befinden sich die Krankenhäuser in der Region an der Belastungsgrenze. Für die Verantwortlichen kommt das Ende der Coronaschutzmaßnahmen zu einem sehr kritischen Zeitpunkt.

In Agatharied wird das Auslaufen der Coronaschutzmaßnahmen als sehr kritisch eingeschätzt. / Archivbild

In einer Pressemeldung des Krankenhauses Agatharied bringen die Verantwortlichen ihre große Sorge über die Lockerungen der Coronaschutzmaßnahmen zum Ausdruck. Eindringlich warnen die Verantwortlichen vor den vielfältigen Auswirkungen, die der weitere Anstieg der Infektionszahlen auf das bereits völlig überlastete Gesundheitssystem in der Region haben wird.

Aufhebung der Coronamaßnahmen gefährden medezinische Versorgung

Weite Teile der Bevölkerung begrüßen die „neuen Freiheiten“ in der andauernden Pandemie. Nach über zwei Jahren und immer wiederkehrenden Infektionswellen wähnen wir uns im Kampf gegen das Corona-Virus auf der Siegerstraße. Doch machen Meldungen wie die aus dem Krankenhaus Agatharied und benachbarten Einrichtungen in der Region deutlich, dass wir noch lange Zeit mit den herausfordernden Folgen der Pandemie leben werden.

Dr. Michael Städtler, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Rettungszweckverband der kreisfreien Stadt Rosenheim und der Landkreise Rosenheim und Miesbach, lässt keinen Zweifel daran, dass die Lockerungen gravierende Konsequenzen nach sich ziehen werden.

Das macht Städtler an drei Hauptfaktoren fest. Zum einen prognostiziert er eine deutlich steigende Anzahl der Menschen, die wegen einer Coronaerkrankung stationär behandelt werden müssen. Zweitens werden seiner Einschätzung nach in der Folge der „Durchseuchung der Gesellschaft“ vermehrt Patienten, die wegen anderer Erkrankungen eingeliefert werden, das Virus in die Krankenhäuser bringen. Und drittens führen steigende Inzidenzen auch zu einem erhöhten Infektionsgeschehen bei den Mitarbeitern in den Einrichtungen und das bedeute, so betont Städtler, „massive Personalausfälle“.

30 Prozent der Betten für Nicht-Covid-Patienten fehlen aktuell

Schon jetzt fehlen im Landkreis-Krankenhaus Agahtaried rund 30 Prozent der Betten für Nicht-Covid-Patienten. Noch 2019 waren 350 Planbetten für die Versorgung der Patienten im Landkreis vorgehalten worden, wie Benjamin Bartholdt, Vorstand des Krankenhauses Agatharied informiert. Die Auslastung der Belegungsbetten habe vor der Pandemie zwischen 80 und 90 Prozent gelegen. Was Bartholdt als „typisch“ für „ein Haus der Grund- und Regelversorgung mit Akut- und Notfallmedizin“ beschreibt.

Die gesunkene Kapazität resultiere in erster Linie aus der Pandemiesituation. So seien, informiert die Klinikleitung, in den letzten beiden Jahren permanent zwei Stationen ausschließlich als Isolierstationen betrieben worden. Zudem werden auf anderen Spezial-Stationen Betten freigehalten für Coronapatienten, wie die Krankenhausleitung informiert. Ergänzend führe auch die Reduzierung von 4-Bettzimmer auf eine Belegung mit nur 2- oder 3-Bettbelegung zu einer weiteren Reduzierung der Gesamtkapazität.

Behandlungen wurden zu lange Aufgeschoben

Im Ergebnis führe die gesunkene Kapazität der Belegbetten schon seit längerem zu Engpässen bei der Aufnahme von Patienten in den Krankenhäusern, wie der Leiter des Rettungsdienstes im Rettungszweckverband berichtet:

Es wird zunehmend zu einem ernsten Problem, dass wir Patienten, die zwar keine schweren Erkrankungen haben, aber deren schlechter Allgemeinzustand und Schmerzen eine stationäre Abklärung notwendig machen würden, derzeit nicht behandeln können, weil uns aufgrund der Corona-Situation die Betten fehlen.

Das gelte sowohl für das Krankenhaus in Agatharied als auch die anderen Einrichtungen in der Region, die vom Rettungszweckverband gesteuert werden. Galt die Behandlung dieser Patienten während der letzten Monate noch als „elektiv und verschiebbar“, so kommen sie heute vermehrt als Notfälle in das Krankenhaus, berichtet Städtler weiter.

Versorgung nicht im eigentlich notwendigen Maße möglich

Eine Einschätzung, die auch Dr. Ulrike Witt, Leitende Oberärztin der Akut- und Notfallmedizin im Krankenhaus Agatharied teilt. Auch sie berichtet über einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Patienten, die als Notfälle eingeliefert werden, die „schon über einen längeren Zeitraum“ über Beschwerden und Schmerzen klagen. Die Oberärztin macht deutlich, welche Sorgen ihr die aktuelle Situation macht.

Die Tatsache, dass so nicht jedem Patienten im Landkreis die Versorgung zukommen kann, die er benötigt und für die ich ausgebildet wurde, stimmt mich nachdenklich und traurig.

Doch die Notärztin betont, dass das Team des Krankenhauses in Agatharied weiterhin alle Anstrengungen mobilisiere. Trotz der hohen Belastung aller Mitarbeiter sei die akute Notfallversorgung zu jeder Zeit gewährleistet.

Bis zu 100 Mitarbeiter täglich im Krankenstand

Die Klinikleitung macht aber darauf aufmerksam, dass alle Mitarbeiter des Krankenhauses seit Beginn der Pandemie unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Wozu die hygienische Intensivreinigung, das permanente Tragen der FFP2Masken, lange Arbeitstage und auch das Anlegen der „schweißtreibenden Schutzausrüstung“ gehöre. Seit Beginn des Jahres 2022 komme noch der hohe Krankenstand durch Corona hinzu. Täglich fallen zwischen 70 und 100 Angestellte aus, heißt es.

Schließlich macht das Virus auch vor der Belegschaft nicht halt und die Inzidenzen in Deutschland und dem Landkreis spiegeln sich auch beim Personal wider. Es fehlten „schlicht die Mitarbeiter, um auf Dauer eine verantwortbare Patientenversorgung aufrecht zu erhalten“, räumt die Klink ein. Der bereits vor der Pandemie bekannte Personalmangel in der Pflege werde durch die aktuellen Arbeitsbedingungen weiter dramatisch verschärft.

Pflegedirektor Sven Steppat kritisiert in dieser Situation auch besonders die anstehende Impfpflicht für die Berufsgruppen in der Pflege und der medizinischen Versorgung: „All dies geht zulasten der Patientenversorgung. Wenn schon eine Impfpflicht sein muss, dann sollte diese aber für die gesamte Bevölkerung gelten.“


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